Peter Stamer zum Werbeblock von Konstatin Voit
Katalogtext zur Ausstellung in der Rudolf-Scharpf-Galerie, Ludwigshafen 2004
Malfabrik
Der Künstler Konstantin Voit ist Fabrikdirektor. Er leitet eine Malfabrik, in der Bilder in Serie hergestellt werden: Tatsächlich orientiert sich Konstantin Voit in seiner Arbeitsweise an industriellen Fabrikationsprinzipien, wonach die Produktion von Waren und Gegenständen nach standardisierten Verfahren erfolgt. Voits Standard ist der bildnerische Einsatz von Motiv-Schablonen, mit denen er für seine im DIN-Format gehaltenen Bildserien Figuren oder Piktogramme auf monochrom grundierte Farbflächen aufsprüht.
Schablonen, in Kindermalsets oder auch Nutellagläsern zu finden, sind industriell gefertigte und weltweit vertriebene Massenwaren, die eine zunehmend internationalisierte Formen- und Zeichensprache etablieren helfen. Formal verdichtet tragen sie im Negativ alle wesentlichen Bildinformationen, die durch Nachzeichnen der Umrisse im Bild ins Positiv verkehrt werden, wobei allerdings immer nur das in sie gestanzte Bildschema realisiert werden kann. Schablonen bilden damit die Blaupause eines riesigen Formenrepertoires, dessen Verbreitung auf der identischen Reproduktion der jeweiligen Mustervorlage beruht.
Logo und Logik
Es ist genau dieses Prinzip der Wiederholung und Verdichtung, in dem sich die Logik der Schablone mit jener des Werbelogos trifft. Werbelogos wollen die positiven Eigenschaften eines Produkts oder einer Marke in einem einzigen, markanten Schriftzug oder Piktogramm kurzschließen und darüber eine formal knappe, inhaltlich jedoch reiche Botschaft kommunizieren.
Diese semantische Verdichtung des Logos soll einen hohen Wiedererkennungswert und Unverwechselbarkeit garantieren, damit das Logo durch penetrante Medien- und Alltagspräsenz schließlich mit der Marke oder dem Produkt eindeutig identifiziert werden kann. Logos ziehen ihre Wirkmächtigkeit und Suggestionskraft aus dieser symbolischen Einfachheit und ikonischen Wiederholung. Sie setzen sich dadurch im allgemeinen kulturellen Bildgedächtnis fest und sind daraus leicht abrufbar.
Marken und Zeichen
Für seinen in den Jahren 2001 bis 2003 entstandenen hundertteiligen Werbeblock macht sich Konstantin Voit dieses Marken- und Bildwissen zunutze. Er transformiert dabei die Logos, Schriftzüge oder Piktogramme von bekannten Markenartikeln durch von Schablonen bereitgestellte und standardisierte Formen, Zeichen, Bilder. In das Signet von Klosterfrau hat er das Bild eines englischen Gardesoldaten integriert, im weißen Nike-Logo lässt er einen Indianer Kanu fahren, das große, gelbe und geschwungene „M“, das weltweit für Fastfood der Firma McDonald’s wirbt, wird hier markiert durch die Fühler eines angedeuteten Schalentiers. Die vom Original bekannte und überlieferte Farbkombination sowohl von Bildhintergrund wie auch Signet behält Konstantin Voit bei.
Voits Veränderungen der Warenlogos folgen insgesamt den Transformationsverfahren der Hinzufügung und Ersetzung. Zum einen ergänzt der Künstler die bekannten grafischen Elemente durch Figuren oder objektbezogene Bildzeichen. Das kapitale „N“, das für Neckermann-Reisen steht, wird von einem Luxusdampfer gekreuzt, während im roten Martini-Label zwei Liegestühle nebst Tisch zur blauen Stunde einladen. Diese piktografischen Ergänzungen schießen dem Logo zusätzliche Informationen zu, die, manchmal ironisch brechend, manchmal inhaltlich begleitend, auf den Verwendungszweck der Marke aufmerksam machen. Innerhalb des weißen Fuji-Rahmens auf grünem Grund sind deshalb mit dem Arc de Triomphe oder der Freiheitsstatue die Piktogramme von bekannten Wahrzeichen von Weltstädten zu finden, die von Urlaubern immer wieder – mit Filmen von Fuji ? – fotografiert werden.
Tausch und Täuschung
Zum anderen substituiert Voit die mit einem Produkt assoziierten Formen oder Schriftzüge durch andere Bildzeichen. Für die Lufthansa schwebt bei Voit ein Kolibri anstelle eines Kranichs durch die Lüfte, während die vier Buchstaben von IKEA durch Piktogramme aus der Wohnwelt dargestellt werden. Die Ersetzungen erfolgen teilweise so unspektakulär, dass es mitunter mehrerer kontrollierender und vergleichender Blicke bedarf, um die Unterschiede überhaupt erst auszumachen, wie im Falle Skoda. Und dennoch scheint jede noch so kleine ikonische Differenz gerade erst die Wirkmächtigkeit von Form und Farbe der Logos aufs Neue zu bestätigen.
Durch das Prinzip des Informationszuschusses und der Substitution schließt das neue Logobild die Marken- mit der eigentlichen Wortbedeutung kurz und zeigt deren assoziative Kraft und semantische Tiefe. Für Tempo ersetzt Voit den Schriftzug durch das Bild eines temporeichen Schnellzuges, das, zwischen die beiden Geschwindigkeit verheißenden Strichschwünge gesetzt, auf die Doppeldeutigkeit des Markennamens anspielt und das Produkt als ein „schnell griffbereites“ beim Wort nimmt. Zwischen die Umrisse eines kleinen Jungen und eines Mädchens, die für die beiden Buchstaben der Bekleidungskette C&A stehen, setzt Voit das Piktogramm eines Drehkreuzes, wie es häufig in Eingangsbereichen von größeren Kaufhäusern zu finden ist. Das Bildzeichen verweist jedoch nicht nur auf das thematische Feld „Kleidergeschäft“, es steht, in einer übertragenen Bedeutung, als (Dreh-)Kreuz auch für das Plus-Zeichen, welches im Sinne der verbindenden Kopula „und“ den Markennamen erst vervollständigt.
Voit versetzt die Original-Signets mit ikonischen und semantischen Zwischentönen, die ein Verweisungsspiel und einen Bedeutungsaustausch der Bilder und Wörter auslösen und über die ökonomische Indienststellung der Bildmetaphern hinausdeuten. Der Malfabrikdirektor und Künstler erobert damit den massenhaft zirkulierenden Labels und Logos ihren Status als reine Bilder zurück. Dass ihm das mit Hilfe von Bildschablonen, von industriell gefertigter Massenware also, gelingt, ist selbst wiederum zum persönlichen Markenzeichen des Künstlers geworden.
Text: © 2004 Peter Stamer
Peter Stamer lebt als freier Theater-Kurator in Berlin.


















































































































































































