Konstantin Voit, Werbeblock 2.0 (inspired by...), 294 Logos, Acryl auf Holz (kein Druck!), jeweils 30 x 40 cm (gesamt: 420 x 840 cm), 2024 ff., Foto: Yoshi Toscani, Fotomontage: Eva Mayer

Text zum Werbeblock

(von Dr. Kristina Hoge)

Die Bilder aus Konstantin Voits Werbeblock verführen den Betrachter mit der Leuchtkraft ihrer Farben und ziehen die Blicke schon von weitem magisch an. In der Nähe brillieren sie mit der Perfektion ihrer Oberfläche. Ganz bewußt bedient sich der Künstler hier der formalen Gestaltungsprinzipien der Werbewelt, die Grundlage und Ausgangspunkt für das Thema des Werbeblocks ist.

Was scheinbar so cool und easy daherkommt hat jedoch eine lange und eher konzeptionelle Vorgeschichte. Neben Malschablonen, Schildern, Flaggen oder anderen symbolhaften Objekten aus öffentlichem Kontext interessiert sich der Künstler seit über 30 Jahren für Werbelogos und hat eine grosse Sammlung zu diesem Thema zusammengetragen.

Logos müssen verständlich sein, unverwechselbar, einprägsam, leicht reproduzierbar. Genau diese Eigenschaften nutzt der Künstler und transformiert sie durch freie Variationen der bekannten Vorlagen in ein neues, anspielungsreiches und visuell ästhetisches „Kunstprodukt“. Durch die Eindeutigkeit der Bildmotive ist der Betrachter sofort angesprochen und fängt an zu rätseln: wo hab ich das schon gesehen? Auf diese Weise entwickelt sich unmittelbar ein Dialog zwischen Betrachter und Bild. Der Einstieg in die Welt der Kunst erfolgt „barrierefrei“, spielerisch und ohne große Vorkenntnisse. Die Irritation des vermeintlich Bekannten durch wenige verfremdende Eingriffe des Künstlers führt leicht zu Diskursen mit anderen Betrachtern, das heißt über das Bildobjekt wird Kommunikation angeregt. Für etwaige Unsicherheiten beim Enträtseln hilft der Blick auf die – wie in der Werbebranche – sauber beschrifteten Seitenränder: inspired by… liest man dort und den Hinweis auf die Marke, deren Logo der Künstler adaptiert hat. Der Aspekt der humorvollen Brechung und Irritation fordert den Betrachter zur Interaktion geradezu heraus und bietet durch die an den Seitenrändern verborgene „Aufklärung“ Spass an diesem Spiel.

Sollte man also vermuten, die Logos aus dem Werbeblock könnten rein über ihre Oberfläche und Ästhetik erfasst werden, so liegt man falsch. Bei genauerer Auseinandersetzung wird klar, dass dieser charmanten Mischung aus Oberflächenreiz und Irritation sehr viel mehr konzeptueller Gehalt innewohnt.

Voit arbeitet hier mit einer zeitgemäßen Form der appropriation art, indem er sich ein bestehendes Motiv „klaut“ und in einen eigenen Kontext überführt. Diese Vorgehensweise ist ebenso frech wie komplex und intelligent. Sie bietet Einblick in die Historie eines Mediums, ist selbst ein Stück Sozialgeschichte. Aneignung und Variation als zwei Vorgehensweisen, die in der Kunstgeschichte durchaus üblich sind, verschmelzen bei Voit zu einem komplexen Spiel mit dem Bildgedächtnis. Gleichzeitig wird mit grosser Konsequenz eine Strategie verfolgt, die ebenso subversiv, spielerisch und piratenhaft ist, wie linear, perfekt und zurückgenommen in der eigenen künstlerischen Handschrift.

In bewusster Anspielung auf Andy Warhols Factory agiert der Künstler unter dem Namen Malfabrik. Dies lässt sich nicht nur formal auf die Negation einer Sichtbarkeit von Pinselduktus und „Handgemachtem“ beziehen, sondern auch auf den Gedanken einer aus einem „fabrikartigen“ Produktionsprozesses resultierenden erschwinglichen Kunst, die mit der Philosophie eines „niedrigschwelligen“ Einstiegs in die Kunstwelt einher geht.

Blickt man auf den „Produktionsprozess“ der Malfabrik, so ist dieser im Gegensatz zu den Siebdrucken bei Warhol nicht technisch reproduziert, sondern doch individuell erstellt in Handarbeit mit Acrylfarben auf Holzgrund gefertigt und der Künstler selbst ist zugleich Direktor und einziger Arbeiter in der Malfabrik. Schein und Sein fallen also auch in diesem Bereich von Voits Kunst auseinander und persiflieren so einmal mehr die Mechanismen der Welt von Kunst, Marketing und Konsum.



(Dr. Kristina Hoge studierte Kunstgeschichte und Geschichte in Heidelberg, 2007 Gründung der Galerie p13, seit 2019 Leiterin des Xylon Museum Schwetzingen, seit 2025 Kunstbeauftragte der Stadt Walldorf)