Sarah Debatin zu den Namensbildern von Konstantin Vit

Seit einigen Jahren schon macht es sich Konstantin Voit zur Aufgabe, in seiner Malfabrik erschwingliche und ungewöhnliche Kunstwerke nach Kundenwunsch anzufertigen. Das schon fast Held-der-Arbeit-hafte Motto lautet „Kunst für alle – Alles für die Kunst!“ und wird mit großer Energie und marktwirtschaftlichem Geschick verfolgt. Dabei hilft die Tatsache, dass alle Bilder, die er in sogenannten Blöcken organisiert, keinen Unikatcharakter haben, sondern in Auflagen von – je nach Werkgruppe – max. zehn bis zwanzig in der hauseigenen Manufaktur hergestellt werden. Als Fabrikdirektor – und einzigem Angestellten – herrscht er über ein Reich aus Sprühdosen, Leinwänden und zahlreichen anderen Utensilien, von denen später noch die Rede sein wird.

Seit 2005 widmet sich Voit der Serie der Namensbilder. Dabei handelt es sich um Portraits, die nicht die Gesichtszüge des Dargestellten zeigen, sondern seinen Namen in Verbindung mit Symbolen abbilden. Sie sind, für die Dauer der Ausstellung LIONS ART im Block gehängt, auf der Galerie des Mannheimer Kunstvereins zu sehen.

Gegenstände und Attribute spielten in der Bildnismalerei immer schon eine wichtige Rolle. Sie verweisen auf den Stand und die Interessen des Dargestellten und sagen im Idealfall etwas über seinen Charakter aus. Wenn Konstantin Voit den Namen, den sein Bild tragen soll, vom Auftraggeber erfragt, dann gleicht das einer Therapiesitzung. Er erkundigt sich nach dem Temperament des Dargestellten, danach was ihn begeistert, was ihn beschäftigt und ausmacht. Dann wählen Auftraggeber und Künstler gemeinsam aus einer bereits bestehenden Liste Motive aus, die die Buchstaben des Namens im Bild ergänzen. Oft sind dies Dinge, die mit den Lettern im Bild korrespondieren, z.B. I-N-A: Indianer, Nashorn, Astronaut. Dem Künstler bleibt überlassen, wie er Name und Motiv zusammen bringt, das Bild komponiert und die Fülle der Einzelelemente möglichst harmonisch auf dem vorgegebenen Format von 30x40cm oder 60x80cm vereint.

Eine Untergattung der Namensbilder zeigt Prominente, Künstler, Städte, Länder, Romanfiguren und Filme, wie zum Beispiel den Western „Zwölf Uhr Mittags“, den Regisseur Alfred Hitchcock, den Maler Gerhard Richter, Michel aus Lönneberga und die Meuterei auf der Bounty. In dieser Serie bestimmt der Künstler selbst, welche Figuren und Gegenstände mit dem einzelnen Namen in Verbindung gebracht werden und regt den Betrachter an, seinen Assoziationen zu folgen und sie zu entschlüsseln. Die Bilder werden auf der Website des Künstlers und in Ausstellungen gleichberechtigt mit den privaten Namensbildern präsentiert, so dass der Betrachter rätseln muss, ob es sich bei „BUSTER“ und „FRANZ“ um echte Prominenz oder um Normalsterbliche handelt. Die Symbole können weiterhelfen, wenn sie auch oft verschlüsselt sind. So steht der jonglierende Clown in „FRANZ“ für den Ballkünstler Franz Beckenbauer. Wenn man ein Detail entschlüsselt hat, ergeben sich auch die übrigen meist wie von selbst, oder man wird überhaupt erst auf ein verstecktes Detail aufmerksam.

Konstantin Voits Porträts sind Rätsel, in die die Lösung schon klar eingeschrieben ist. Sie tragen in Großbuchstaben unmissverständlich zur Schau, wen sie darstellen. Zugleich sind sie nur für diejenigen lesbar, die den Porträtierten tatsächlich gut kennen. Und das, obwohl sie so einfach und naiv wie Piktogramme daherkommen. So wahren sie bei aller Verspieltheit eine Exklusivität, die erst auf den zweiten Blick zutage tritt.

Die Namensbilder zeugen im positivsten Sinne von geradezu kindlichem Gestaltungswillen, was nicht zuletzt daran liegt, dass sie fröhlich-bunt sind und ihnen ein typisches Kinderzimmerutensil zugrunde liegt: die Malschablone.

Mehr als 3000 Exemplare dieser aussterbenden Art hat Konstantin Voit in den letzten Jahren gesammelt und katalogisiert. Sie sind – neben der Farbe, die aufgesprüht wird – das ausschließliche Gestaltungsmittel seiner Bilder. Was sich nicht auf Schablone findet, muss durch ein formal oder gedanklich naheliegendes Element ersetzt werden. Auch die Buchstaben und Zahlen auf Konstantin Voits Namensbildern oder sonstigen Werken entstammen dieser Sammlung und wurden auf das jeweilige Format hochgerechnet und ausgeplottet.

Beschränkung und künstlerische Freiheit sind die Eckpunkte seines Schaffens, und in der Tat besticht im Werk Konstantin Voits der unbedingte Wille zur Unterordnung unter „das System“. Das System ist eine Sammlung von philosophischen Ideen und künstlerischen Prinzipien, popkulturellen Verweisen und Gegenständen, die den Künstler zum Teil schon seit seinem Studium beschäftigen und inspirieren. Es ist äußerst komplex, bestehend aus Hunderten von Einzelelementen, die aufeinander verweisen und miteinander verbunden sind wie ein vielmaschiges Netz. In ihm wurzeln alle bestehenden und künftigen Werke, und damit ist es der wichtigste Schlüssel zu den unendlichen Weiten von Voits Bilder- und Gedankenwelten.

Diese Weiten auszuloten, fällt schon bei der Werkgruppe der Namensbilder schwer. Um einiges komplexer sind jedoch die neu entstandenen, großformatigen Arbeiten, die in der Mannheimer Ausstellung erstmals zu sehen sind. Auch auf ihnen finden sich Figuren aus den Schablonen wieder, doch geht Konstantin Voit in dieser Serie viel freier mit seinem Bildvokabular um. Er verfremdet die bekannten Malfabrikmotive, löst sie auf und ergänzt sie mit freier Malerei. Der Entstehungsprozess ist im Vergleich zu den Kleinformaten viel komplexer, da der Künstler statt zur Sprühdose zum Pinsel greifen muss, um der Leinwandgrösse von 240x170cm beizukommen. Hinzu kommt, dass sich das Werk aus zahlreichen Einzelschichten aufbaut, die einander überlagern und teilweise auch durch die darüber liegenden Schichten hindurch noch zu sehen sind. Dabei entsteht ein Gemälde aus vielen, übereinandergelegten Bildern. Jede Stufe ist für sich schon sehenswert, aber der Vorgang ist langwierig und erst abgeschlossen, wenn Konstantin Voit das Gefühl hat, das alles stimmt und das Bild die notwendige Ausgewogenheit erreicht hat.

Speziell für die Ausstellung und die Mannheimer Lions-Clubs hat Konstantin Voit das offizielle Lions-Emblem bearbeitet und entsprechend seiner Logo-Serie ironisch gebrochen. Das „Lie on“-Logo ist als Edition erhältlich und soll den jungen Geist der zweiten LIONS ART Schau unterstreichen.

Konstantin Voits Bilderkosmos wächst und entwickelt sich beständig weiter, das zeigen nicht zuletzt die neuen, großformatigen Gemälde. „Paint on – mal weiter!“ möchte man dem Künstler zurufen.

Text: © 2008 Sarah Debatin



Sarah Debatin ist Kuratorin beim Kunstverein Ludwigshafen.