
Bewegung innerhalb eines Systems der Statik
Metall, Plastik, Magnet, Batterie, 20 x 16 x 8 cm, 1996
Die Bewegung im System. Das einzige Element, das nicht statisch ist.
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Der Herzschlag der Kunst.
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Das Pendel fasziniert. Innerhalb eines handballgroßen Metallrings mit eingebauter Unwucht sitzen zwei stilisierte Delfine symmetrisch an den Enden einer dünnen Stange.
Schiebt man das Gebilde an, pendeln beide Kreise; der innere wie der äußere. Während der äußere Ring regelmässig hin und her schwingt, bewegen sich die Meeressäuger im Innern unregelmässiger. Sie laufen mal hierhin, mal dorthin, mal im Uhrzeigersinn, mal dagegen, sie überschlagen sich oder halten mitten im Schwung inne, fangen an zu zittern und ändern abrupt die Laufrichtung. Je nachdem, wo sich der schwere Magnet an der Unterseite gerade befindet. Die Nähe zu den Tieren macht diese unberechenbar.
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Neben den Puppen in der Puppe (#049: Matrjoschka) und dem Messer (#243) das auffälligste Element im Kernsystem, schon wegen seines Alleinstellungsmerkmals: der Bewegung. Eines, zu dem während Präsentationen die meisten Fragen gestellt werden.
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Das Mobile befand sich in einer Wohngruppe für Menschen mit Handicap, in der ich während der Studienzeit als Nachtwache jobbte. Entsprechend lange hatte ich Zeit, es zu betrachten. Irgendwann fiel der Groschen: Das Ding passte genau in mein System. Es repräsentierte die Bewegung, wo ansonsten nur Statik herrschte. Ich musste es haben.
Gar nicht so leicht. In ganz Hamburg war das Teil in dieser Ausführung nicht mehr aufzutreiben. Ausverkauft. Also verfiel ich auf einen Trick und besorgte mir auf dem Weihnachtsmarkt ein ähnliches Gebilde, deutlich voluminöser und kitschiger, mit glitzerndem Firlefanz. Das stellte ich der Wohngruppe bei meinem nächsten Arbeitstermin vor, erntete Begeisterung und durfte entsprechend das nutzlos gewordene alte Teil einpacken. Heureka!
Nutzlos geworden für andere. Nicht für mich. Ich hatte, was ich brauchte und seither bewegt es das System mit Schwung und herrlichen Überschlägen. Stundenlang kann man dem lautlosen Treiben zuschauen. Meditatives Versenken. Warten, bis die Delfine die Richtung ändern, sich wieder einpendeln. Schafft es der Außenkreis, sich zu überschlagen? Wann bleibt es stehen, wann pendelt es aus?
Es schwingt stundenlang wie ein Perpetuum Mobile (#021). Nichts kann es aufhalten. Pauseloses Hin und Her. Nur angetrieben durch den präzise geleiteten Schwung seiner Elemente. Scheinbar.
Maschine der Zukunft, die alle Energieprobleme löst?
Mitnichten. Im Boden sitzt eine Batterie. Es ist der Gegenpol zum Magnet und treibt diesen immer wieder an. Solange, bis sie leer ist. Das kann freilich Tage dauern. Bis dahin sind Besucher einer Ausstellung längst gegangen, den Glauben im Gepäck, dass im System außergewöhnliche, wenn nicht gar übersinnliche Kräfte wirken.
Ein wenig Magie hat noch nie geschadet. Speziell in der Kunst.
Delfinabim!

Optimierung durch Füllen einer festgelegten Anzahl von Leerstellen (Sticker-Album)
Klebealbum, 112 Seiten, 21,5 x 18,5 cm, herausgegeben von ESSO Deutschland, 1972
Der Held meiner Kindheit. Hans Hass (1919–2013), österreichischer Zoologe und Meeresforscher, der vor allem für seine Dokumentarfilme über Haie bekannt wurde.
Die Mineralölfirma ESSO brachte 1972 ein Sammelalbum für Klebebilder heraus. Neben vielen Texten zum Meer und dem Tauchen, wartete das Büchlein darauf, mit bunten Bildern befüllt zuwerden. Das tat ich über Monate, wenn nicht Jahre. So lange, bis die leeren Seiten fast voll waren. Nicht allzu schwer, wenn man keine 100 Meter neben der richtigen Tankstelle aufwächst.
Es war ein absolutes Highlight meiner bereits in den 1970ern ausgeprägten Sammelleidenschaft. Ich liebte die Geschichten vom Meer und seinen Bewohnern. Ganz hinten gab es gezeichnete Visionen vom Leben unter Wasser in ferner Zukunft, mit spektakulären Unterwasserbooten und Tauchern, die Delfine umarmten. So herrlich wurde uns damals die Zukunft versprochen. Gehalten hat sie bis heute nichts.
Das Buch verschwand in den Wirren später Jugend von der Bildfläche und tauchte erst Jahrzehnte später wieder in der Erinnerung auf. Da hatte ich bereits das erste Stickeralbum dem System angegliedert, irgendein schnell zusammengesuchtes Beispiel mit Comicfiguren und Superhelden, zu denen ich keinerlei Beziehung hatte.
Es sollte als Beispiel einer möglichen Kataloggestaltung dienen. Passend für eine Arbeit wie dem System, das aus vielen Einzelteilen besteht und als großes Puzzle bzw. Suchbild funktioniert. Außergewöhnlich dazu, also wurde die Idee beizeiten integriert.
Erst viel später fiel mir ein, dass es da ja ein Album gab, dass den prinzipiellen Gedanken nicht nur genauso gut transportierte, sondern zu dem ich auch noch eine besondere emotionale Bindung hatte: Das ESSO-Teil mit den Meeresbildern von Hans Hass.
Folglich besorgte ich mir eine vollständige Ausgabe über Ebay und erfreue mich seither erneut an den bunten Bildchen meiner Kindheit. Besonders die erste und letzte Doppelseite haben es mir angetan, auf ihnen sind farbenprächtige Schwärme von Fischen aus tropischen Gewässern abgebildet, was mich schon damals schwer beeindruckte. Leider bekam ich speziell diese vier Seiten nie komplett gefüllt.
Heute schwimmen jeweils 24 Fische, korrekt in Leserichtung eingeklebt, vor allem: vollständig, um die Wette, und rieche ich an den alten Seiten, schnuppere ich einen Teil meiner Kindheit. Ein wunderbares Stück Erinnerung, mittlerweile fast 50 Jahre alt.
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Der Titel liest sich durchaus metaphorisch. Vorstoß in die Tiefe. Wie das System. Die Kunst. Man taucht ab, stößt in Bereiche vor, die im Dunkeln lagen, leuchtet aus, bildet ab, macht bekannt. Und von Haifischen umgeben ist man auch die ganze Zeit.

Mathematische Bildformel
Bleistift auf Papier, DIN A4, 1996
Mit jedem gemalten Bild steigt der Anspruch an’s nächste. Ist man heute mit dem Ergebnis zufrieden, heißt das nicht, dass es morgen so sein wird.
Gut so. Denn: Der Anspruch steigt im Laufe der Zeit. Deutlich erkennbar daran, dass Frühwerke eines Künstlers von selbigem im günstigen Falle gerne belächelt, im ungünstigen vor der Umwelt versteckt werden.
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Die Formel des Bildes. Die Formel von Malerei.
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Die Möglichkeiten ein Bild zu malen – gemeint sind damit technische Fähigkeiten, aber z.B. auch die Erweiterung des Bildbegriffs – müssen also stets über denen des eigenen Anspruchs liegen. Sonst funktioniert es nicht.
E = mc2. Die Weltformel, übertragen auf die Kunst.
Höchste Prämisse bei der Malerei: „Du sollst dich selbst überraschen.“ Weil, wer sich selbst nicht überrascht, wird es auch bei anderen nicht tun.
Dazu unabdingbar notwendig sind nicht nur ein umfassendes Wissen um die Bilder dieser Welt, die bereits gemalt wurden (was automatisch den Anspruch an das eigene Werk nach oben treibt), sondern auch die Möglichkeiten, „darüber“ hinaus zu malen, also in den Bereich, wo es spannend
wird und den man selbst nicht mehr kapiert.
Das sollte der Anspruch jedes Künstlers, jedes Malers sein: Mit jedem neuen Werk in Winkel vorzudringen, wo man vorher selbst nicht war bzw. im günstigsten Falle: wo niemand vorher war. Der Parameter „Anspruch“ wird erst dann erfüllt, sobald der Parameter ‚Möglichkeiten‘ ein Ergebnis liefert, das zufriedenstellt. Davor liegen Verzweiflung und schlaflose Nächte. Allzu logisch. Das Spiel kann von vorne beginnen, aber die persönliche Bildformel hat an Energie gewonnen.
Anders ausgedrückt: Innehalten und sich auf gemalten Lorbeeren ausruhen, das läuft nicht. Denn der Anspruch steigt unablässig, während die Möglichkeiten dadurch am Boden bleiben. Vorbei wär’s mit der Kunst, der Anspruch wäre nicht mehr erfüllt.
Deshalb: Neugierig bleiben, experimentieren, die eigenen Möglichkeiten stets erweitern, das Gefäß des Anspruchs, das sich unablässig füllt, im Auge behalten. Dann klappt’s auch mit der Kunst und die heilige Formel wird erfüllt.

Formale Verbindung von zwei Gegenständen mit extrem unterschiedlicher Materialität
Keramik, Plastik, Durchmesser 14 cm, Höhe 4 cm, 1996
Das Auge als Brennpunkt. Da, wo alles zusammenfließt. Das wichtigste Sinnesorgan des Menschen, als Künstler allemal. Der Blick in die Welt.
Die Kombination zweier denkbar unterschiedlicher Materialien.
Einerseits die fein krakelierte Keramikschale, Geschenk meiner damaligen Freundin und Erinnerung an eine frühere Beziehung. Wertvoll, teuer, zerbrechlich.
Hineingesetzt das Plastikauge, Billigware aus Asien, tausendfach vertrieben im Kassenbereich von Supermärkten und der Fun-Abteilung von Spielwarenläden. Gewöhnlich, billig, unkaputtbar.
Das Duo fasziniert. Tippt man auf den Keramkrand, rotiert das Auge in der Wölbung, die Pupille weit geöffnet und stets nach oben gerichtet. Eine Unwucht hält es auf Kurs, Kinder lassen es gerne über Böden rollen und verschrecken damit Spielgenossen wie unwissende Elternteile. In der Schale jedoch ist es sicher und verliert seinen eigentlichen Zweck. Gefangen im engen Orbit.
Eine formale Entsprechung, die funktioniert. Nicht geplant, durch Zufall gefunden. Das Auge rollt weg, wenn man es nicht sichert. Also ab damit in das erstbeste Behältnis, das zur Verfügung stand. Es war die Schale. Das Kunstwerk war geboren.
Aber warum funktioniert das so gut?
Vielerlei. Zum einen die Farbigkeit. Gleiches zu gleichem. Blau zu Blau. Zum anderen die Form.
Rund zu rund. Außerdem entsprechen die Äderchen des Auges den feinen Rissen im gebrannten Ton, diese verlängern das Zentrum zum Rand, es wirkt als Einheit. Das Auge in seiner Fassung.
Zu guter Letzt: Die Unterschiedlichkeit der Materialien. Das macht es spannend. Keramik mit Plastik, wertvoll mit billig, besonders mit schnöde. Die Kombi funktioniert. Der Objektkünstler erwacht.
Ein kleines Kunstwerk, fix und fertig, innerhalb eines Ensembles in steter Bewegung. Stabiler Eckpunkt, die Museumsabteilung des Systems. Vergleichbar mit Objekten wie #150: Schalter, #212: Waagen-Installation oder #219: Doppelpfeil.
Aktuelle Experimente am Ende des Systems gehen in eine ähnliche Richtung, der Kombination von Objekten aus möglichst unterschiedlichen Anwendungsbereichen. Sie finden durch diese außergewöhnliche Zusammensetzung zu einer neuen Form und bilden ihre eigene Poesie und Sprache aus.

Schnelldurchlauf des Systems
Plastik, Wasser, Luft, Zylinder: Höhe 12 cm, Breite 5 cm, 1996
Die Dynamik des Systems.
Ein Mitbringsel vom Weihnachtsmarkt. Der Zylinder ist in der Mitte mit Wasser gefüllt. Am oberen wie unteren Ende zwei Luftreservoirs. Dreht man das Spielgerät wie eine Sanduhr, strömen über ein Ventil am Boden Luftbläschen ins Wasser, steigen auf, laufen über eine Spirale nach oben und sammeln sich schließlich im oberen Teil. Das Spiel kann von vorne beginnen.
Faszinierend.
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Die Ideen des Systems: Kreative Blasen, die aufsteigen – aus den Tiefen des Denkens, des In-der-Welt-Seins, des Unterbewussten oder was immer – sie sammeln sich im Pulk, dem System.
Eine nach der anderen. Fein sortiert. In steter Abfolge. Nichts kommt durcheinander. Eine Marschreihe als Armee. Schneller und immer schneller. Dann langsamer. Bis nichts mehr kommt.
Genau so verläuft die Dynamik des Systems: Irgendjemand dreht, oder drückt den Knopf, oder die Zeit ist einfach reif, jedenfalls fängt es irgendwann mit der ersten Idee an. Sie steigt auf. Wird festgehalten. Dann kommt die nächste. In logischer Abfolge. Es folgen weitere. Bald darauf ist das gesamte Denken davon besetzt. Ein Tanz der Ideen. Das Potential scheint unendlich.
Doch auf einmal werden die Abstände größer. Lücken entstehen. Die Karawane wird zahnloser. Es tropfen nurmehr einzelne in die Bahn. Dann dünnt es vollends aus. Ein vorletzer Tropfen. Ein allerletzter. Der Lauf kommt zum Stillstand. Es herrscht Ruhe. Als ob nie etwas gewesen wäre.
Allein an den vertauschten Farben oben wie unten erkennt der Profi, dass etwas geschehen sein muss. Das Ding steht kopf. Wie man selbst.
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Es gab Zeiten, da ließen mir die Ideen keine Ruhe mehr. Verzweifelt versuchte ich einzufangen, was beinahe minütlich aus dem kreativen Topf fiel. Nachts lag ein Zettel neben dem Bett, um aufzuschreiben, was selbst im Schlaf nicht zur Ruhe kommen wollte.
Es war alles bedeutend. Es war alles wichtig. Ich bewegte mich in Richtung eines kreativen Wahnsinns und konnte für Momente nachempfinden, was geniale Köpfe wie Van Gogh, Mozart oder Tesla sowohl zu Höchstleistungen trieb als auch in tiefste Verzweiflung stürzen ließ.
Zum Glück ließ die Anspannung nach einer Weile nach. Folge davon sind die Kernbereiche des Systems, die es seitdem zu bewahren, zu erforschen, auszubauen und zu sortieren gilt.
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Nach jeder Ausstellung des Systems sprudeln die Blasen erneut. Es ist jedes Mal ein erneutes Drehen des Zylinders. Auf einmal tanzt und läuft es wieder, Zettel werden beschrieben, Dinge gehortet und zu Kunstwerken arrangiert, der Motor, der zwischenzeitlich fast zum Erliegen gekommen wäre, rattert und spuckt in regelmässiger Abfolge Neues aus.
Die Sanduhr läuft. Das Spiel beginnt von vorne.

Farblosigkeit
Papier, durchstochen, DIN A4, 1996
Blutleer. Ausgepiekst in Druckbuchstaben. Eine dicke Nähnadel half dabei.
Dem Papier wurde nichts hinzugefügt, sondern etwas entnommen. Lesbar ist es trotzdem. Es bedarf also keineswegs immer eines Stiftes, um Gedanken festzuhalten. In diesem Sinne ist das Blatt verwandt mit der #111: Idee ohne Stift.(Nachbemerkung: Eigentlich keine Entnahme, sondern Verdrängung des Materials.)
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Blutleer. Vampirismus im System?
Tatsächlich wirkt das System, speziell aus der Ferne, wie eine Ansammlung leerer Blätter (siehe 98: Plastikblatt oder #149: Leere Seite). Erst beim Näherkommen entschlüsseln sich einzelne Gedanken. Wären da nicht die Objekte, man könnte es für eine minimalistische Arbeit von Carl Andre oder Hanne Darboven halten.
In diesem Sinne drückt es aus, was es ist: Rohgedanken zur Kunst. Das Skelett des eigentlichen Werks. Das Haus steht, aber eingerichtet werden muss es noch. Von demjenigen, der darin wohnt.
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Die Malfabrik ist das beste Beispiel: Die meisten ihrer Grundgedanken finden sich bereits im System, aber gemalt werden müssen die Bilder trotzdem. Erst danach nehmen sie Gestalt an und treten an die Öffentlichkeit. Es ist das Fleisch über den Knochen, etwas zum Anfassen und Sattsehen.
Knochen allein sind meist nur eines: Weiß. Ausgeblichen. Blutleer. Sie geben nicht viel her. Von daher bedarf es der Farbe und des Materials, um den schnöden Gedanken die angemessene Form zu geben. Alleine funktioniert das nicht, es fehlt der Beweis.
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Blutleer. Anfangs stand das Wort, mit Bleistift geschrieben. Erst später wurde das Papier entsprechend seiner Aussage durchlöchert. Logische Folge der Materialfrage, die bei allen schriftlichen Aufzeichnungen innerhalb des Systems gestellt wird. Das Ziel: Schrift in unterschiedlichen Methoden einsetzen, um Langeweile zu vermeiden (#040: Ich hasse Wiederholungen).

Optimierung durch Streckung einer Menge
57 Holklötzchen, gestapelt, 20 x 6 cm, 1996
Jenga ist ein Geschicklichkeitsspiel. Normalerweise besteht es aus 60 gleichen hölzernen Bauteilen in Quaderform, bei der Mini-Ausgabe im System sind es 57 Steine. Zu Beginn des Spielwerden alle Klötzchen zu einem Turm gestapelt, indem immer drei Bauteile nebeneinander liegen.
Der Name „Jenga“ hat seinen Ursprung in der Sprache Swahili (deutsch: Suaheli, die meistverbreitete Verkehrssprache in Ostafrika), er bedeutet so viel wie „bauen“.
Nachdem der Turm aufgestellt ist, lösen die Mitspieler abwechselnd einhändig einen Stein aus dem Turm und setzen ihn oben auf die Spitze. Von der direkt darunter liegenden Ebene darf ein Stein nur entfernt werden, wenn die darüberliegende oberste Ebene bereits vollständig ist (sprich: aus 3 Steinen besteht). Das Spiel endet, wenn der Turm einstürzt. Sieger des Spiels ist, wer den letzten Stein auf den Turm setzen konnte, ohne dass dieser zusammenfällt.
Das Spiel erschien 1983 in Großbritannien und 1989 in Deutschland. Es zählte schon bald nach der Veröffentlichung zu den Klassikern bei den Geschicklichkeitsspielen. (Quelle: Wikipedia)
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19 x 3 = 57 Steine. Die Zahl nähert sich der Größe des „Kerns vom Kernsystem“ an (= 64 Elemente).
Die Größe eines einzelnen Steins entspricht in der Mini-Version des Turms fast exakt der Größe eines Kägifret, einer mit Schokolade überzogenen Waffelspezialität aus der Schweiz, die zu meinen Lieblingssüßspeisen zählt. Vielleicht aus diesem Grunde die mundgerechte Variante.
Das Spiel lässt sich mit mehreren Personen, aber auch alleine spielen. Dann geht es darum, einen möglichst hohen Turm zu bauen, ohne dass dieser zusammenbricht. Der Rekord liegt aktuell bei 27 Ebenen.
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Der Turm symbolisiert die Dehnung des Systems, ohne dabei die Anzahl der beteiligten Elemente zu verändern. Immer wieder in seiner Entstehungsgeschichte wurden einzelne Teile aus dem System durch andere ersetzt, wenn der Kerngedanke, der ihnen zu Grunde liegt, eine bessere Lösung findet. Zuweilen werden auch zwei Ideen zu einem Element zusammengezogen (Beispiel #015: Erst alles falsch machen, dann wird es schon richtig).
Man löst einen einen Stein aus dem Block, um dem Ganzen – in der Systemchronologie: hinten, im Falle des Jenga-Turmes: oben – etwas hinzuzufügen. Das Gebilde hat sich verändert, die Gesamtsumme bleibt gleich.
Wie weit darf man gehen, ohne die Einheit zu zerstören? Welche Streckung hält das Gebilde aus? Wie groß dürfen die Lücken werden, ohne die Stabilität zu gefährden?
Fragen, die sowohl für den Bauherrn wie für den Systeminator von Belang sind. Ein falscher Stein an der falschen Stelle entnommen und alles ist kaputt. Also müssen Manöver mit Bedacht gelöst werden; mit Überlegung, leichtem Wackeln, vorsichtigem Herantasten. Erst, wenn keine Gefahr droht, sollte entnommen und aufgestapelt werden. Die Grundstabilität muss erhalten bleiben, es darf kein Ungleichgewicht entstehen, sonst drohen Einsturz des Turms bzw. Absturz des Systems.
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Ein Element, dass sich für eine gründliche Renovierung anbietet, sowohl von der Anzahl der Steine, seines Materials als auch der (momentan schmucklosen) Farbigkeit.
Von der Miniaturausgabe zur Skulptur. Durchaus vorstellbar wären Bierkisten, die beklettert und immer höher gebaut werden, oder Schaumstoffteile, die zur Decke ragen.
Auch eine Umlackierung in die Systemfarben Schwarz und Gelb wäre möglich.
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Bei Präsentationen darf damit gespielt werden. Wer schafft den höchsten Turm? Wer hat die sicherste Hand? Wer traut sich, wo sich niemand mehr traut? Wer sieht die Möglichkeit und nutzt seine Chance?

Aufbrechen der Zählordnung
Bleistift auf Papier, DIN A4, 1996
Das Kernsystem besteht aus 248 Elementen, das A-System strebt die Größe von 1000 an, es hat die numerische Grenze mittlerweile überschritten.
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Gezählt wird: 1, 2, 3, 4, 5 usw. Wie wir es in der Schule gelernt haben.
Jedes Element trägt eine Nummer, ist somit eindeutig identifizierbar. Die #014 ist die Ente, die #102 das Tangram, die #219 sind die Dartpfeile usw.
Leicht zu finden, die „numero-logische“ Ordnung im System.
Jedoch: Bereits in der 5. Klasse lernten wir, dass mit den „ganzen“ Zahlen etwas nicht „ganz“ stimmen kann. Ein nicht unbedeutender Teil der Mathematik fehlte: die Bruchzahlen.
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Zwischen der Eins und der Zwei, so wie zwischen allen aufeinanderfolgenden Zahlen, liegen unendlich viele andere ‚krumme‘ Zahlen.
Zahlen mit Komma, Zahlen mit Bruchstrich, Zahlen mit Wurzelzeichen, Sinus-Zahlen, Cosinus-Zahlen und tausende weitere mehr.
Das Kernsystem repräsentiert also nur die 248 Spitzen eines zerklüfteten Eisberges, dessen größter Teil gemeinhin unsichtbar ist. Vieles liegt unter der Oberfläche verborgen, vieles ließe sich dazwischenschieben, wartet hinter bzw. ‚unter‘ den jeweiligen Blättern und Objekten.
Bei einigen Elementen ist das offenbar: die Schablone (#030) zum Beispiel, hinter der die gesamte Schablonensammlung steckt, incl. „Malfabrik“ – die komplette malerische Arbeit seit 1995. Oder die Weiche (#144), als Repräsentant der Holzeisenbahn; der Riesendiamant (#239), als Repräsentant der Mineraliensammlung.
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Manch Zwischending muss erst noch ausgearbeitet werden. Dafür steht repräsentativ die „Komma Fünf“. Die Zahl zwischen zwei ganzen Zahlen. Das „Füll“-Element. Etwas, das die Lücke schließt (#023: Lücken schließen!). Mehr noch: Etwas, das die Lücke erst erkennbar macht (029: Lücke).
Das „Zwischen“ den einzelnen Elementen.
Es hat schon Künstler zu Werkkomplexen inspiriert, z.B. Ívar Valgarsson, der die freien Farbwände zwischen den Exponaten in der isländischen Nationalgalerie fotografisch festgehalten hat und in Kürze in Frankfurt ausstellt. Gerade habe ich die entsprechende Einladung bekommen, wie das Leben zwischen den (System-)Zeilen so spielt.
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Wer von Stein zu Stein hüpft, macht sich mitunter die Füße naß. Es sei denn, es liegt ein Stein dicht unter’m Wasserschild.
Froh ist der, der dann auf’s Komma tritt.
Aloha! Ein Hoch auf die Bruchzahlen.

…
Bleistift auf Vorderseite von Papier, DIN A4, 1996
Wieviele Versicherungen braucht der Mensch? Wieviele Sicherungen das System?
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Vor was muss es geschützt werden?
Wasser. Feuer. Erdbeben. Wirbelstürme. Diebstahl.
Die Gefahren, die von den vier Elementen ausgehen – plus die vom Menschen.
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Was noch?
Sicherung vor Vergreisung? Vor Demenz? Vor dem allmählichen Vergessen? Sicherung vor Ideenlosigkeit? Dem plötzlichen Ableben seines Schöpfers?
Sicherung vor Ausbleichung der Blätter? Dem Verfall der Objekte?
Sicherung vor Ideenklau? Vor Platitüden? Sicherung vor dem Stillstand?
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Viel augenfälliger sind die alltäglichen Gefahrenmomente, bei Präsentationen z.B.: Sicherung vor schwappenden Kaffebechern oder Rotweingläsern (#136: Verschütten ist zu vermeiden), Sicherung vor der Asche rauchender Besucher (#214: Aschenbecher) oder Sicherung vor der ungewollten Entnahme der Systemelemente (#211: Alarmanlage).
Eigene Gefahrenmomente kommen hinzu: Sicherung vor Langeweile (#040: Ich hasse Wiederholungen), Sicherung vor Dunkelheit (#152: Kerze) oder Sicherung vor dem eigenen Tod (#132: Sesam).
Das Leben ist eine einzige Versicherung. Ich selbst komme aktuell auf fünf abgeschlossene Verträge und bin bestimmt kein Junkie auf diesem Gebiet.
Jedoch: So viele Sicherungen man auch einbaut, es wird immer eine zu wenig sein. Das Leben lässt sich nicht endgültig absichern. Die Kunst auch nicht, genauso wenig das „System“.
Irgendwann wird es kippen, irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo dem Aufbau der Abbau folgt, irgendwann wird es verschwinden.
Da hilft kein Jammern, da hilft kein Klagen. Irgendwann ist alles vorbei: das Leben, genauso wie das „System“. Alleinig, was hilft: die Konzentration auf’s Jetzt. Die Sicherung der Gegenwart. Remember tomorrow. In diesem Sinne: Up the Irons!

Visualisieren der vier Hauptaspekte des Systems anhand der vier Grundfarben
403 Holzperlen bunt, Nylonschnur, Länge: 235 cm, Größe variabel, 1996
Der Rosenkranz für’s System. Zum Kneten. Beten. Kügelchen drehn.
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Vier Farben. Jede symbolisiert einen Aspekt des Systems:
Rot für die Malerei.
Grün für Materialfragen.
Blau für Systemfragen.
Gelb für die Zeit bzw. den persönlichen Bezug.
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Jedem Systemelement wird ein Hauptaspekt zugeordnet. Chronologisch werden die Kugeln auf den Nylonfaden gezogen. Jeweils 50 Farbkugeln passen auf einen Strang, werden hinterher miteinander verknotet. Die Zählung wird so vereinfacht.
Die ersten 400 Elemente des A-Systems, es überwiegen die Farben Rot und Gelb.
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Das „System en miniature“, für die Hosentasche. Man kann es ständig bei sich tragen, hat direkten „Zugriff“.
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Da die Mineraliensammlung aktuell in die Zielgerade einbiegt, eine Idee zur Optimierung des Rosenkranzes (#059: Veredelung): Jedem Element wird ein Mineral zugeordnet, 248 verschiedene Steine für das Kernsystem.
Man müsste nur entsprechende Kügelchen schleifen, durchbohren und ebenfalls auffädeln. Etwas aufwändiger als die Holzvariante, aber individueller, präziser, wertvoller.
Aber: Es fiele der „Aspekte“-Aspekt weg. Von daher: Das farbliche Inhaltsverzeichnis macht durchaus Sinn. Lassen wir es, wie es ist (nur müsste ich es endlich bis zum Ende fädeln).

künstlerische Definition des Systems
MDF, lasergeschnitten und bemalt, 8 x 29 x 0,8 cm, 1996 (optimiert 2016)
Um was geht es im „System“? Was soll das Ganze? Wem dient es?
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Die kürzest mögliche Definition, in einem Wort ausgedrückt:
Malerei.
Die Headline für das System. Elegant geschmiedet, leuchtend in der Farbe aller Farben: Rot.
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Seit Anbeginn ging es um nichts anderes. Letztlich ist das Ziel des Systems, vielfältige Ideen, Lösungen und Ansätze für die Königsdisziplin der bildenden Künste zu gewinnen. Der Rest ist schmückendes Beiwerk, ein hübscher Nebenschauplatz, im besten Falle der Steigbügel für das Wesentliche.
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Natürlich ist die eigene Person Auslöser und Zentrum, vieles dreht sich um mich, aber Motor und Antrieb bleibt die Malerei. Nur deshalb fing das System überhaupt an.
Die ersten Zeichnungen dienten als Entwürfe für Malerei, immer wieder werden Fragen zu Bild, Wahrnehmung und dem malerischen Medium gestellt. Etliche Malereien sind direkt dem System angegliedert (z.B. #112: Ur-Bild oder #169: 1001 Nacht).
Selbst wenn es aussieht, als würde das System versuchen, die eigene Persönlichkeit einzukreiseln (was tatsächlich zu einer Art Triebfeder geworden ist; #170: Kreisel), der ursächliche Tenor klingt durch alle Blätter und Objekte, nämlich der unbedingte Wille zur Malerei.
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Malerei 2.0.
Die aktuellste „Optimierung“ (#059: Veredelung): Das handschriftliche Blatt wurde durch eine MDF-Variante ersetzt: dreidimensional gelasert, neonrot gefärbt. Der Schriftzug ist eine Sonderanfertigung, die hölzerne Lösung drängte sich geradezu auf.
Paradox, denn jetzt ist die Malerei – ein Objekt.

Mythos Südsee, Mythos Meuterei, Malvorlage
Buchdruck, Seite herausgerissen aus Buch, 19 x 13 cm, 1996
Pitcairn. Die Insel aller Träume. Zuflucht der Meuterer von der „Bounty“.
Die Seite stammt aus meinem Lieblingsbuch, ebenfalls im System vertreten (vgl. #031): Die deutsche Ausgabe von „Meuterei auf der Bounty“ von Charles B. Nordhoff und James N. Hall, geschrieben in den Jahren 1932–34. Es ist die Seite 154, sie wurde herausgerissen.
Ein Blick ins Inselinnere, überwuchert von Lianen und Schlingpflanzen. Eine Hütte wird sichtbar, schrägstehende Palmen, der steile Vulkankegel unter einem bewölkten Himmel; das Bild einer üppigen Urwelt, vom Menschen gezähmt, das schwitzende Sehnsüchte weckt.
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Pitcairn. Entdeckt 1767 von dem Seekadetten Robert Pitcairn. Zu dieser Zeit um gut 200 Seemeilen falsch auf sämtlichen Seekarten der britischen Marine verzeichnet. Das ideale Versteck für eine Handvoll Männer, auf die in der englischen Heimat der Tod am Strang wartet.
Am 15. Januar 1790 wird das Eiland gesichtet, drei Tage später setzen neun Europäer unter Führung von Fletcher Christian, sechs polynesische Männer und zwölf Frauen aus Tahiti ihren Fuß auf die zu diesem Zeitpunkt unbewohnte Insel. Es ist das Ende einer monatelangen Flucht, nach der berühmtesten Meuterei der britischen Seefahrtsgeschichte.
Monate später sind die meisten Männer tot, unter ihnen Fletcher Christian, die Bounty verbrannt und die kleine Gemeinschaft verschwindet fast 20 Jahre im Nebel der Geschichte. Erst 1808 wird sie von einem vorbeifahrenden Robbenjäger wiederentdeckt, ab diesem Zeitpunkt erfährt die Welt vom Schicksal der Restmeuterer.
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Pitcairn ist so groß wie Helgoland und liegt isoliert im Südpazifik. Die nächstgelegenen bewohnten Inseln sind im Westen die Gambierinseln in 500 km Entfernung, im Osten die Osterinsel in 2000 km Entfernung. Einmal im Jahr kommen Buckelwale auf ihrem Zug durch den Pazifik hier vorbei.
Die Insel ist vulkanischen Ursprungs, der umgebende Korallensaum fehlt allerdings. Eine starke Brandung erreicht die ungeschützte Küste, der Landsockel fällt abrupt in Tiefen von über 3.000 m ab. Strände oder eine Küstenebene gibt es nicht. Entsprechend schwierig ist die Landung. Bis heute kann der tückische Seegang nur mit den Langbooten der Einheimischen überwunden werden.Der Regen fällt etwa 2–3 mal so häufig wie in Deutschland, es gibt keine ausgeprägten Jahreszeiten. Die Temperatur liegt gleichbleibend zw. 19 und 24°C. Für den Menschen gefährliche Tiere (außer in den haiverseuchten Gewässern um die Insel) oder Krankheitsüberträger gibt es nicht.
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Das Paradies. Eigentlich.
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Denn: Ende der 1990er Jahre wurden Mißbrauchsvorwürfe laut und drangen an die Weltöffentlichkeit. Das so abgeschiedene Eiland, letzte Kolonie der britischen Krone im Pazifik und damit automatisch Mitglied der Europäischen Union, rückte wieder ins Bewusstsein der Menschheit.
Der Prozess endete damit, dass ein Gefängnis auf einer der abgelegensten Inseln der Welt errichtet wurde, in dem die verurteilten Angeklagten, allesamt männliche Mitglieder der heute 39 Mitglieder zählenden Adventisten-Gemeinde, ihre teilweise mehrjährigen Freiheitsstrafen verbüssten. Zum Steuern der Langboote dürften sie das Verlies 3–4 mal im Jahr verlassen. Nur die Verurteilten sind in der Lage, das gefährliche Manöver zu vollbringen.
Irre: Auf dem hintersten Flecken der Erde, mit nur ein paar Dutzend Einwohnern – eine Strafvollzugsanstalt. Das „Gefängnis im Gefängnis“ sozusagen, noch absurder als die Zeichnung „Wolkenkratzer auf Berg“, die Teil des A-Systems ist.
So paradiesisch die Südsee auch erscheinen mag, in Wirklichkeit ist sie oft die Hölle. Davon wussten schon Robert Louis Stevenson, Joseph Conrad, Friedrich Wilhelm Murnau oder Paul Gauguin zu berichten.
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Der Stich wurde bereits für die Malerei verwendet, das Bild hinterher aber wieder verworfen. Es harrt also weiterhin der künstlerischen Umsetzung (eventuell in einer großen Wandmalerei?).
Ein Traumbild, das sich fest in mein Unterbewusstes gesetzt hat. Prägend bis heute.
Vielleicht führt es mich eines Tages ja doch noch auf die „Insel aller Inseln“, allen Widrigkeiten zum Trotz. Schwieriger jedenfalls als dorthin zu gelangen, dürfte es nur wenige Orte auf dieser Erde geben. Die Meuterer von einst wussten wohl, wo sie ihre letzte Zuflucht fanden. Glücklich wurden sie dennoch nicht.

Veränderung durch Bewegung
∅ 5 cm, bemalter Holzkreisel, 1995
Die Bewegung zum „System“. Analog. Noch muss sie per Hand angeschmissen werden, noch handelt es sich nur um Sekunden. Ein Element in Unruhe, das gab es vorher nicht.
Zum ersten Mal spielt dieser Aspekt eine Rolle, die „permanente Bewegung“ wird folgen (#182: Mobile). Was vorher felsenfest erschien, gerät nun in Schwung.
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Ist nicht das ganze Leben in Bewegung? Rotiert nicht die Weltkugel mit einer Geschwindigkeit von 1670 Kilometern pro Stunde um die eigene Achse, gleichzeitig mit 30 Kilometern pro Sekunde ( = 108.000 km/h) um die Sonne? Kreist diese nicht mit 240 km/s um das Zentrum der Milchstraße, während sich selbige mit 19,7 km/s in Richtung des Sonnenapex bewegt?
Das ganze Universum bewegt sich, es dehnt sich permanent aus; der Forschungsstand beschreibt es als ca. 13,8 Mrd. Jahre alt. Da sich der Raum stark gedehnt hat, befinden sich Orte am äußeren Rand mittlerweile mehr als 45 Mrd. Lichtjahre entfernt. Der Durchmesser des Universums beträgt nach aktuellen Stand also ca. 93 Mrd. Lichtjahre.
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Den Kreisel schwatzte ich der Tochter einer Freundin ab, er war Teil eines Gesellschafts-Spiels, sie erhielt dafür eine Prinzessinen-Schablone. Zuvor lag das erstbeste Holzteil im System, jeder Spielwarenladen bietet eine größere Auswahl.
Der hier abgebildete Kreisel deckt – neben der Bewegung – nämlich einen weiteren Aspekt ab: das Mischen von Farben – durch Rotation. Aus Rot und Blau wird…. richtig!… Violett. Das interessiert den Maler.
Was geschähe wohl, würde man das gesamte System in Rotation versetzen (neben den zigtausenden Sekundenkilometern, die es als Teil dieser Welt ja automatisch irgendwohin kreiselt)?
Man weiß es nicht. Die Blätter würden wohl allesamt wie ein Haufen Laub in die Höhe gehoben und eine Weile tanzen wie die Plastiktüte in „American Beauty“; die Objekte, je nach Schwere, früher oder später umfallen.
Manches wie die Tangram-Blättchen (#102), die Alu-Buchstaben (#197: Backförmchen) oder die Puzzle-Teilchen (#213) würden in alle Winde zerstreut, die Kerze (#152) ausgeblasen, der Jenga-Turm (#176) sowie die Waagen-Installation (#212) umgepustet, der Basketball (#234) würde zurück nach Mexiko rollen.
Nur das Mobile (#182) könnte die Gunst des Sturmes nutzen und würde in heftige Bewegung geraten. Am längsten auf den Beinen blieben wohl das Gewicht (#160) und die Matrjoschka (# 049); bei Windstärke 12 wäre auch hier Schluß.
Zu heftige Bewegung zerstört nicht unmittelbar das „System“, aber seine Systematik. Von daher: Immer schön auf dem Boden bleiben, Fenster geschlossen halten und den Ventilator (#231) max. auf 1 drehen.
Außerdem: Erdbebengefährdete Gebiete für die Präsentation meiden. San Francisco oder Lima sind gefährlicher als Amsterdam oder Barcelona. Hier könnte es höchstens zu Überschwemmungen kommen. Aber das ist wieder ein anderes Thema.

Numerische Systemgrenze (25 × 40 = 1000)
31 × 49 cm, 1000 Klebepunkte auf Duschfolie, 1996
1000 grüne Klebepunkte, auf einer Matrix von 40 × 25 Feldern. Folie, um daraus den Duschvorhang zu basteln. Auf Holzrahmen gezogen, selbstgezimmert. Fertig sind die Träume von „1001 Nacht“.
Tausend – und ein Punkt? Tatsächlich? Einer fehlt offensichtlich: 40 × 25 ergeben exakt 1000. Nicht ein Punkt mehr findet sich auf dem Rasterbild.
—
Doch halt! Was erblicken wir daneben, auf der Wand?
Ein einzelner roter Punkt.
Ist das Bild etwa verkauft?
—
Nichts da. Das System wird nicht verkauft. Auch einzelne Teile daraus nicht. Es ist und bleibt unbezahlbar.
Dennoch: Der Punkt ist da. Eintausend plus Eins. Die letzte Handlung zur Vollkommenheit, Lieblingsutensil der Galeristen. Das Ritual zum Abschluß. Das Mal prangt auf der Wand wie das Bindi bei verheirateten Inderinnen. Das Bild scheint untergebracht.
Der rote Punkt. Verkauft. Sichtbares Zeichen für alle: Der Künstler hat Erfolg, die Galerie ist gut im Geschäft. Alle sind glücklich (oder tun zumindest so). Perfekter Abgang.
—
Tausend grüne Punkte, ein roter. Das Märchen aus „Tausendundeiner Nacht“. Wo liegt das Glück? Bei den 1000 grünen Punkten? Auf der Kunst, beim Bild? Oder doch eher auf der Wand, bei der roten Markierung? Beim Verkauf, dem Umwandeln von künstlerischer Energie in weltliche Bedürfnisse?
Vermutlich beides. Kunst macht glücklich, wenn man sie macht. Kunst macht aber auch glücklich, wenn sie verkauft wird – sowohl den Künstler wie die Galerie. Ein drittes Element kommt hinzu: Kunst macht zudem glücklich, wenn man sie besitzt, sprich: den Käufer. Eine Win-Win-Win-Situation. Profitieren tut jeder.
Also, kauft Leute, kauft! Nicht das „System“, das bleibt unverkäuflich bis zum Ende meiner Lebtage, aber die Bilder aus der „Malfabrik“, dem Spin-Off – damit das große Ganze am Laufen gehalten wird (vielleicht hätte ich doch Galerist werden sollen, bei so viel Verkaufstalent).
—
40 × 25 = 1000.
Eintausend. Die magische Zahl für ein System, das „1000 Blatt zur Ewigkeit“ heißt. Vielleicht beginnt sie genau dort, die Ewigkeit: wenn alles verkauft wird (#034: 1000 DM-Zeichnung).
Die Million im Blick (#230: 1 Million) müsste jedes Blatt aus dem „System“ eigentlich 1000 Tacken kosten; früher DM, heute Euronen. Die Million wäre schnell erreicht (1000 × 1000). Doch würde das glücklich machen? Ganz ohne „System“, die künstlerische Seele verkauft?
Nein. Also bleibt der rote Punkt der einzige und zudem ein Symbol, das auf die falsche Spur führt. Verkauft wird nicht. Der Künstler stellt sich quer.
Bitte rufen Sie die Ambulanz!

…
DIN A4, Inkjet auf Papier, gefaltet, 1996
Die Anthroposophen und ich, wir werden in diesem Leben keine Freunde mehr. Zu eng, zu kleinkariert, zu sektiererisch. Das passt nicht zur Kunst, das passt nicht zum Metal, das passt nicht zu mir.
—
Es war einmal anders.
—
Nach dem Abitur und nachdem ich als Wehrdienstverweigerer anerkannt worden war (in den 1980er-Jahren musste man dafür noch vor Gericht ziehen), wartete ich über ein Jahr auf die Zivildienststelle an der hiesigen Waldorfschule. Weil ich dorthin wollte, nirgendwo anders. Die Monate dazwischen nutzte ich mit Reisen, u.a. lag die Wanderung von Mannheim zum Genfer See in dieser Zeit.
Als ich im Herbst 1985 endlich den begehrten Posten antrat, war ich voller Enthusiasmus und Elan. Kein Wölkchen trübte den theosophischen Horizont. Ein Jahr später wechselte ich freiwillig und völlig entnervt (als erster dort und vermutlich einziger Zivi ever) für die verbleibenden vier Monate auf eine Schwerstbetreuerstelle nach Ludwigshafen. Eine der besten Entscheidungen in meinem Leben; sie sollte sich später bei der Jobsuche in Hamburg noch günstig auswirken.
Was dazwischen lag, könnte man in lange Worte fassen – zusammengesetzt aus vielen kleinen, manchmal amüsanten, oftmals unfassbaren Geschichten – oder in ein paar kurze. Ich will es kurz halten. Herausgekommen ist das vorliegende Blatt.
—
Anthroposophie ist unpraktisch.
Meine Abrechnung mit den Anthros. Mehr lohnt nicht zu sagen: Schöne Idee, schlampige Umsetzung.
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Immerhin: Ein Malkurs in jener Zeit an selbiger Stelle legte den Grundstein für die Kunst. Zusammen mit einem Freund und damaligen Zivi-Kollegen, der 2017 auf der Documenta ausgestellt hat. So ganz falsch kann das also nicht gewesen sein.
—
Das Knicken von Papier als Kennzeichnung („Eselsohrblatt”), welches das einzelne Blatt aus dem Stapel heraushebt.

Transportables Atelier
DIN A4, Kugelschreiber auf Papier, aufgeklebt, 1995
Das Atelier zum Tragen. Der Koffer für unterwegs.
Rechteckig, im DIN-Format. Praktisch. Gut.
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Für die Ölmalerei konzipiert, was die Abstandshalter verdeutlichen, die sich rechts und links befinden. Bemalte Leinwände können über zwei Schienen vertikal in den Koffer geschoben werden; ein Luftpolster verhindert, dass die frische Farbe leidet. Clever. Zudem können zwei frische Leinwände im Deckel verstaut werden.
Ansonsten ist alles da, was der Maler auf Reisen braucht: Pinsel, Pigmente, Leinöl, Terpentin, Lappen.
Dass es viel einfacher ginge, mit Tubenfarben beispielsweise, oder deutlich unkomplizierter: mit Acrylfarben, das hat der junge Baumeister offensichtlich vergessen. Der komplizierte Weg war damals der gangbare, das, was im Atelier Methode war, sollte auch draußen gelten. Es konnte nicht gut gehen.
—
Der Künstler liebt die Unabhängigkeit. Der Künstler liebt das Reisen. Jede Seßhaftigkeit ist ihm Qual. Ein Widerspruch, der früh zu Konflikten führte.
Bis ins Alter von 23 tobte in mir der Kampf zwischen Dichter und Maler. Geschrieben wurde unterwegs; gemalt, wenn ich zuhause war. Da ich mehr unterwegs als zuhause war, drückte sich der Poet durch die kreative Rille.
Aber: Zum Schriftsteller nicht geeignet, das Geschreibsel höchstens auf Journalistenniveau, hängte ich den Stift an den Nagel und widmete mich völlig dem eigentlichen Talent: der Kunst.
Ich wurde seßhaft. Ohne Atelier keine Malerei, auf Reisen mit Skizzenblock und Aquarellfarben herumzuspazieren war nicht mein Ding. Es musste schon was „richtiges“ sein. Also die Idee mit dem tragbaren Atelierkoffer.
Er wurde nie gebaut, was vielleicht gut war. Jahre später bemerkte ich zum Entsetzen, dass die eigenhändigen Öl-Mischungen aus Pigment, Leinöl und viel zuviel Sikkativ zu höchst unliebsamen Ergebnissen geführt hatten: Die Farbe trocknete nicht und ich musste ganze Bildserien wegschmeißen.
Lehrjahre sind Lernjahre. Das war ein Teil davon. Die Ölmalerei wurde für lange Zeit ad acta gelegt, Sprayfarben und später das Acryl übernahmen die Regie.
—
Heutzutage wäre solch ein Koffer wesentlich einfacher zu bauen. Tuben und Holzbretter rein, ein Wasserglas, Pinsel und Lappen dazu, fertig. Aber die Freiluftmalerei reizt mich nach wie vor nicht und den Plotter kriege ich ohnehin nicht auf tragbares Format.
Von daher: Nette Idee für den Romantiker, die Praxis überlasse ich dem Systematiker.

Abhängigkeit eines Rahmens vom nächstgrößeren
DIN A4, Inkjet auf Papier, 1995
Die Schachtel um die Schachtel um die Schachtel um die Schachtel (#058: Konkrete Poesie).
Vom Kleinen ins Große. Von Zuhause bis an den Rand des Messbaren. Oder um im System-Jargon zu bleiben: In die „Ewigkeit“.
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„Öl im Universum“. Darum geht’s – im Leben wie in der Kunst. Um nichts anderes (#172: Malerei). Wobei das Öl heutzutage durch Acryl ersetzt wurde. Moderne Zeiten im Hause Voit.
Irgendetwas auf Irgendwas, an Irgendwas oder in Irgendwas jedenfalls. Konsequent weitergedacht. Die Untertitelung, seit Beginn der Kunstgeschichte jedem Kunstwerk zugehörig, bis ans Ende geführt. Dorthin, wo das „dahinter“ ganz klein wird, die Grenze, der alles unterliegt.
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Das Universum.
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Wir sind alle Teil davon. Jeder Mensch, jeder Strauch, jedes Bild.
Von daher: Die Malerei ist Teil des Ganzen. Sie bildet die Welt zwar ab, stellt sich damit außerhalb (zumindest tut der Realismus immer so), ist aber selbst untrennbar mit ihr verbunden. Der Kunstmarkt weiß ein Lied davon zu singen.
Es gibt kein „daneben“, es gibt nur ein „mitten drin“. Alles andere sind Schubladen, ineinander gestapelt (#049: Matrjoschka).

Bezug zur 1000; Flipper
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1995
Der Flipper zum System. Stösst die Kugel an einen der Türme, werden jeweils 1000 Punkte gezählt. Schnell erreichen die Credits fünf- bis sechsstellige Werte.
Mit Warp-Antrieb zur Million (#133: Opalka mit Warp-Antrieb).
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Neben Darts, Kicker, Minigolf und Tischtennis zählt der Flipper zu den „Big Five“ der sogenannten Kneipensportarten: Sportive Tätigkeiten mit geringem Körpereinsatz und wenig Laufbereitschaft – ideal für das fortschreitende Alter; anders als Fußball oder Tennis, die irgendwann wegen mangelnder Kondition bzw. erhöhter Verletzungsgefahr aufgegeben werden.
Eigentlich gehört Billard noch dazu, aber da verwechsele ich immer das Drehmoment und die Kugel kreiselt wer weiß wohin. Nicht so mein Ding. Kegeln bzw. Bowling fallen ebenfalls darunter, wegen mangelnder Gelegenheit aber genauso unter den (Kneipen)Tisch.
Leider betrifft das mittlerweile auch den Flipperautomaten, der früher in fast jedem Laden in einer Ecke darauf wartete, von mir bearbeitet zu werden. Im Computerzeitalter mit all seinen Zockerspielen, wo selbst ein Flipper am Bildschirm problemlos simuliert werden kann, landet das Original mehr und mehr auf der Müllhalde der Geschichte. Ein typisches 80er bzw. 90er-Jahre Utensil.
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1000 × 1000 = 1 Million.
1000 × 1000 × 1000 = 1 Milliarde.
Die Unendlichkeit kennt keine Grenzen.
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Der Flipper zum System. Man darf das durchaus wörtlich nehmen. Bei entsprechender Finanzkraft würde ich eine solche Konstruktion in Auftrag geben. Genug Ideen und Bildmaterial dafür gibt es.
Wenn von jedem Blockbuster, den meisten Comicserien und den berühmten Bands jeweils ein Exemplar existiert, so darf das ‚System‘ nicht fehlen.
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Der Flipper als malerische Vorlage. Die Designs sind prächtig, es blinkt, flackert, zischt und knallt. Gesuchte Exemplare werden bei eBay für zig Tausende gehandelt. Ein ganz eigenes Sammelgebiet, das viel Platz braucht. Da dieser nicht vorhanden, bin ich momentan gefeit vor der Sucht.
Es mag sich eines Tages ändern. Dann blitzt, bimmelt und dängelt es auch in der Malfabrik: auf mindestens drei Ebenen, mit Dutzenden Rampen, steilen Loopings, starken Magneten und fiesen Stolperfallen. Sobald Multiball erspielt wird, werden die Düsen ausgefahren, das System hebt dann ab und startet durch:
„Bis zur Ewigkeit und noch viel weiter!“

„Insel“-Dasein der Systemelemente
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1995
Jedes Blatt eine Insel. Keine Insel ohne Strand.
Wo wir wieder bei den Zwischenräumen wären. Beschaut man sich das „System“ aus der Ferne, fällt auf, dass jedes Element für sich alleine steht.Es gibt keine direkte Verbindung zwischen den einzelnen Teilen (außer die inhaltliche Komponente). Rein praktisch hält allein die Wand bzw. der Boden alles zusammen. Die Blätter selbst schwimmen darin wie in einem großen Ozean. Isoliert.
Insel-Feeling.
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In der Malerei ist daraus eine ganze Serie entstanden: Equinox 59, das letzte Glied in der Kette.
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Inseln haben mich schon immer fasziniert. Auf einigen war ich persönlich, darunter solch ausgesuchte Exemplare wie Palawan (Philippinen), Aitutaki (Cooks) oder Moorea (Tahiti).
Inseln sind klar überschaubar. Sie verändern sich nicht, haben klare Grenzen, fest umrissen wie Schablonenformen. Vielleicht deshalb.
Vielleicht aber auch einfach ihrer schönen Strände wegen. Ideal zum Anlanden. Ideal, um Geist und Seele darin zu baden.
Strände sind die „Goldküsten“ des Festlandes (#068: Goldrand). Jeder ein Kunstwerk. Eher selten, entsprechend begehrt. An ihnen kommt das Leben zur Ruhe und die Träume beginnen zu schwimmen.
In diesem Sinne: Ab auf die Insel!

Ummantelung
17 x 9 x 8 cm, weiße Bohnen im Netz, 1995
„Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt.
Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg.“
(Matthäus 13, 47-50)
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Anders als in der Bibel bleiben bei mir alle Fische im Netz. Innerhalb wird durchaus sortiert: Die fertigen bleiben, die unfertigen werden irgendwann ersetzt (#059: Veredelung). Das Netz wird dadurch ständig voller.
Es umfängt alles: A-System. B-System. Kernsystem. Blätter. Objekte. Selbst die Boxen, wo alles gelagert wird. Das Netz ist die größte Schachtel, die äußerste Hülle (#075: Meister der Schachteln).
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Das Netz als flexible Membran, das nichts verliert, alle Teile sichtbar lässt, diese komprimiert und optimal verstaut. Ein Schwarm an Gedanken, verfangen im Sonar des Bewusstseins, hervorgezogen aus den unergründlichen Tiefen eigenen Denkens. Ein Schatz, den es zu pflegen und zu bewahren gilt. Ein Sternenhaufen voller Ideen.
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Bei einer Reise zum Mars würde ich Bohnen empfehlen. Die lagern sich endlos. Seit nunmehr 22 Jahren befinden sich die Hülsenfrüchte ungeschützt in dem Netz und verderben nicht. Kein Schimmel, keine Würmer, keine Keime, noch nicht einmal ein Schrumpfen habe ich feststellen können. Die ideale Nahrung für lange Reisen in die „Ewigkeit der 1000 Blatt“.
Apropos: Wieviele von den weißen Körnern mögen sich wohl in dem Netz befinden? Ich wette, beim Zählen würden wir uns erneut der Zahl 1000 annähern. Dazu müsste es allerdings zerstört werden. So flexibel es auch ist, flicken ließe sich die dehnbare Plastikhaut nicht. So lasse ich es sein und überlasse das Schätzen anderen.
Vielleicht entwickele ich daraus eines Tages folgendes Spiel: Wer am nächsten rankommt bei der Schätzung, gewinnt… hm… die Bohnen? Bisschen wenig. Oder das ganze System? Nee, das wäre des Guten zuviel.
Aber vielleicht ein Bild aus der Malfabrik. Der Ausstoß aus diesem Spin-Off des Systems dürfte der Anzahl der Bohnen locker entsprechen und überflügelt mittlerweile die Anzahl der Teile seines Mutterschiffs.
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1000 × 1000 = Bohnensalat für die Ewigkeit. Das ganze Universum ein einziger Stinkstiefel.

Lieblingskünstler als Fußballteam
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1995
Einmal Bundestrainer sein. Ein Traum geht in Erfüllung.
Natürlich stelle ich keine Fußballer auf, sondern Künstler. Altersbeschränkungen gibt es keine, selbst Tote dürfen mitspielen.
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Die Mannschaft meines Vertrauens (Stand 1995):
Der Verrückteste von allen im Tor: Vincent Van Gogh – mit nur einem Ohr (Poesie pur).
Libero:Joseph Beuys. Er sichert hinten ab. Der Fels in der Brandung, Beckenbauer lässt grüßen.
Die Verteidung mit Imi Knoebel (rechts), Juian Schnabel (Vorstopper) und Per Kirkeby (links). Solide Arbeiter, die nichts durchlassen.
Das Mittelfeld, die zentrale Achse des Spiels: Wassily Kandinsky, Gerhard Richter und Jean Frederic Schnyder. Hier wird es flotter, progressiver, treibender. Sie arbeiten nach hinten wie nach vorne.
Sigmar Polke als klassische 10, der das Spiel leitet und die Bälle in die Spitze bringt. Die kreative Schaltstelle, auf den alles zuläuft, mein Effenberg, Netzer bzw. Messi.
Im Sturm Paul Gauguin und Albert Oehlen, die alles verwandeln, was ihnen vor die Flinte kommt. Gauguin mehr der flotte Flügelflitzer à la Uli Hoeneß, der allein auf die gegnerischen Torhüter zurennt, während Oehlen in der Mitte als Goalgetter und Abstauber lauert.
Auf der Bank Emil Schumacher und Martin Kippenberger. Victor Vasarely war zu jener Zeit gerade verletzt (keine Ahnung, warum er vergessen wurde).
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Heute, 22 Jahre später, sähe die Aufstellung ein klein wenig anders aus. Einige der alten Recken würden immer noch spielen (z.B. Polke, Richter, Gauguin, Van Gogh, Kirkeby, Oehlen), andere würden dazukommen, z.B. Philip Taaffe, Ross Bleckner, Anish Kapoor, Jeff Koons, Franz Ackermann oder Daniel Richter.
Aus der reinen Männermannschaft würde ein gemischtes Feld werden: Corinne Wasmuth, Sarah Morris und Rachel Whiteread gehörten mit zur Aufstellung.
Polke würde ich mittlerweile auf die Libero-Position setzen, die zentrale Rolle im Mittelfeld übernimmt Albert Oehlen, dafür Hernan Bas und Bernhard Martin in die Spitze. Auf der Bank lümmeln sich die jungen Wilden: Jonathan Meese, André Butzer und Anselm Reyle, als Joker für die besonderen Momente.
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Na, „Lokomotive Lüpertz“, wie wär’s?

Desillusionierung der Malerei
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1995
Minimaler geht es nicht. Die pure Essenz von Malerei.
Öl auf Leinwand. Nicht mehr. Weil Malerei nicht mehr ist als das: irgendwelche Farbpigmente auf irgendeinem Trägerstoff. Alles andere spielt sich im Kopf des Betrachters ab.
Nur, um es wieder ins Gedächtnis zu rufen: Die Malerei ist flach, sie ist einfach, sie bleibt – eine Illusion. Selbst wenn wir Häuser, Landschaften, Gesichter oder ganze Weltenräume erkennen; es spielt sich alles auf der Leinwand ab, wir können weder hineingehen noch hindurchfassen (außer bei Lucio Fontana vielleicht).
Ein Bild ist unveränderlich. Wir sind nur Betrachter, nicht Teilnehmer des Spiels. Das unterscheidet die Malerei grundsätzlich vom Leben.
Malerei ist das Ab-Bild der Welt, nicht die Welt selbst.
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Von daher: It is like it is. Öl auf Leinwand, sonst nix.
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Das Bild müsste erst gemalt werden. Offensichtliches Beispiel für ein Blatt im „System“, das irgendwann ausgetauscht wird. Es existiert momentan in seiner ursprünglichen Form: als reine Idee. Wie vieles andere auch. Work in progress. Das „System“ als große Baustelle.
Vielleicht realisiere ich es eines Tages in „Acryl auf Holz“. Dann käme neben dem eigentlichen Gedanken das absurde Element hinzu.
Denn auch das leistet die Malerei – wenn sie gut ist: Verwirrung. Dem Nachdenken verpflichtet. Ein Stolperstein, der unser Welt-Bild in Frage stellt. Immerhin ist sie Teil des Ganzen. Kunst eben!
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Meßbare physikalische Größe (Gewicht des Systems)
8 x 5 x 5 cm, Metall, 1995
Das „Gewicht“ des Systems. Es lässt sich messen. Eine physikalische Größe, die im Unbekannten liegt.
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Die meisten Menschen kennen ihr Gewicht. Jedes Automobil wird gewogen. Containerschiffe, Wolkenkratzer, der Mond – jede Feinunze davon ist bekannt. Auf jeder Quartettkarte steht das Gewicht von Lokomotiven, Sportwägen oder Flugzeugen ganz oben.
Nur das Gewicht des „Systems“ ist unbekannt. Das sollte geändert werden. Die Größe, das Volumen, das verwendete Material oder eben das Gesamtgewicht einer Sache sind Außenkoordinaten, die bestimmt werden können.
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Doch: Wie mißt man? Und: Was mißt man genau?
Seit der Hängung im Port kommen 125 Holzrahmen dazu. Sind sie damit automatisch Teil des Systems? Müssen diese mitgewogen werden? Wie sieht es mit den Systemtürmen aus? Dort, wo alles lagert. Ein Teil des Systems?
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Logisch wären vier Stufen des Wiegens:
Kernsystem blank (ohne Rahmen)
Kernsystem (mit Rahmen)
A-System (ohne Rahmen)
alles (A-System, B-System, Rahmen, Systemtürme)
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Zwei weitere Frage stellen sich: Zählt die Waage, mit der gewogen wird, automatisch zum System? Muss deren Gewicht also dazu addiert werden?
Und: Wie verhält es sich mit dem „Systeminator“ (#238), also der eigenen Person? Der zentrale Knotenpunkt des Systems – dort, wo alles zusammenläuft: Mitwiegen, oder nicht?
Das eigene Gewicht müsste im Grunde rein in die Rechnung. Dann wird es allerdings schwierig: Weil es täglich schwankt. Das Ergebnis besäße nur temporäre Gültigkeit.
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Eine Aufgabe, die enormen Zeitaufwand benötigt und erst zu leisten wäre. Jede grobe Schätzung wäre zu ungenau, um künstlerisch wertvoll zu sein.
Das exakte Ergebnis – auf das Gramm genau! – sollte entsprechend präsentiert werden. Gestickt und im Goldrahmen womöglich. Jedenfalls mit an-„gemessener“ Würdigung.
Jedoch: Kaum wäre es dem System angegliedert, hätte man das Gesamtgewicht wieder verändert.
Eine Größe also, die sich ständig bewegt. So organisch, dass das Resultat mit jeder neuen Idee, jedem neuen Blatt oder Objekt, jedem Eingriff ein anderes wäre.
Launisch. Fragil. Wankelmütig. Eine quantenmechanische Vollkatastrophe.
Der „Don Quichotte“ des Systems: Ein Kampf gegen Windmühlen – permanent unerreichbar.
Völlig un(be)rechenbar. Eigentlich.
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Natürlich ist das Gewicht für das System und dessen Wirkung absolut irrelevant. Es ist etwas, was da ist, über das man sich aber keine Gedanken zu machen braucht. Ebenso wie die Luft, die man atmet oder die Gravitation, die uns am Boden hält. Man braucht es nicht zu untersuchen. Weil es auch so funktioniert.
Genau hier beginnt die Kunst.
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(Nebenbei war das „Gewicht“ während der Präsentation im Port genau jenes Objekt, das parallel im „Nagelkasten“ (#070) abgedrückt wurde. Es taucht also zweimal im System auf: einmal als Original-Kilo, einmal als Abdruck im „Fakirbett“, dem Volumenmesser mit den 2310 Nägeln.)

Transparenz des Papiers; Untersystem „Magische Zeichen“
DIN A4, Kopie auf Rückseite von Papier, 1995
Ein Blatt – ein Zeichen: Spiegelverkehrt auf die Rückseite kopiert. Das Blatt gedreht, das Zeichen scheint durch.
Das Verso wird erneut zum Stilmittel, wie bereits bei „Made in Germany“ (#072) und bei den „Sicherungen“ (#174).
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Sanft, fast traumwandlerisch drücken sich die seltsamen, an eine mathematische Gleichung erinnernden Linien durch die dünne Membran.
Das gedruckte Schwarz wird durch die Wendung zu einem leichten Grauwert, maximal 15% der Deckkraft lässt das Papier hindurch.
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Doch was bedeuten die Schnörkel nun?
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Das Konstrukt stammt aus einem Buch mit magischen Ritualen, voller sauber ziselierter, für den Unwissenden absolut unverständlicher Grafiken. Embleme, die sich aus Geraden, Rundungen, ornamentalen Linien, realen und abstrakten Buchstaben, aus Punkten, Häkchen, Ausbuchtungen und anderweitigen kalligraphischen Fantasien zusammenbauen.
Ein Kuriosum der Zeichenkunst, ein Sammelsurum absonderlicher Gestaltung. Eine Schatztruhe für den experimentierfreudigen Künstler.
‚Faszinierend!‘ würde erneut Mr. Spock sagen und tatsächlich sehen die aufgezeichneten Verrenkungen eher einem abgedrehten Alphabet von Außerirdischen ähnlich, denn von und für Menschenhand gedacht.
Trotzdem können Eingeweihte die Zeichen offenbar deuten. Davon gehe ich jedenfalls aus, ansonsten wären sie nicht in den alten Schriften zu finden. Es gab Zeiten, da gehörten sie zum Hausgebrauch.
Da ich dem exklusiven Zirkel selbst nicht angehöre (auch der Besitz sämtlicher „Sabbath“-Platten führt an dieser Stelle zu keiner höheren bzw. tieferen Erkenntnis), kann Zeichen #566 alles bedeuten: von „Rutsch mir den Buckel runter, Winkeladvokat!“ bis hin zu „HSV-Trainer sofort entlassen!“.
(Natürlich steht es im A-System genau an der Stelle, an der die Nr. 566 stehen muss, numerologisch korrekt. Aber das nur nebenbei.)
Wir wollen die Wirkung besser nicht wissen. Am Schluß würde der dazugehörige Zauberspruch das gesamte System in einen Hasen verwandeln oder in einem Paralleluniversum verschwinden lassen. Der leichtfertige Umgang von magischen Ritualen kann mitunter gefährlich sein, das wissen wir spätestens seit Harry Potter.
—
Was bleibt, ist das Faszinosum eines außergewöhnlich poetischen Zusammenklangs, der so schon seine „magische“ Wirkung entfaltet. Rein künstlerisch betrachtet.
Es stammt aus einer Phase, als mich alles Überirdische ebenfalls fast magisch anzog: UFOs, Aliens, das Bermuda-Dreieck, Parallelwelten, Geisterwesen und Heinzelmännchen.
Im Laufe der Jahre kehrte Ernüchterung ein, aber ein klitzeklein wenig davon ist übrig geblieben, im mittlerweile systematisch geordneten Weltbild des Zauberers von einst.
„Salmei, Dalmei, Adomei“

Optimierter Kalender, astronomisch korrekt und numero-logisch
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1995
Der Voitsche Kalender: Dem weiblichen Zyklus angepasst. Mondorientiert. Praktisch. Gut.
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Schon immer hat mich beim Betrachten des Jahres gestört, dass manche Monate 30 Tage besitzen, andere 31. Den großen Ausreißer gibt es zudem im Februar mit 28 Tagen (bzw. 29 in einem Schaltjahr).
Das erscheint mir unlogisch, wahllos, asymmetrisch. Ein mathematisches Hirn hat das jedenfalls nicht erdacht. Hauptsache, die Zahl 365 wird irgendwie erreicht. Wie mensch darauf kommt? Egal.
—
Es ginge auch anders:
Man müsste 13 Monate anlegen, statt die üblichen 12. Das wäre zwar die weitaus chaotischere Zahl (#037: 13 Kreise), aber es würde Sinn machen. Jeder dieser 13 Monate entspräche einem Mondumlauf, also genau 28 Tagen.
6 Monate am Anfang des Jahres. 6 Monate am Ende des Jahres. In der Mitte ein Monat mit 29 Tagen.
Dieser zusätzliche Tag würde exakt die Mitte des Jahres markieren. Der „Zentral“-Tag, automatisch der wichtigste Feiertag. In jedem vierten (Schalt)Jahr gäbe es zwei „Mittel“-Tage.
—
6 × 28 = 168 Tage
1 × 29 = 29 Tage
6 × 28 = 168 Tage
gesamt = 365 Tage
—
Das klingt überschaubarer, sieht eleganter aus, lässt sich leichter merken und macht sowohl mathematisch als auch astronomisch deutlich mehr Sinn als das willkürliche Gehopse zwischen den 30er- und 31er-Monaten. Da ist selbst die Krücke mit den Fingerknöchelchen ein schwacher Trost.
—
Ich werde das der entsprechenden Leitstelle irgendwann vorschlagen. Eine Idee für die Benennung des 13. Monats sowie des zentralen Feiertags wird mitgeliefert:
Der „Voit“-Tag im „Voit“-Monat.
Ehre, wem Ehre gebührt.

Druck auf ein Blatt im gelagerten Zustand
DIN A4, Abrieb von Kohlepapier auf Papier, 1995
Der Druck auf das System im gelagerten Zustand. Er kann gemessen und sichtbar gemacht werden.
—
Das vorliegende Systemelement gibt Zeugnis davon. Ursprünglich ein unbeschriebenes, weißes Blatt. Darüber ein Kohlepapier, wie man es früher als Kopiermöglichkeit bei Schreibmaschinen benutzt hat.
Es liegt inmitten der „Blätter“ im gelagerten Zustand und „zeichnet“ den entsprechenden Druck bzw. die Spuren auf, die die Handhabung des Stapels über die Jahre verursachen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Eine minimalistische Zeichnung, wie es minimalistischer kaum sein kann. Im Vergleich dazu werden selbst die „Minimal Paintings“ von Cy Twombly zu orgastischen Farbschlachten.
—
Der vorliegende Zustand des Blattes liegt einige Jahre zurück, mittlerweile hat sich die „Zeichnung“ weiter verändert. Das Blatt ist „älter“ geworden. Es ist wie beim Menschen, in dessen Gesicht sich das Leben mehr und mehr einschreibt.
Drawing in progress.
Eine Arbeit, die niemals an ihren Endpunkt kommen wird; die in 10 Jahren anders aussehen wird als heute, in 20 Jahren noch einmal anders. Nur die Idee bleibt konstant gleich. Konzeptkunst in seiner reinsten Form. Eines der leisen, ganz stillen Blätter innerhalb des Systems. Auf kleinste Wahrnehmungsverschiebung angelegt, vergleichbar mit Blättern wie dem Plastikblatt (#098) oder der „Leeren Seite“ (#149).
Weniger ist manchmal mehr als genug.

Strukturanalyse des Schreibgeräts
DIN A4, Kugelschreiber auf Papier, 1995
Eine Serie innerhalb der Serie: Papier, vollständig bemalt mit Kugelschreiber. Monochromes Zeichnen.
—
Klar definierte Aufgabe mit klarem Ergebnis: Blau. Jedoch: Ergebnis ist nicht gleich Ergebnis. Je nachdem, wie man den Stift über das Papier zieht, ist das Resultat zwar immer „Blau“, aber die Blätter unterscheiden sich deutlich voneinander.
Es stellt sich nicht mehr die Frage: „Was zeichne ich?“, sondern: „Wie zeichne ich es?“. Ein Vorgriff auf die Schablonenmalerei, wo es ebenfalls mehr um das „Wie“ als um das „Was“ der malerischen Auseinandersetzung geht.
—
Man könnte z.B….
… in Schreibrichtung schraffieren (Kugelschreiber 1)
… von außen nach innen schraffieren (Kugelschreiber 2)
… spiralförmig schraffieren (Kugelschreiber 3 = vorliegende Version)
… vertikal linieren
… horizontal linieren
… diagonal linieren
… chaotisch zeichnen
… das Blatt komplett mit Buchstaben füllen (Zwischenräume ebenfalls)
… und so weiter und so fort.
Die Möglichkeiten dürften nahezu unendlich sein, das Ergebnis wäre in jedem Falle: ein monochromes Farbblatt. Die Betonung läge auf der Struktur der Zeichnung, nicht auf dessen Inhalt.
—
Beim Einrahmen fiel mir auf, dass das Blatt durch das stete Rubbeln mit dem Stift größer geworden war: jeweils ca. 1 mm an allen Seiten, es passte nicht mehr in den DIN A4-Rahmen. Man hätte es beschneiden müssen, was ich natürlich vermied. Also wurde es ungerahmt mit Magneten an der Wand gehalten.
—
Innerhalb des Systems eine Mini-Serie von bislang drei Zeichnungen, weitere könnten folgen. Eine äußerst meditative Arbeit, die viel Zeit verlangt. Ideal um nebenbei in Hörbücher einzutauchen.
The Big Blue.
Vielleicht ist es meine Liebe zum Meer und zur Südsee, weshalb die mit Blau durchwirkten Blätter eine fast magische Wirkung auf mich haben.
Wenn es eines Tages mehr Zeichnungen werden, eventuell bis zur systemrelevanten Zahl von 248 Blatt, böte sich eine parallele Präsentation beider Reihen an: das Kreuzen von „System“ und Kugelschreiberblättern – künstlerisches Spannungsverhältnis zwischen der Übersicht einerseits und dem Ausarbeiten eines Details daraus, ähnlich wie bei der Schablone (#030) und der daraus entstandenen „Malfabrik“.
Ich gehe das an, wenn ich auf ’ner einsamen Insel strande und nichts bei mir habe außer ’nem Stapel Papiere und ’ner Kiste voller Kugelschreiber. Monotonie in der Südsee – damit wäre sie aufgehoben.
.

…
DIN A4, Edding auf Papier, 1995
Männlich. Weiblich. Auf einem Blatt vereint. Das Überbleibsel der antipodischen Beziehung zwischen einem Steinbock und einem Krebs.
—
Unten ein Konstrukt aus meiner eigenen Feder. Eckig, geometrisch, mathematisch ausgerichtet. Erinnert fast an ein Auto. Typisch männlich.
Die Idee für ein Objekt, obwohl ich alles andere als ein Objektkünstler bin. Wohl deswegen wurde es nie verwirklicht.
Oben die Zeichnung meiner damaligen Freundin und Atelierpartnerin, die sich zu jener Zeit intensiv mit dem Abguß von Kleiderbügeln in Gummi beschäftigte.
Weich, fließend, organisch. Zudem ein Thema („Bügel“), das als Metapher für die eigene Körperlichkeit steht. Typisch weiblich.
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Das Blatt steht beispielhaft für die Verknüpfung zweier unterschiedlicher Systeme. Im Sommer 1995 stellten wir gemeinsam auf dem „Treujanischen Schiff“ im Hamburger Hafen aus (ein vom damaligen Hochschullehrer Mike Hentz initiierter, temporärer Party- und Ausstellungsraum).
Ich legte das Kernsystem in den Schiffsbauch, sie hängte ihre Bügel darüber. Bei Wellenbewegungen schwankten diese hin und her, größere Besucher mussten dann aufpassen, dass ihnen die Gummiteile nicht wie naße Fische ins Gesicht klatschten. Das hatte – durchaus beabsichtigt – zur Folge, zeitig in die Knie zu gehen und sich intensiver mit den Blättern auf dem Boden zu beschäftigen. Eine Installation, die funktionierte, eine Kombination, die die jeweilige Arbeit des anderen befeuerte und befruchtete.
Nur unsere Liebe nicht. Wenige Wochen später war Schluß. Aber das ist eine andere Geschichte.

Aufeinanderfolgen von Einzelteilen; Installation
ca. 20 x 40 cm, 5 Messer aus Edelstahl , 1995
Fünf Brotmesser. Mäanderformig geordnet. Jedes Messer berührt das nachfolgende, so wie im System ein Element auf das andere folgt, aber alle miteinander verbunden sind.
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Das Ende des einen Messers liegt auf der Spitze des anderen. Sieht seltsam aus. Es sollte genau umgekehrt sein, also: Spitze auf Ende.
Warum aber ist das so falsch zu erkennen? Einem Systematiker wie mir unterläuft solch ein kapitaler Bock? Spätestens beim dritten Messer hätte es mir auffallen müssen.
Wieso also?
Wir kommen einem Phänomen nahe, das viele System-Abbildungen betrifft: Sie wurden nicht fotografiert, sondern gescannt. Von oben betrachtet hatte alles seine Ordnung, aber der Scanner „sieht“ das Objekt von unten.
Aus demselben Grund war auch die Abbildung der Zaubertafel (#146) schwierig, da normalerweise ein Drehen des Geräts die Löschung der vorher gefertigten Zeichnung bedeutet. Das Teil musste also mit äußerster Sorgfalt auf dem Scanner platziert werden, was eine teilweise Löschung des gezeichneten Schriftzugs trotzdem nicht verhindern konnte.
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Die fünf Brotmesser sind die Grundidee einer Installation, die mit mehreren Hundert Exemplaren stattfinden könnte. Ein ganzer Raum voll mit Essbesteck, darin platziert das System: Es wäre die Kombination aus dem großen Ganzen und der „Vergrößerung“ eines Teils bzw. einer einzelnen Idee daraus.
Das Labyrinth (#125) würde sich als Vorlage anbieten, die Versuchsanordnung der fünf Messer geht bereits in die Richtung.
Beinahe wäre es zum Hakenkreuz geworden. Wie schon bei der vergleichbaren Zeichnung (#043: Hakenkreuz-Zeichnung) steckt dahinter natürlich keine Absicht, sondern schlicht die banale Anordnung von Balken und Linien, die an dem verpönten Symbol mitunter einfach nicht vorbeikommen will. Dafür ist dieses zu einfach und zu eckig. Hammer und Sichel sind unbewusst jedenfalls deutlich schwerer hinzubekommen.

System = Verdichtung der Welt; Kernystem
3,6 x 2,7 cm, Pfirsichkern, 1994
Der Kern zum „Kernsystem“. Komprimierung. Konzentration.
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Als das „System“ im Laufe der Zeit immer größer wurde, das Auslegen bei Präsentationen oft eine Stunde dauerte und immer häufiger nur noch Ausschnitte gezeigt werden konnten, zog ich im Frühjahr 1995 – eineinhalb Jahre nach seiner Geburt – die Notbremse. Das Ergebnis war eine „Best of“-Kollektion aus der zu diesem Zeitpunkt bereits über 800 Blatt umfassenden Arbeit – knapp über 200 Systemelemente, ein Viertel des Ganzen.
Das erste „Kernsystem“ wurde am 27. April 1995 im Bibliotheksvorraum der Hochschule für bildende Künste in Hamburg gezeigt – als Abschluss einer dreitägigen Dauerpräsentation, während der ich die Akademie nicht verließ und mit Schlafsack zweimal neben meiner Kunst nächtigte.
Zugleich war es das letzte Mal, dass das Groß- oder A-System in Gänze gezeigt wurde. Seit jenen Tagen hantiere ich hauptsächlich mit dem „Kernsystem“, entsprechend vertraut sind mir mittlerweile dessen Elemente, während der große Rest mehr und mehr in Vergessenheit gerät.
Aus dem „Kernsystem“ wurde ein Jahr später der „Kern des Kernsystems“ gezogen: 63 Elemente auf drei zusammengestellten Tischplatten (= DIN-Format), in der ungefähren Größe einer Plakatwand. Beschränkter Platz bei einer Ausstellungssituation verlangte danach. Dieses wird in unregelmäßigen Abständen ebenfalls gezeigt.
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Der Kern als Symbol des Lebens, jede Frucht trägt einen. Jede Pflanze hat ihren Samen, jedes Tier entsprechenden Sex. Er garantiert die Weitergabe der biologischen Struktur, das Fortbestehen der Art, die Weiterentwicklung und evolutionäre Anpassung bzw. Optimierung.
Auch der Mensch trägt diesen Kern in sich: In jedem Blutstropfen stecken unendlich viele Informationen zur Evolution, die DNA wird von Generation zu Generation weitergegeben, Erbanlagen sind auf ihr genauso gespeichert wie die gesamte biologische Entwicklung, seit Anbeginn des Lebens.
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Woher der vorliegende Kern stammt ist mir entfallen. Es wird von mir zwar als „Pfirsich“ ausgewiesen, aber eigentlich ist er dafür nicht zerfurcht genug. Für Avocado wiederum zu klein, für Mango zu dick. Es darf also gerätselt werden.
Das Prinzip bleibt aber immer gleich: Etwas Kleines in etwas Großem (#049: Matrjoschka), geschützt durch eine starke Hülle (#147: Tresor). Wird es gepflegt, bricht es auf und etwas Gewaltiges kann daraus entstehen (#030: Schablone).
Neues Leben – der Kreislauf der Natur.

Elementare physikalische Größe; Nachtpräsentation
17 x 3 cm, Paraffin, 1994 (optimiert 2003)
„Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.
Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.“
(Genesis: 1. Buch Mose, Kapitel 1)
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Die Kerze – Licht der Welt. Grundbedingung Nr. 1 für die Betrachtung des Systems. Das wurde mir klar, als bei einer abendlichen Ausstellung an der HFBK Hamburg auf einmal das (Kunst)Licht ausging. Plötzlich war es dunkel. Was vorher im Hellen lag, wurde nahezu unsichtbar, an eine Fortführung der Präsentation war nicht zu denken.
Seit jener Zeit liegt eine Kerze stets griffbereit und wurde dem System angegliedert. Bei Bodenpräsentationen wird die Kerze stets entzündet, als sichtbares Zeichen der Inbetriebnahme, ähnlich dem Schalter, der auf „an“ gestellt wird (#150).
War es anfangs irgendein beliebiges Teil, das flackerte und nach Ablauf der Brenndauer sofort ersetzt wurde, lief mir viele Jahre später das vorliegende Exemplar über den Weg.
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Meine Taufkerze. Oder so etwas ähnliches. Völlig unbenutzt und hübsch mit dem Alpha, dem Omega und einem Kreuz bedruckt. Symbol meiner katholischen Erziehung, die ihre Spuren hinterließ. Nicht sonderlich ausgeprägt, aber mit dem nötigen Respekt vor allem Lebendigen und der nötigen Ehrfurcht vor dem Sein.
Es hätte schlimmer kommen können.
Dass später sämtliche „Sabbath“- und „Maiden“-Scheiben – mit blutrünstigen Covern ausgerüstet – auf dem Plattenspieler meines Vaters rotierten (was diesen regelmässig zur Weißglut brachte), verhinderte diese Erziehung jedenfalls nicht. Im Gegenteil. Vielleicht war sie Voraussetzung dafür.
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Wenn man die Sache weiterdenkt: Vielleicht war das katholische Erlebnis in Kindheitstagen sogar verantwortlich für die spätere Kunst. Als Gegenreaktion. Vielleicht hätte mir bei einer anthroposophischen oder agnostischen Erziehung der Gärtner genügt – zum eigenen Glück. Wer weiß.
Von daher hat die Kerze über das physikalische Symbol hinaus eine große persönliche Bedeutung. Mal abgesehen davon, dass sie aus dem Nachlass meines Vaters stammt.
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Assoziativer Vergleich zur Straße, Möglichkeiten der Seitenstraßen
bedruckte Klebefolie, 24 x 24 cm, 1994
Erneut Eisenbahn. Auch wenn es diesmal Straße ist. Die „kleine Welt“ innerhalb der „großen Welt“ fasziniert mich seit jeher (#010: Eisenbahn-Zeichnung; #030: Schablone; #103: Mini-Nudes; #144: Weiche). Jetzt also das direkte Zubehör: Straßenbau für die H0-Anlage.
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Die Kreuzung. Der Knotenpunkt. Dort, wo etwas zusammentrifft. Wo sich die vier Himmelsrichtungen berühren. Süden und Norden. Westen und Osten. Eindeutig benennbar. Ab diesem Punkt.
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Jedes Systemelement stellt solch eine Kreuzung dar. Ein Statement. Wenn man so will, auch: einen ‚Unfall‘.
Ein Unfall des Gehirns, das aus der üblichen Routine ausbricht und auf der Zeitschiene etwas abwirft. Einen Gedanken. Eine Idee. Irgendetwas, das haften bleibt und für würdig empfunden wird, dass es aufgenommen wird in den Kreislauf des persönlichen Nach-Denkens.
Zum Laufen gebracht, auf die Schiene gesetzt, angestossen.
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Auf dem Boden wird die Hauptstraße horizontal ausgerichtet. Chronologisch korrekt, so wie das System liegt. Im Port bei der Wandhängung wurde die Lesrichtung auf „vertikal“ geändert, die Keuzung entsprechend um 90 Grad gedreht.
Seitdem wissen Besucher, wie das System optimal zu beschauen ist: Von links nach rechts. Oder: von oben nach unten. Je nachdem, wie die Kreuzung gerade steht.

System aktiv = EIN (im gelagerten Zustand = AUS)
Plastik mit Leuchtdiode, eingebaute Batterie, 8 x 6,3 x 4,8 cm, 1994
Ein Schalter an der Wand. Auf Bedienhöhe. Handelsübliches Format. Mitten auf der Systemwand: 17. Vertikalreihe, 4. Element von unten.
Ist da etwas vergessen worden? Ein Anfall handwerklichen Ungeschicks? Ein ungelöster Stromkreislauf? Wurde der Rest drumherum gebaut?
Mitnichten. Der Schalter ist Teil des Systems. Drückt man die Taste, leuchtet das rote Lämpchen. Das System ist dann „in Betrieb“, sozusagen „an“.
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Wie kann das aber sein? Ohne Stromanschluß. Kein Kabel erkennbar. Dennoch: es funktioniert: „On“. „Off“. Immer wieder. So oft mensch klickt.
Ein Zaubertrick? Höhere Kräfte? Unsichtbare Verbindungen?
Nichts von alledem. Der Schalter wurde präpariert: Eine Batterie im Innern sorgt für Spannung. Die Verwirrung ist perfekt. Von manchen nicht einmal bemerkt. Zu selbstverständlich funktioniert das, was eigentlich – bei näherer Betrachtung – gar nicht funktionieren kann.
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Liegt das System auf dem Boden, wird die Verschiebung der Alltagsrealität deutlicher. Denn: Auf dem Boden befinden sich keine Schalter. Es verlaufen auch keine Kabel; an bzw. unter der Wand schon. Von daher hängt das Teil wieder dort, wo es ursprünglich herkam. Back to the roots. Entsprechend unauffällig verhält sich die Kunst.
Manchmal reicht eine winzige Handbewegung, um die Wahrnehmung zu stören, den Denkapparat in Bewegung zu bringen. So wie hier. „On“. „Off“. Beim Gehirn ist es genauso. Was wohl Sherlock Holmes dazu gesagt hätte?

Paradoxon
DIN A4, Inkjet auf Papier, 1994
Ein leeres Blatt. Nix drauf. Oder doch?
In der Mitte, ganz klein, in der minimalsten Schriftgröße steht: „Leere Seite“.
Der Titel der Arbeit, nicht daneben, sondern mitten drin. So klein wie Fliegendreck. Zählt das, oder bleibt das Blatt weiterhin „leer“?
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Ein Paradox, das sich nicht auflösen lässt.
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Die Leere als grundsätzliche Setzung. Das weiße Blatt Papier. Es ist schon da, bevor etwas kommt. Auch das zählt, auch das existiert, auch das macht Sinn, auch das ist „System“.
Die Grundbedingung für Kunst. Sie zu schaffen, ist eine hehre Aufgabe. Denn ohne das geschieht – nichts. Kann nichts geschehen. Ohne Papier verpuffen Gedanken und Ideen im materielosen Raum. Nur virtuell zu greifen. Schwer zu behalten. Noch schwerer zu kommunizieren.
Eine Präsentation allein mit leeren Blättern würde aus der Ferne fast aussehen wie das reale System. Erst beim Näherkommen würde der Unterschied ins Auge fallen. Nix drauf. Die Grundsubstanz aber, das große Ganze, die äußere Hülle würden bereits existieren – ohne dass ein einziger Gedanke aufgezeichnet worden wäre.
Ein Haus ohne Einrichtung, ein Gebäude ohne Wände. Trotzdem zum Anfassen. Man kann es betreten und durchschreiten, aber „blutleer“ (#177).
So wenig auf dem Blatt steht, so wenig es hergeben mag: Während der Präsentation im Port war die ‚Leere Seite‘ tatsächlich das einzige Element aus dem System, für das ich eine Anfrage bezüglich Verkauf erhielt. Bereits am Eröffnungsabend.
Dankend musste ich ablehnen: Das System wird nicht verkauft, nicht einmal sein unscheinbarster Anteil. Trotzdem eine schöne Bestätigung für das, was seit längerem klar ist: Minimalismus rules!
(geschrieben 2020)
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Ein leeres Blatt Papier. Die Basis des Systems.
Doch halt. Wer genau schaut, erkennt in der Mitte eine Störung in der sonst tadellosen Oberfläche. Schmutz? Ein Insekt? Schattenspiele? Oder nur optische Täuschung?
Nein. Da steht etwas. „Leere Seite“ steht da. So klein, dass es kaum zu lesen ist, aber dennoch klar und deutlich, wenn man den Kopf in Richtung Papier senkt.
Der Leser stutzt.
Leere Seite? Wie kann eine Seite leer sein, wenn da etwas steht? Die Aussage ist verwirrend.
Paradox.
Es ist die Kunst der Widersprüchlichkeit und zeigt die Grenze von Sprache auf. Wenn etwas benannt werden kann, was gar nicht stimmt, dann ist das Material, mit dem das geschieht, mit Vorsicht zu behandeln. In diesem Fall das geschriebene Wort.
Glaube nicht, was du liest. Glaube nur, was du selbst siehst (aber auch da sollte Vorsicht angebracht sein, Stichwort: Optische Täuschungen).
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Das weiße DIN A4-Blatt als Grundbaustein des Systems. Ideen werden darauf unmittelbar festgehalten. Eine eingeführte absolute Größe, die ungefragt aus dem Alltag übernommen wurde und im Regelfall selbst nicht weiter beachtet bzw. untersucht wird.
Trotzdem ruht auf ihr alles. Ohne Papier kein System. Wenigstens nicht in dieser Form. Von daher unbedingt eine Aussage wert. Das leere Blatt als Symbol. Als Grundbedingung meiner Kunst und des Systems, letztendlich von mir und der Welt.
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Widersprüche können Antriebsfedern für die Kunst sein. Jeff Koons „Balloon Dog“ ist ein klassisches Beispiel: Sieht aus wie aufblasbare Billigware, wurde jedoch in aufwändigem Prozess aus Edelstahl hergestellt. Im Jahre 2013 brachte einer dieser poppigen Pudel bei Christie’s in New York 43 Mio. USD. Das Paradox des Kunstmarkts.
Das System beherbergt ebenfalls Widersprüche. #172: „Malerei “wäre als Beispiel zu nennen. Die Malerei als Objekt. Oder das Blatt „Wolkenkratzer auf Berg“, als absurde Verdoppelung von etwas, das so keinen praktischen Sinn macht.
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Die Schrift, eine einfache Helvetica, wurde bis auf 3 pt. verkleinert, so dass sie mit halbwegs gesunden Augen gerade noch lesbar ist, wenn man sich über das Papier beugt. Ohne Hilfsmittel wie Lupe (oder am Bildschirm: Zoomfaktor). Eine Optimierung in Richtung Allerkleinstes wäre vorstellbar, sofern ein Drucker endsprechende Ergebnisse liefert.
Eines von wenigen Elementen im System, wo eine Edition vorstellbar ist. Ein Auflagenobjekt, das verkauft werden kann. Das System als solches ist prinzipiell unverkäuflich. Tatsächlich gab es speziell bei diesem Blatt bereits entsprechende Anfragen.
(geschrieben 2017)
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Platzanspruch eines Systemelements; Abwesenheit
6,3 x 20,4 x 1,7 cm, bedrucktes Plastik, 1994
Alles da. Normalerweise.
Bis auf: abwesende Kugelschreiber (#111: „Idee ohne Stift“), abhandengekommene Systemelemente (#071: „Fehler im System“) und – abwesende Gedanken (#149: „Leere Seite“).
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Das Schild für den nächsten Gedankengang, die nächste Idee, die zukünftige Systemgestaltung. Etwas, das vorwegnimmt, ohne dabei konkret zu werden.
Ein Platzhalter vor dem nächsten Element. Klar ist, dieses wird kommen. Unklar ist, wann – und was. Es steckt bereits im Geburtkanal; nur eine Frage der Zeit, bis es fällt.
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Ein System, das rollt, wird weiterrollen. So, oder so. Es wir nicht unwillkürlich zum Stillstand kommen. Das wäre unnätürlich. Ist es erst einmal in Bewegung, braucht es eine Weile, bis es endgültig zum Stehen kommt (#178: „Wasseruhr“).
Von daher steht der RESERVIERT-Aufsteller für die Verschiebung der Außengrenze (#069: „Frontverlauf“), für die nächste Verlängerung auf der Zeitschiene, unmittelbar bevor diese aktuell wird.
Eine ganz spezielle Zeitmaschine, die in die Zukunft reist, ohne dabei die Vergangenheit zu ändern. Der Schritt vor dem eigentlichen. Physikalisch korrekt, künstlerisch wertvoll. Einstein hätte seine Freude gehabt.

Schutz vor Diebstahl, Feuer usw.; 10³ = 1000 Möglichkeiten
12 x 10 x 7 cm, Plastik, 1994
Der Tresor für’s System: Schutzhülle. Ummantelung. Außengrenze.
Feuersicher. Wasserabweisend. Stoßfest. Die ideale Lagerstatt.
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Die „Money Bank“: Das Original aus den 1970ern, ein Werbegeschenk der örtlichen Sparkasse.
Der Tresor funktioniert wie das große Vorbild: Drei Rädchen mit den Zahlen Eins bis Zehn (10 x 10 x 10 = 1000 (!) Kombinationsmöglichkeiten) können einzeln verstellt werden. Ist der Code gewählt, die Barke geschlossen, die Zahnräder verdreht, gibt nur die korrekte Kombi den Inhalt wieder frei – zumindest auf legalem Wege.
Wurde die Zahlenkombi vergessen, was regelmässig vorkam, brauchte es ungefähr eine Stunde, um alle 1000 Möglichkeiten durchzuspielen; sofern man bei 000 anfing und eine hohe Zahl gewählt hatte. Im Laufe der Zeit wurde man diesbezüglich schlauer und wählte von vornherein ein Triple, das mit 1 oder 2 anfing. Dann ging es im Falle eines Falles bedeutend schneller.
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Die Einmaligket der Kunst (#078: Dieses Blatt ist einmalig und kann nicht wiederholt werden). Ist das Original zerstört, führt kein Weg dahin zurück. Nichts kann wiederholt werden.
Weg ist weg!
Von daher gilt: Höchste Sorgfalt und Achtsamkeit für das System: Ein Brand, Diebstahl oder Wasserrohrbruch würde unweigerlich sein Ende bedeuten.
Der Tresor bietet zwar bestmöglichen Schutz, eine Garantie für die dauerhafte Unversehrtheit bietet er nicht. Das Leben ist endlich, das System ist es ebenfalls. Irgendwann wird es verschwinden, wie sein Autor. Wie die Sonne, wie die Sterne. Was bleiben wird? Nichts.
Amen.

„Zeichnerische Schachtel“ (für alle Blätter); Kommentare
20,4 x 24,7 cm, Plastik, Plexiglas, Metall, 1994
Die Zaubertafel. Eines der faszinierendsten Spielzeuge aus der Kindheit.
Dreht man an beiden Knöpfen, bewegt sich ein Cursor in die vier Himmelsrichtungen. Das klingt simpel und ist doch schwer. Bis man sich an die Lenkung gewöhnt hat, dauert es. Bis dahin hat sich der „Stift“ unkontrolliert durch die Zeichenfläche gepflügt und hinterlässt eigenartig eckige Gebilde.
Ein Löschen ist nur möglich, wenn man die Tafel auf den Kopf dreht und schüttelt. Dann verschwindet alles und es darf neu gestartet werden.
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Die Tafel könnte neben dem „Nagelkasten“ (#070) als „Kopiermaschine“ für das System dienen. Während ersterer sämtliche Gegenstände „abdrückt“, könnte man auf entsprechend vielen Tafeln alle Zeichnungen ‚kopieren‘ und so eine Präsentation schaffen, ohne dass ein einziges Originalelement vorhanden ist – außer: Nagelkasten und Zaubertafel.
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Als Alternative zum „Gästebuch“ (#114) könnte die Tafel für Besucher-Kommentare geöffnet werden. Die schwierige Handhabung dürfte entsprechende Einträge allerdings auf ein Minimum reduzieren, so dass die Schiefertafel die bessere Lösung darstellt.
So bleibt es mir überlassen, zu jeder neuen Präsentation schlaue Sprüche, Ergänzungen zum System oder versteckte Botschaften zu hinterlassen. Vielleicht findet sich eines Tages ja der Weg zu einem Schatz oder die „Theorie von Allem“ darauf. Wer weiß. Bis dahin darf munter mit dem Schiffchen „gesegelt“ werden. Ahoi!

Änderung des Materials bei gleichem Format; Schablone
DIN A4, Karton, gestanzt, 1994
Ebenfalls eine Schablone.
Eine, die der Alltag schnitzte: Ein Kartonboden, zurechtgestutzt auf A4. Vermutlich diente die Wellpappe kurzfristig als Halterung für Kaffeebecher, was die Flecken auf der rechten Seite erklären würde. Wer genau hinschaut, bemerkt kreisrunde Druckstellen, die sich regelmässig über den Karton ziehen.
Die unorthodoxe Anordnung der sechs ausgebeulten Halbmonde erzählen eine fast lyrische Geschichte – einem Tänzer gleich, dessen Bewegungen eingefroren wurden.
Sehr ungewöhnlich für ein maschinell hergestelltes Produkt, dessen eigentlicher Zweck sich nicht restlos klären lässt. Das macht das Geheimnis des Fundstücks aus.
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Die Schablone beschäftigte mich damit länger als gedacht, bevor die „Malfabrik“ ab 1995 das Thema in konkret malerische Bahnen lenkte.
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Ursprünglich gedacht als erstes Beispiel einer Serie mit möglichst unterschiedlichen Materialien, alle im A4-Format, Alu, Stahl, Glas, Filz etc. bis hin zu ausgefalleneren Dingen wie Lehm, Eis oder Gold. Holz existiert bereits (#101: Sockel).
Ein Untersystem der Materialität: Die Welt der Stofflichkeit, eingefangen im systemrelevanten DIN-Format.

Wahlmöglichkeit; Eisenbahn-Installation
15,6 x 14,6 cm, Holz, 1994
Die Hobbies aus der Kindheit – irgendwann wurden sie alle aufgegeben: Die Stofftiere verschimmelten im Keller, die Briefmarkensammlung wurde verkauft, die Eisenbahn gegen ein Schlagzeug getauscht.
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Die Eisenbahn – sie wechselte über die Jahre mehrmals Aussehen und Größe: Von der blauen LEGO-Anlage über Märklins „mini-club“ (in der damals kleinsten Spurweite Z), bis hin zur handlichen, mit etwas mehr Komfort und Zubehör ausgestatteten Spurweite N (Maßstab 1:160), war alles dabei.
Vor all diesen Anlagen existierte eine weitere, die „Ur-Eisenbahn“, die in der Erinnerung gerne vergessen wird und schon bald aus der Mode kam, da sie sich von den nachfolgenden in einer Eigenschaft gravierend unterschied: Sie fuhr nicht von alleine. Man musste Loks und Waggons anschieben, was sie spätestens im Alter von 4 komplett uncool machte.
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Als ich mit 40 anfing, die Lieben von damals neu zu entfachen (wie man das so macht als Mann in der Mitte des Lebens), ich mir sowohl die Burgen-und-Schlösser-Briefmarken-Sammlung aus den 1980er-Jahren erneut besorgte, als auch das 20 Jahre zuvor gegen Reisegeld eingetauschte Schlagzeug, kam man automatisch irgendwann zur Modelleisenbahn.
Die Holzweiche war schon länger Bestandteil des Systems, so dass sich die Frage nach der Art der Anlage nicht lange stellte: Die allererste BRIO musste es sein. First love is real love.
Mittlerweile hat das Holzteil mächtig aufgerüstet: Die Loks werden mit Batterie betrieben, es gibt ferngesteuerte Weichen und selbstfahrende Seilbahnen. Kein Vergleich mehr zum reinen Handbetrieb in Kindertagen.
Wow!
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Es ist neben der Schablone das meist ausgebaute Element im System. Zwei große Alu-Boxen voll mit Material warten auf fleißige Erbauer, das ganze Atelier kann mit Schienen belegt werden. Vor vielen Jahren war die Anlage dekorativer und besonders bei den jüngsten Gästen beliebter Bestandteil eines jeden Geburtstagstisches. Der ein oder andere Leser mag sich daran erinnern.
Eine Bodeninstallation in Kombi mit dem Rest des Systems schwebt mir schon lange vor: Blätter, die zusammen passen, könnten so verbunden werden, mit der „Murmelbahn“ (#242) würde man Tunnels bauen und wenn das rollende Material knapp wird: mit der Schablone (#030) wäre es ein einfaches, dieses zeichnerisch nachzuliefern.
Das Träumen von noch größeren Dimensionen sei ebenfalls erlaubt: „Das Labyrinth“ (#125) wäre mit Sicherheit einen Ausflug in die Schienenwelt wert, genauso wie die „Eisenbahn-Zeichnung“ (#010), die bis heute darauf wartet, realisiert zu werden – 40 Jahre nach ihrer Entstehung.
Tut tuut!

„Pärchen-Bildung“ im System (z.B. Polke/Voit)
5,7 x 5,7 cm, bedruckter Karton, 1994
Die Pärchenbildung innerhalb des Systems. Repräsentiert durch das Memory.
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Hinten blau-weiß gesprenkelt, was die optische Gleichheit der Spielkärtchen im „geschlossenen“ Zustand herstellt. Dergestalt liegt (bzw. hängt) die Karte auch im System: mit der Bildfläche nach unten (bzw. zur Wand).
Dreht man die Karte um, öffnet also das Geheimnis, entschlüsselt sich der eigentliche Sinn ihrer Existenz: die Malerei – dargestellt durch Pinsel und Palette. Genau darum geht es: um „Malerei“ (#172). Um nichts anderes – im System wie im Leben.
Gerade wegen der unspektakulären Machart, gleichzeitig aufgrund ihres vertrauten, mit Kindheitserinnerungen aufgeladenen Musters, könnte die Rückseite jedoch auch als Vorlage für ein minimalistisches Bild dienen. Es ist nicht nur die Vorderseite, die in Bezug zur Malerei steht.
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Weitere Pärchen innerhalb des Systems: der „echte Polke“ (#086) und der „falsche Voit“ (#139), die „Weltkarte“ (#019) und die „Europakarte“ (#110), das „Fußballfeld“ (#050) und die „Fußballmannschaft“ (#162) oder – als temporäre Paarbildung – das „Gewicht“ (#160) und der Abdruck davon im „Nagelkasten“ (#070).
Das System ist durchzogen mit Bezügen untereinander, Querverbindungen, Ballungen bestimmter Themengebiete (Eisenbahn, Seefahrt, Sport & Spiel, Mathematik) oder antipodischen Setzungen (Lupe/Türspion, Nagelkasten/Zaubertafel, Anker/Mobile).
Das Memory weist auf dieses Phänomen hin. Wer suchet, der findet. Auch Dinge, die ursprünglich als Paar gar nicht geplant waren: z.B. das Foto der „Bounty“ in Sydney (#060: Weltreise-Fotobuch) neben meinem Lieblingsbuch (#031: Meuterei auf der Bounty). Ahoi!

…
DIN A4, Tinte auf Zettel, geklebt auf Papier, 1994
Ein Versprecher, der (rote) Kreise zog.
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In einem Seminar von Friedrich Wolfram Heubach an der HFBK Hamburg wurde eines schönen Tages aus dem „Japanischen Tee-Kochen“ – phonetisch durchaus nachvollziehbar – das „Japanische Zeh-Kochen“. Die Zuhörer lagen minutenlang am Boden, die Gedanken kochten durch.
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Herausgekommen ist die vorliegende Zeichnung, die der wilden Malerei eines Walter Dahn Anfang der 1980er alle Ehre macht. Ein extra schlechtes, besonders schönes Beispiel aus seiner Serie bildwörtlicher Redewendungen („einen Besen fressen“ etc.), noch um den Clou des appetitanregenden Buchstabentauschs erweitert.
Den Japanern wäre es zuzutrauen; im Lande von Harakiri und Kamikaze nicht völlig abwegig. Dennoch: Die Zeh-Kochkunst bleibt eine schmackhafte Idee aus dem Norden Deutschlands.
Freiwillige ließen sich unter fernöstlichen Touristen nicht finden, so bleibt die Zubereitung exklusiver Körperteile bis heute dem „Club hanseatischer Selbstkannibalen“ vorbehalten.
Bon appetit!

Dreidimensionaler Charakter von Papier
DIN A5, Tinte an Kanten von gebundenem Papier, 1994
Papier ist flach. Ein Blatt hat kein Gewicht. Wer mißt seine Dicke? Man kann es vernachlässigen.
Eigentlich.
Denn: Die Masse macht’s. In der Summe kommt einiges zusammen. Die dritte Dimension eines einzelnen Blattes mag unerheblich sein, fast nicht vorhanden, als Stapel von 100, 200 oder 500 Blatt jedoch wird sie meßbar, fühlbar, erlebbar.
Nutzbar.
Bereits im Mittelalter versteckte man geheime Botschaften bis hin zu detailreichen Landschaften auf dem Schnitt besonders edler Bücher. Fächert man die meist mit Gold belegte Kante in eine Richtung auf, werden sie sichtbar. Ein faszinierendes Beispiel kreativen Umgangs mit der gewöhnlich unbedeutenden „Tiefe“ von Papier.
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Ist es nicht ein großes Symbol für die Bedeutung der trägen Masse innerhalb einer Gesellschaft? Ein einzelner Mensch mag unbedeutend und klein erscheinen, in seiner Summe aber entwickelt er eine große Kraft und kann einiges bewegen.
Jede Wahl zeigt das in aller Deutlichkeit, nicht immer zur eigenen Freude und Erbauung. Das mag oft frustrierend sein, trägt in sich aber eine ungeheure Macht zur Veränderung. Man müsste sie nur zu nutzen wissen.
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Das System ist das, was da ist. Mehr muss nicht gesagt werden. Wer lesen kann, der lese. Wer sehen kann, der sehe. Es steckt alles drin. Von den kleinsten Anfängen bis zu den größten Erhebungen. Die Essenz eines Menschenlebens, komprimiert zwischen zwei Buchdeckeln. Einige Hundert Seiten, die Dicke einer Hand, mehr wird nicht übrig bleiben.
Mit etwas Glück reicht das für die kommenden Jahrzehnte. Mehr Platz auf Erden ist eh nicht.
Wenn das jeder so machen würde… Willkommen in der Bibliothek des Lebens!
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Biologische Definition des Autors
12 x 6,2 cm, Plastik, 1994
Es ist ein grundlegender Unterschied, ob ich ein Mann oder eine Frau bin.
Auch in der Kunst.
Wäre ich eine Frau, würde meine Kunst anders aussehen. Der Input wäre ein anderer, folglich würde sich der Output unterscheiden. Das wäre nur allzu – logisch?
Vermutlich wäre alles weniger eckig, weniger kopfgesteuert und nicht so mathematisch infiltriert, sondern aufgeladen mit Emotion und Andeutung – aber das ist nur eine Vermutung. Ich bin ja schließlich keine Frau. Von daher: Keine Ahnung (typisch männlich eben).
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Es ist ein Unterschied: Ob ich weiß bin, oder schwarz. Arm, oder reich. Jung oder alt. Klein, oder groß. Dick, oder dünn. Krank, oder gesund. Behindert, oder nicht. Attraktiv, oder hässlich. Ob ich in einer intakten Familie aufgewachsen bin, oder nicht. Mit vielen Geschwistern, oder als Einzelkind.
Es ist entscheidend: In welche Zeit ich geboren wurde. In welches Land, auf welchen Kontinent. Ob ich Stadtkind bin, oder Landei. Ob die politischen Verhältnisse stabil waren, oder eine Diktatur. Ob Flucht und Vertreibung eine Rolle spielten, oder die Familie seit Generationen fest verwurzelt ist.
All das prägt. Den Mensch. Die Kunst.
Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal jedoch – oft vernachlässigt, da viel zu selbstverständlich – ist es, in welchem Geschlecht mensch geboren wird. Das entscheidet das Meiste, das stellt die Weiche gleich am Anfang.
Der klitzekleine Unterschied, der die Welt am laufen hält.
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Hund. Oder Katze. Mensch kann es sich nicht aussuchen.

Pendant zum „echten Polke“ (vgl. Nr. 87)
DIN A4, Tinte auf Papier, 1994
Das Pendant zum „echten Polke“ (#086).
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Void = ungültig, leer, unwirksam.
„Into the Void“ (Black Sabbath) = Hinein ins Nichts.
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Jeder Flugreisende kennt das Ungültigmachen bestimmter Abschnitte auf dem Ticket durch das Wörtchen „VOID“.
Ignorante Geister könnten dasselbe über das System denken. Weil mein Name darunter steht: VOIT. Klingt doch ebenso – „ungültig“, „nichts wert“.
Beinahe.
Manchmal macht ein einzelner Buchstabe eben doch den Unterschied. Zwischen T und D liegen offensichtlich Welten.
Alles Nichts, oder?
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Eines von vielen Beispielen der Pärchenbildung innerhalb des Systems, repräsentiert durch die Memorykarte (#143).

Auflistung aller Formate 1:√2 (1,4142) in 1 cm-Schritten
DIN A4, Schreibmaschine/Tinte auf Papier, 1994
Alle DIN-Formate im Zentimeterabstand von 1 cm bis 238 cm (= Plakatwandgröße) als Bild manifestieren, d.h. 238 Bilder malen, die alle das DIN-Verhältnis besitzen, jedoch unterschiedlicher Größe sind.
„So steht es geschrieben, so soll es sein.“ (Die Zehn Gebote)
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DIN-Verhältnis: 1 : 1,4142135 (1 : √2)
Das DIN-Format ergibt sich aus einem Quadrat, durch dessen Diagonalpunkt ein Kreis gezogen wird, der auf den verlängerten Schenkel des Quadrats trifft und dieses zum Rechteck schließt.
(Alles klar?)
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Angefangen bei einem Bild mit 1 x 1,41 cm – was kleiner wäre als eine Briefmarke, also eher die Größe eines wertvollen Minerals hat – über die bekannten A4-, A3-, A2-, A1-Formate bis hin zu A0, was genau einem Quadratmeter entspricht (84 x 118,8 cm), Doppel-A0, Vierfach-A0, Plakatwand (8 x A0 = 240 x 340 cm).
Exemplarisch werden andere Alltags-DIN-Größen eingeflochten, die wegen ihrer „krummen“ Werte nicht auftauchen, z.B. die Streichholzschachtel (3,6 x 5,1 cm) oder die Visitenkarte (A8 = 5,5 x 7,4 cm).
Was es mit den Zahlen am Rand auf sich hat, die in Klammern stehen, weiß ich heute leider nicht mehr – 6, 9, 12, 17, 25, 34, 49 (durchgestrichen), 50, 69 (durchgestrichen), 70. Vielleicht sollte ich damit Lotto spielen.
Das gesamte System beruht auf dem DIN-Format (#063: DIN-Zeichnung, #064: Strommasten). Es ist die einfachste, stets verfügbare Form alltäglichen Schreibens. Wie praktisch: Sämtliche Ordner, Hüllen und Ablagesysteme sind darauf abgestimmt.
Seit Anbeginn werden die Bilder aus der Malfabrik in (teilweise vereinfachten) DIN-Formaten produziert: A4, A3, 60 x 80 cm, 70 x 100 cm, 84 x 120 cm, 170 x 240 cm. Diese Standards beziehen sich auf die ersten Schablonen, die etwas kleiner als A4 waren, damit diese beim Zeichnen genau auf ein Blatt Papier passen. Die Deutsche Industrienorm war damit gesetzt.
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(Text fortführen, Rahmengrößen A4 bis A3 in Millimeterschritten, Idee von 2020).

System = Sammelbecken („Schwarzes Loch“ bei Auflösung)
∅ 4,5 cm, Gummi, Metall, 1994
Die Auflösung des Systems: Eine Möglichkeit.
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Jedes Element ein Stern. Eine Sonne, die leuchtet und verglüht. Früher oder später. Wenn die Energie aufgebraucht, die Aufgabe erfüllt, das Ende erreicht ist.
Das schwarze Loch. Alles stülpt sich nach innen, ein neues Universum entsteht.
Wie im Kosmos, so im System. Was übrig bleibt? Lauter Asche, verglüht und verbraucht. Ein Heer an Staub. Der Stöpsel, der gezogen wurde.
Rutsch – und weg.
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Die Schablone wäre das erste schwarze Loch dieser Art. Seit Jahren beschäftige ich mich ausschließlich damit. Symbolisch könnte man es ersetzen. Es ist eine eigene Welt geworden, es braucht das Exemplarische nicht mehr. Die Idee lebt von alleine, seine Existenz innerhalb des Systems ist überflüssig geworden, eine Erinnerung nicht mehr vonnöten. Eigentlich.
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Das System als Badewanne. Ein Pool der Ideen. Etwas, das erwärmt und gesammelt wird. Das immer voller wird, in das man sich schließlich hineinlegt, badet und genießt. Für längere Zeit. Aber irgendwann wird der Stöpsel gezogen. Es wird abfließen. Vergurgeln und in den Kreislauf des Lebens zurückkehren.
Eines Tages wird das System aus lauter Stöpseln bestehen. Ideen, die verwirklicht und ausgearbeitet wurden. Abgehakt, durchgestrichen, an anderer Stelle existent. Ein Zeugnis von Vergangenem, die Ahnung, dass dort irgendwann mal was war. Ein Schatten, ein Hauch von mir selbst.
Der Kreis wäre geschlossen, die Bahn gelaufen.
C’est la vie.

Gebot für den Betrachter (potentielle Gefahr)
19,8 x 30 cm, geprägtes Blechschild, 1994
Das System liegt blank. Normalerweise. Auf dem Boden ist es allen möglichen Gefahren ausgesetzt: Dreck, Wind, Feuchtigkeit, Nagetieren, Fliegenschiss und anderen Hinterlassenschaften eiliger Besucher.
Nachdem es vermehrt vorkam, dass Gäste – kaffeezittrig (tagsüber) oder rotweinbeschwipst (abends) – mit dem Inhalt ihrer Becher und Gläser mein System „bemalten“, zog ich die Reißleine.
Das Schild „Verschütten ist zu vermeiden“ soll jeden Besucher daran erinnern, dass wir es immer noch mit Kunst zu tun haben, selbst wenn alles lapidar auf dem Boden liegt.
Dinge, die so empfindlich sind, dass bereits eine unvorsichtige Bewegung reicht, um sie nachhaltig zu beschädigen. Das System muss bestmöglich beschützt werden, auch wenn die Authentizität ein größtmögliches Risiko insistiert (#214: Aschenbecher).
Deshalb: Augen auf in der System-Arena! Becher nicht zu voll, Gläser gut festhalten. Das, was daneben läuft, wirft sich unweigerlich auf den Inhalt. Blatt #065 weiß davon zu erzählen.
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Das Schild wurde extra für diese Zwecke angefertigt. Eine Prägung in Blech, blau bedruckt. Nur die obligatorischen Löcher in den Ecken fehlen. Bis zur Wandpräsentation waren diese auch nicht vonnöten. Im Port halfen zwei Schrauben, auf die es gestellt wurde.
Die Gefahr an der Wand ist deutlich geringer als auf dem Boden, die Tafel somit eigentlich überflüssig geworden. Trotzdem: Es erinnert an die Zerbrechlichkeit aller Teile, an die Fragilität jedes einzelnen Blattes.
Denn: Nichts ist wiederholbar, ein Verlust wäre unumkehrbar und endgültig (#078: Dieses Blatt ist einmalig und kann nicht wiederholt werden).
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Unmittelbare Fixierung der Systemideen; Authentizität
DIN A4, Tinte auf gefaltetem Papier, 1993 ff.
Das System im Mini-Format. Auf 75 gefalteten Blättern. Eng beschrieben mit Bleistift, Kugelschreiber und Tintenpen. In Blau, Schwarz, Rot und Grün.
Die rudimentäre Form, der ursprüngliche Gedanke. Als erster Impuls, sofort festgehalten: Zuhause, unterwegs, in der Bahn, im Auto, auf Straßen, während Veranstaltungen; tagsüber, nach dem Aufstehen, mitten in der Nacht.
Bis heute trage ich einen dreifach gefalteten A4-Zettel ständig mit mir herum. Ein Skizzenbuch im Spielkartenformat, der in jede Hosentasche passt. Plus dazugehörigem Stift. Der wechselte während der vielen Jahre vor allem seine Farbe: Von Schwarz über Blau, hin zum Grün. Viele der Stifte sind verloren gegangen. Die Blätter hingegen waren mir immer heilig, ich habe sie alle.
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Ein Künstlerbuch der besonderen Art: Neben dem seit 1993 stets gleichbleibenden Jahreskalender zeichnet er nicht nur die Kunst auf, sondern das Leben mit dazu: Finanzüberblicke, wichtige Termine, Tagespläne und Liebesgedanken.
Jedes Element im A- sowie im Kernsystem lässt sich auf einen der vollgekritzelten Zettel zurückverfolgen. So auch die abgebildete Seite. Es zeigt die #126 (Zeugung – Geburt – Tod) in dreifacher Ausführung. Neben verschiedenen Entwicklungsstufen kann auch das exakte Datum bestimmt werden: 22.03.1994.
Daneben Einkaufslisten, das tägliche Rechnen mit dem Geld, wen ich alles anrufen musste, Gedanken zu den Sternzeichen. Meine damalige Freundin war Krebs. Die Schnittmenge lag in den Tropen, der Äquator die Kante, auf der sich balancieren ließ. So war der Plan. Es scheiterte trotzdem.
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Aufbewahrt in einem Ordner mit Klarsichthüllen kann die Sammlung durchblättert werden oder – wie im Port wird exemplarisch eines der Blätter gezeigt, die anderen (unsichtbar) dahinter.
Sie alle zu öffnen, mit Vorder- und Rückseite, wäre eine schöne Idee: Das System in seiner ursprünglichsten Form. Unmittelbarer vom Hirn auf’s Blatt geht nicht. Das System an der Wand jedenfalls ist bereits die zweite Stufe: Sortiert, isoliert, geglättet, ausgewählt.
Es gibt ein Leben vor der Geburt. Was hiermit bewiesen wäre.

Diktierte Zeichnung (Zeichnung über eine zweite Person)
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1994/1990
An der Akademie in Hamburg war es ein beliebtes Spiel unter uns Studenten, den Verstand mit allerlei Spielchen auszutricksen, um zu möglichst unverfälschtem, authentischem Ausdruck zu gelangen.
Eines davon ging so: Zwei Personen sitzen sich gegenüber an einem Tisch. Die eine hat die Augen verbunden und zeichnet, die andere diktiert mit Worten einen Gegenstand, der in der Mitte liegt, der zeichnenden Person aber unbekannt ist.
Es reichen ganz einfache Dinge: Ein Hammer, eine Schere, ein Kugelschreiber. Die Ergebnisse waren spaßig anzuschauen und kombinierten die konkrete Form mit unvermittelt zeichnerischen Impulsen, bewusst provozierten Fehlern, die sich zwangsläufig einschlichen, wenn mal wieder rechts mit links, oben mit unten vertauscht wurde.
Das Überraschende, nicht Planbare, der Unfall, der Kontrollverlust – letztlich ist das Ziel, wieder in den Zustand eines Kindes zurückzufinden, bevor das Denken in fortschreitendem Alter vollständig das Ruder übernimmt.
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Die vorliegende Zeichnung hatte eine Zigarettenschachtel als Vorlage. Wer genau hinschaut, erkennt auch die Marke. Es ist „Camel“, meine bevorzugte Sorte zur damaligen Zeit: Die beiden letzten Buchstaben sind in der linken Bildhälfte zu erkennen, die stilisierte Orient-Silhouette rechts. Die Packung liegt quer.
Wie später bei den Schablonen reizt mich auch hier das Spannungsverhältnis zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion.

Grenze der Technik: nur per Hand möglich!
DIN A4, Kugelschreiber/Tinte auf Papier/Klebezettel, 1994
Roman Opalka (1931–2011) war ein polnischer Konzeptkünstler, der 1965 damit anfing, Zahlen auf Leinwände zu schreiben. Beginnend mit der 1 zählte er mit dem Pinsel aufsteigend immer eins weiter, bis zur 5 607 249 – er pinselte sie an seinem Todestag.
233 großformatige Bilder hat er zeitlebens mit Zahlen gefüllt. Ab 1972 wurde zudem jede Leinwand um ein Prozent heller grundiert, bis er fast weiß auf weiß schrieb. Ein mächtiges Sinnbild der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens.
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Opalka zählte 1, 2, 3 usw., bis er bei über 5 Mio. angekommen war. Dafür benötigte er fast 46 Jahre. Ein in seiner Konsequenz einmaliges Werk, das neben On Kawara zu den wichtigsten Positionen der Konzeptkunst zählt.
Was aber geschieht, wenn man von der 2 direkt zur 4 weiterzählt? Die Zahl also verdoppelt, statt stupide immer nur 1 zu addieren?
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Eine klitzekleine Änderung, mit gewaltiger Wirkung:
Bereits mit der 24. Zahl, nach der 23. Verdoppelung, hätte man Opalka überholt (8 388 608). Dafür braucht man höchstens 2 Minuten. Der Warp-Antrieb macht’s möglich.
Nach 63 Verdopplungen landen wir bei der bezaubernden Zahl von 9.223.372.036.864.775.808 = 9 Trillionen, 223 Billiarden, 372 Billionen, 36 Milliarden, 864 Millionen, 775 Tausend, 808.
Soviele Reiskörner schuldete der indische Kaiser Sheram dem Erfinder des Schachspiels Zeta, der den berühmten Wunsch äußern durfte:
„Gebieter befiel, mir für das erste Feld des Schachbrettes 1 Reiskorn auszuhändigen, 2 Körner für das zweite Feld, 4 für das dritte und für jedes weitere Feld doppelt so viele Körner wie für das vorhergehende“.
Bekanntermaßen sprengt diese Rechnung jegliche Kornkammer, der Kaiser hätte Zeta die Reisernte der gesamten Welt von 873 Jahren aushändigen müssen (Stand 2006).
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Nach 76 Verdopplungen, mit der 77. Zahl, landen wir bei 75.557.871.725.914.323.418.496, über 75 Quadrillionen. Spätestens jetzt versagt jeder Taschenrechner. An dieser Stelle beendete ich den Flug in den Zahlen-Kosmos. Es passt alles auf ein einziges DIN A4-Blatt.
Hätte Opalka statt „Eins-Zwei-Drei“ also „Eins-Zwei-Vier“ gezählt, er wäre bis weit hinter die benennbare Grenze der Mathematik gestoßen. Der Charme des Ganzen wäre verloren gegangen. Deshalb sind wir froh, dass einer vor uns sein Leben dem (langsamen) Zählen widmete, wir müssen es nicht mehr tun und können uns mit anderen Aufgaben beschäftigen.
Z.B. errechnen, welche Ziffernfolge herauskäme, wenn wir die Zahl 1 insgesamt eintausendmal verdoppeln. Das ist eher nach meinem Geschmack und entspräche zudem mehr dem System-Charakter. Dieser Ritt liegt noch vor mir, es könnte eines Tages der nächste Ausstellungstitel werden.
Opalka mit Warp 10 sozusagen. Scotty, übernehmen Sie!

Gefahr für Autor und System (Allergiestoff)
10 x 8 cm, Sesamkörner in Glas, 1994
Das Ende von allem. Eigentlich müsste ein Totenkopf vor dem Inhalt warnen. Es sind Tausende Sesamkörner. Harmlos für die meisten, das Todesurteil für mich – folglich für das System.
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Offiziell an Position 13 der häufigsten Allergien.
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Ein Mitbringsel aus Australien. Sydney 1992. Einem Döner-Genuss folgten Hitzewallungen, heftiges Kribbeln mit Hautausschlag und die sofortige Flucht zurück ins Hostel. Einmal Schlafen, alles war wieder gut. Der Chili war schuld, so mein damaliger Glaube. Hatte ich nicht noch verlangt, das Teil „extra hot“ zu machen? Der Vorfall wurde jedenfalls vergessen.
Back in Hamburg, Frühstück im Lieblingscafe. Marmeladenbrötchen. Erneute Reaktion. Diesmal konnte es kein Chili sein. Einziger gemeinsamer Nenner: das Sesam-Brötchen.
Der Notarzt folgte einige Wochen später. Seitdem achte ich penibel auf jedes falsche Körnchen auf der Brezel, jeden falschen Duft in der Gemüsepfanne, werden Chinesen und Falafel-Buden gemieden, würde ein Aufenthalt in arabischen Gefilden das baldige Ende einläuten. Von daher lieber die Südsee.
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Wieviele Körner mögen das wohl sein? Weit mehr als Tausend mit Sicherheit. 10.000? Soviele, wie Schablonen in meiner Sammlung? 100.000? Soviele Stadionrunden, um einmal den Erdball zu umlaufen? Eine Million gar? Soviele Einwohner wie Köln?
Sie alle zu zählen, das wäre eine schöne Performance.
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Wenige würden jedenfalls ausreichen, aus dem Systeminator einen Systemin(t)atort zu machen. Die ewigen Jagdgründe wären gewiss. Sherlock Holmes könnte die Arbeit aufnehmen. Ein leeres Glas, ein letztes Körnchen… die Logik wäre zwingend. Sogar Dr. Watson könnte den Fall lösen.
Von daher bleiben sie schön verpackt – sichtbar, aber ungefährlich. Als stete Mahnung an mich selbst. Was so harmlos aussieht, steckt manchmal voll kleiner, böser Überraschungen.

Befehl
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1994
„Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“ (Timm Ulrichs, *31.3.1940, Grabstein, 1969)
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Es geht nicht. Ebenso wie es unmöglich ist, die Welt zu stoppen, das Universum zu bremsen oder die Liebe aufzuhalten.
Es geht nicht.
Folglich ist das System zwangsläufig. Logisch. Mit in die Wiege gelegt. Unumkehrbar. Es gehört zu mir wie der Mond zur Erde, der Tod zum Leben und Black Sabbath zur Musikgeschichte.

Zeichen, das Spuren hinterläßt (Loch im Boden)
8 x 0,5 x 0,9 cm, Metallschraube, 1994
Ein Stopper für das System, der Anker zum Schiff (#127: Segel).
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Das einzige Element, das nach einer Boden-Präsentation eine Spur hinterlässt. Es wird kerzengerade in den Grund geschraubt, nach Ablauf der Ausstellung wieder entfernt und hinterlässt ein kleines, aber feines Loch.
Sozusagen die Unterschrift. Ein Zeichen als Erinnerung an die Kunst, die da kurzzeitig ankerte.
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Da auf der Wand im Port sämtliche Teile festgeschraubt waren oder anderweitig mit irgendwelchen Hilfsmitteln in der Senkrechten gehalten wurden, verpuffte dieser Gag. Die Schraube wurde mittig in eines der Systemfelder getrieben und unterschied sich kaum von der Lücke (#029).
Eigentlich hätte man das Prinzip umkehren müssen, etwas finden müssen, das sich „frei schwebend“ von allen anderen – fixierten – Teilen unterscheidet. Dieser Gedanke kam aber zu spät. Next time.
Ahoi!

Komplexe Analyse der Welt durch seriellen Charakter; Pop-Up
13,4 x 13,4 x 13,4 cm, Klappkarte, bedruckt, 1994
Raumschiff Enterprise (TOS) als Geburtstags-Klappkarte:
THERE IS NO ESCAPE FROM YOUR BIRTHDAY
THERE IS NO GOING BACK
Ausgangspunkt ist die Folge „City on the Edge of Forever“ (Griff in die Geschichte) aus der ersten Staffel (1967), in der Pille in einem Zustand geistiger Umnachtung durch ein Zeitportal in die 1930er Jahre springt.
Sie gilt allgemein als beste Star Trek-Folge, die je gedreht wurde.
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Eines der wenigen Elemente, das alle vier Aspekte des Systems abdeckt. Exemplarisch sei erläutert, warum:
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Aspekt: Malerei.
Diese Deko. Diese Farben. Pop-Art im Weltraum. Schon lange wundert es mich, dass die Serie nicht viel mehr Künstler, speziell Maler, zu irrsinnigsten Kreationen inspiriert hat. Oder bin ich einfach zu doof, es zu erkennen?
Jedenfalls: Wäre ich ein richtiger Maler – so ein klecksender, wilder, mit Farben um sich schmeißender Typ – das wäre die Quelle, aus der ich trinken würde. Einstellung für Einstellung, Folge um Folge. Was für eine Show. Ideal als Vorlage.
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Aspekt: Material.
Das Pop-Up. Eine weitere Möglichkeit, kreativ mit Papier (bzw. Pappe) umzugehen. Eine ganze Branche beschäftigt sich ausschließlich damit. Unglaubliche Arrangements sind das Ergebnis: Dreidimensionale Objekte, versteckt zwischen Pappdeckeln, denen von außen nicht anzusehen ist, was sich darinnen verbirgt. Erst wenn man sie aufklappt, erblühen ganze Landschaften, fein ziselierte Schiffskörper oder anderweitiges Spektakel.
„Faszinierend!“, würde Mr. Spock sagen.
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Aspekt: System.
Die Serie als Grundprinzip künstlerischen Arbeitens. Dieselben Figuren, in ständig wechselnder Umgebung, in immer neuen Geschichten: Einfache Spielregeln, die das Maximum an Ideenfindung und Kreativität verlangen. Eines baut auf dem anderen auf, die Summe ist mehr als das einzelne Teil.
Das System funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, die Malfabrik wedelt bereits aus der Zukunft mit den Schablonen.
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Aspekt: Zeit.
Der persönliche Bezug. Die Serie entstand quasi mit mir, in den Jahren zwischen 1966–1969. Das ZDF strahlte die Folgen ab 1972 aus. Parallel dazu lief in der ARD immer die Sportschau, weshalb ich nur selten in den Genuss kam, sie zu sehen; nur dann, wenn ich bei Freunden war, die weniger fussballfixiert waren wie ich. Erst in den 1990ern holte ich das Versäumte nach, angefixt von Captain Picard mit der neuen Enterprise (TNG). Seither bin ich großer Fan und eingefleischter Trekkie, kenne sämtliche Folgen.

…
DIN A4, Tinte auf Papier, 1994
Mein Zeichenstil: Minimalistisch. Mein zeichnerisches Talent: Nicht vorhanden. Dennoch: Alles gesagt. Witz angekommen?
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Ausgangspunkt eine Meldung, die mich einerseits erschrak, andererseits amüsierte. Scheinbar gibt es schön länger das Problem verschluckter Golfbälle bei Delfinen. Wenn diese tot aufgefunden werden, gibt der Magen das runde Geheimnis preis. Es ist also nicht nur der Plastikmüll, der die Meere verschmutzt, sondern viel absurderes Material.
Doch wie kommen die Golfbälle dorthin? Ist mal wieder ein Container von Bord gerutscht und hat seine Ladung freigegeben? Wie das vor Jahren schon einmal mit tausenden gelber Plastikenten geschah, die seither unkontrolliert um die Welt schwimmen und immer wieder für Furore an irgendwelchen Stränden sorgen?
Nichts dergleichen. Auf Kreuzfahrtschiffen ist es scheinbar üblich, dass die betuchte Klientel ihrem Lieblingssport frönt, indem sie Golfbälle möglichst weit aufs Meer hinaus schlägt. Platz ist ja genug. Die Gefahr von solch einem Geschoss getroffen zu werden, geht gegen Null – anders als an Land. Es darf also ordentlich geballert werden. Problem ist nur, dass diese Bälle von den Delfinen scheinbar als Nahrung mißverstanden werden.
Ein, zwei Bälle verträgt vermutlich jeder Magen, aber Dutzende davon? Jedenfalls wurden vermehrt verendete Tiere gefunden, die vollgepumpt waren mit den weißen Kugeln, weshalb diese Meldung 1994 um die Welt ging. Sie inspirierte mich direkt zu der vorliegenden Zeichnung.
Guten Appetit!

System = Schiff (Segel = Antrieb)
DIN A4, Inkjet auf Papier, 1994
Das System als Schiff. Ein 27-Master mit 243 Segeln (+ Fliege).
Ein Kompass (#117), ein Anker (#130), ein Ausguck (#241: Fernstecher). Mit Seekarte (#019: Welt), Flagge (#072: Made in Germany) und Logbuch (#031: Meuterei). Das Beiboot vertäut (#056: Titaknick), die Crew an Bord (#049: Matrjoschka), den Wind im Nacken (#231: Ventilator).
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Es gibt viele Bezüge in meinem System, die auf die Seefahrt verweisen. Das mag an meinen Jahren in Hamburg liegen oder an meiner Liebe zur Südsee, an meinem Lieblingsbuch oder einfach an der Tatsache, dass ich mit dem Begriff ‚Schiff‘ schon immer Reiselust und Fernweh verbunden habe.
Das Schiff als romantische Vorstellung von Heimat, ebenso wie es das System auf intellektueller Ebene ist.
Bei mir im Atelier sieht es seit jeher aus wie auf einem schwankenden Kahn: Kisten bis zur Decke, jeder Winkel genutzt, viele Dinge in Doppelfunktion, ein Kampf um jeden Quadratzentimeter. Die Kombüse klein, Dusche außerhalb, Landkarten an der Wand, das Clo ein Pazifiktraum in Blau und Türkis.
Was läge da näher als das ganze System zur Bounty zu machen? Oder zur Hispaniola, zur Endurance, zur Peacock, zur Sloughi, zur Ghost oder wie die berühmten Kähne aus Literatur und Fernsehen alle heißen.
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Jedenfalls: So weiß wie Papier, so weiß bläht das Segel. Es ist Antrieb und Ideenfänger, bringt das Ganze voran, in Summe schafft es den Ritt über die Meere, jedes Blatt hat seine spezielle Funktion. In der Kunst wie auf See.
Ahoi!

Gespiegeltes, in sich geschlossenes System
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1994
Nochmal Labyrinth. Etwas kleiner. Meine persönliche Variante.
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Zeugung – Geburt – Tod
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Als Philosophie dazu: die subjektive Wahrnehmung von Zeit. Je älter mensch wird, umso schneller scheint das Leben zu vergehen. Ein altbekanntes Phänomen, das ich über 20 Jahre nach Verfertigung der Zeichnung nur bestätigen kann.
Im Umkehrschluss müsste die Zeit also langsamer vergehen, je jünger ein Mensch ist. Sprich: Wenn man das Leben nicht von der Geburt an rechnet, sondern die neun Monate im Mutterleib dazu, ergäbe sich ein symmetrisches Gebilde innerhalb des Raum-Zeit-Kontinuums.
Es beginnt mit der Zeugung, durchläuft die Menschwerdung in einer Art innerem Labyrinth, bis es sich ins Außen stülpt. Die Monate im Mutterleib werden also in etwa so lang empfunden wie das spätere Leben außerhalb. Zum Zeitpunkt der Geburt ist die Hälfte bereits vorbei. Von da an geht es nur noch abwärts.
Mit 20 hat man den ersten Spiralarm des unteren Labyrinths durchlaufen, mit 50 schaut man bereits um die Ecke des letzten Teilstücks. 90% des Gesamtgebildes sind dann durchlaufen, der Tod ist verdammt nahe. Obwohl für die meisten noch mehr als ein Drittel reiner Lebenszeit aussteht. Im subjektiven Empfinden schrumpft dieses auf wenige Jahre zusammen.
Als Trost denke man sich die Konstruktion einfach in den dreidimensionalen Raum weiter. Als Spirale. Dann ergäbe sich eine fortlaufende Reihe aus Tod und Zeugung.
Ausgang. Eingang. Ein ewiger Kreislauf.
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Optimierter Lauf einer zusammenhängenden Linie
21 x 21 cm, Inkjet auf Papier, 1994
„Im Labyrinth verliert man sich nicht. Im Labyrinth findet man sich. Im Labyrinth begegnet man nicht dem Minotauros. Im Labyrinth begegnet man sich selbst.“ (Hermann Kern: Labyrinthe)
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Das Labyrinth. Ein Faszinosum seit Kindheitstagen. Fast alle Bücher zu diesem Thema stehen bei mir im Regal; einige seltene, praktische Exemplare aus der gehobenen Spielwarenecke – entsprechend teuer – daneben. Ein Thema, das durchaus die Kraft hätte haben können, mein künstlerisches Werk zu bestimmen. Die Schablonen kamen dem in die Quere.
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Die Ursprungsvariante befindet sich in der Klosterkirche St-Omer in der Abtei St-Bertin, nähe Calais, im Norden Frankreichs. Spätere Varianten in Gent, Belgien und in der Kathedrale von Orleans, südlich von Paris.
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Eine Matrix von 49 x 49 = 2401 Feldern. Davon eine Hälfte schwarz, die andere weiß: der labyrinthische Weg. Optimale Ausnutzung der Fläche. Halbe-halbe (ohne das jetzt komplett durchzurechnen). Wer Lust dazu hat, mag die einzelnen Platten zählen. Macht jedenfalls erneut knapp 1000. Es strebt alles zu dieser für mein System „magischen“ Zahl.
Ein einzelnes Feld ist isoliert: in der Mitte, unteres Drittel. Ungebunden, nicht an den Rest gedockt. Ein Fehler, der in späteren Varianten korrigiert wurde. So bleibt es als großes Sinnbild stehen. Der Punkt als Gegengewicht zum Kreuz im oberen Drittel und dem neunfach geplätteten Zentrum. Perfekte Harmonie. Der Fehler im System (#071).
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Das Labyrinth als Lebensweg. Ein Anfang, ein Ende. Mäanderförmig der Weg dazwischen. So lange wie möglich, jede Ecke durchlaufend. Es ginge deutlich kürzer – theoretisch – um vom Eingang bis zur Mitte des Quadrats zu gelangen. Es würde aber deutlich weniger Spaß machen.
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Das Labyrinth als Möglichkeit der Präsentationsform für das System. Sowohl als Bodeninstallation vorstellbar wie – in der „erwachsenen Variante“ – als nachgebaute begehbare Skulptur, an deren Wände die einzelnen Systemelemente hängen, chronologisch geordnet. Ein Lebenswerk, ein Lebensweg. Vom Anfang bis zum Ende.

Relation der Erdenzeit
DIN A4, Tinte auf Papier, 1994
Jeder Planet braucht eine bestimmte Anzahl an Erdentagen, um einmal um die Sonne zu fliegen.
Bei Merkur sind es 88 Tage, bei der Venus 225, bei der Erde die bekannten 365, beim Mars schon 687, also fast 2 Jahre.
Bei den größeren werden die Abstände deutlicher: Jupiter braucht fast 12 Jahre, Saturn etwas über 29, Uranus schon über 84 Erdenjahre. Das wäre mit etwas Glück in einem Menschenleben zu schaffen, während Neptun als äußerster Planet über 164 Jahre für einen einzigen Lauf um die Sonne benötigt. Dafür müsste man schon Schildkröte oder Grönlandwal sein.
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Das eigene (Erden)Alter weiß jeder. Wie alt man hingegen auf Venus oder Mars wäre bzw. wann der Tag wiederkehrt, an dem der Saturn exakt an derselben Position am Himmel steht wie zu der eigenen Geburt, das weiß so gut wie niemand.
Ein Grund, es zu ändern.
Ausgehend von der siderischen Umlauf-Zeit und dem Wissen, dass ein Saturnjahr 10.759,22 Erdentage dauert, errechnete ich den Zeitpunkt seiner Wiederkehr und landete beim 15. Juni 1994 um 16:22 Uhr bzw. 17:22 Uhr nach Europäischer Sommerzeit. Damals stand ich ein gutes halbes Jahr vor meinem 30. Geburtstag.
Die Idee kam mir einige Wochen vor dem errechneten Datum. Ich hatte also genügend Zeit mich darauf vorzubereiten und konnte den ersten Saturngeburtstag gebührend feiern. Endlich war es Sommer, als Silvesterkind eine willkommene Abwechlung, auch wenn die Raketen diesmal ausblieben.
Mein zweiter Saturngeburtstag wird auf den 30. November 2023 fallen, es wird also wieder kalt und ungemütlich. Dann werde ich kurz vor dem 59. Geburtstag stehen. Vielleicht ein Grund, den ersten Uranus-Geburtstag zu errechnen; der ist bis dahin schließlich auch nur noch ein Vierteljahrhundert entfernt.

Optimale Potenzzahl zur numerischen Grenze (32 x 32 = 1024)
20 x 20 cm, Keramik, 1994
Noch einmal die Zahl 1000. Das System als quadratische Matrix.
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32 x 32 = 1024. Näher an die 1000 als Potenzzahl zu kommen ist nicht möglich. Es sind zwar 24 zuviel, jedoch: Der Schritt kleiner wäre 31 x 31 = 961. Da Fehlen 39. Von daher bleiben 32 x 32 Felder als optimale Annäherung.
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Die Kachel lief mir in Hamburg im einem Antiquitätenladen über den Weg. Automatisch fing ich an, die blauen Punkte zu zählen. Das Erstaunen war groß, dass ich quasi den grafischen Überblick meines Systems als fertigen Gebrauchsgegenstand in Händen hielt. Fix und fertig gebrannt.
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Die nächste „magische“ Zahl wäre die Million = 1000 x 1000 (#230). Das entspräche 31 Kacheln nebeneinander und 31 Kacheln übereinander. Eine Fläche von 6,2 x 6,2 m = 38,44 m2. Eher für ein Schwimmbad mit Fünfmeterturm geeignet, denn für die Dusche zuhause. Exakt 984.064 Punkte kämen zustande.
Das System würde dann nicht mehr „1000 Blatt zur Ewigkeit“ heißen, sondern „1 Million Light Years away from Home“.

Setzen einer numerischen Grenze
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
14. Vertikalreihe: 13 Blätter nach links, 13 Blätter nach rechts. 5. Querreihe: 4 Blätter nach oben, 4 Blätter nach unten.
Wir haben das Zentrum des Kernsystems erreicht. Bulls Eye. 121 Blätter nach vorne, 121 Blätter nach hinten. Macht exakt die Mitte von 243 (bzw. 244, wenn man die Fliege als bewegliches Zeichen hinzunimmt).
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Eigentlich müsste der ‚Mittelpunkt der Welt‘ hierhin (#022), aber diese Idee kam zu spät. Es war bereits die ‚1000‘ gesetzt. Auch dieses Blatt passt gut. Dafür musste es 31 Positionen aus der ursprünglichen Chronologie nach vorne versetzt werden. Der größte (Zeit)Sprung innerhalb des Systems, bei der Verlagerung vom Boden an die Wand. Der Gedanke ist also älter als es der zeitliche Ablauf vermittelt.
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Die numerische Grenze. Von mir gesetzt, irgendwann in der (zeitlichen) Mitte des Systems. Auch das passt. Bis dahin waren bereits einige Hunderte Blätter vom Hirn durch meine Hand auf’s Papier geflossen. Irgendwann zog ich die Reißleine. Bevor es uferlos zu werden schien.
1000 schien mir eine gute Zahl. Griffig genug, um damit zu kommunizieren. Weit genug weg, um erst einmal unvermindert weitermachen zu können. Nah genug, um ein Ende abzusehen, selbst wenn dieses noch Jahre in der Zukunft liegen mochte.
Es war eine vorausschauende Wahl, wie sich zeigen sollte. Etwa in diese Phase fiel auch der poetische Titel für die Arbeit: „1000 Blatt zur Ewigkeit“. Self fulfilling prophecy.
Wie von Zauberhand pendelte sich die zählbare Größe des A- bzw. Groß-Systems bei ziemlich genau 1000 Elementen ein. Zum Zeitpunkt der ersten Hochrechnungen hatte ich ein Mehrfaches errechnet (#184: Geburtstermin). Aber im Laufe der Monate wurde es weniger, die Ideen flossen langsamer, irgendwann kam es fast zum Stillstand (#178: Wasseruhr, die Dynamik des Systems).

System mit nahezu unendlichen Möglichkeiten
14,5 x 13,3 cm, Plastik, 1994
Das Schachspiel: Ein System unter Systemen. Einfacher Aufbau, einfache Regeln – seit Jahrhunderten. Das simple Geheimnis dieses wahrhaft königlichen Spiels.
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Auch ich war ihm sofort verfallen. Mein Opa (Klassiker: wer sonst?) lehrte mir die wichtigsten Züge im Alter von sechs. Das Prägendste, was mich an ihn erinnert. Er starb, als ich 16 war.
Etwa in dieser Zeit verbrachte ich ganze Nächte spielend am Brett, mit einem Kumpel in der Pfalz. Wir fingen früh abends an und hörten früh morgens auf. An Schlaf war nicht zu denken, die Figuren tanzten noch den ganzen Tag in unseren Köpfen, es hatte tatsächlich Suchtpotential. Das ging ungefähr zwei Jahre so.
Bereits vorher war das Magnetschach ständiger Begleiter auf sämtlichen Radtouren, sei es im Odenwald, im Schwarzwald, im Pfälzer Wald oder auf der mehrwöchigen Fahrt anno 1981, von Vorarlberg über den Bodensee zurück in die Kurpfalz. Neben Karten spielten wir damals Schach. Reihum. Jeder gegen jeden, es wurden Listen geführt. Wir waren alle ziemlich gleich stark, einer gewann trotzdem immer.
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8 x 8 = 64. Eine magische Zahl, nahezu perfekt.
2 hoch 6 = 64
4 hoch 3 = 64
Teilbar durch 1, 2, 4, 8, 16, 32.
Ein Würfel mit einer Seitenlänge von vier würfelförmigen Einheiten besteht aus 64 Steinen. Ein Hexaeder.
Das I Ging, der älteste der klassischen chinesischen Texte, besteht aus 64 Hexagrammen. Seine Ursprünge führen bis ins 3. Jahrtausend v. Chr. zurück.
—
Mein Geburtsjahr ist 1964. Auf den letzten Drücker, am letzten Tag: Silvester. Einen Tag später wäre ich Jahrgang 1965. Das würde mir deutlich weniger gefallen. So bin ich froh, als Silvesterkind geboren zu sein, auch wenn mich dieser Geburtstag oft genug geärgert hat. An Neujahr geboren zu werden, dazu im „unrunden“ Jahr 1965, es hätte noch schlimmer kommen können.
—
Ursprünglich hatte ich mir in Hamburg in einem Spezialladen – extra für das System – ein schönes Holzbrett mit schönen Figuren gekauft, klassisch in heller und dunkler Maserung.
Dieses Schachspiel lag jahrelang im System, bis mir das Magnetschach eines Tages wieder in die Hände fiel. Also genau jenes Spiel, mit dem ich als Jugendlicher aufgewachsen bin, zu dem ich am meisten Bezug habe.
Das neue Schach wurde durch das alte ersetzt, obwohl billiger, einfacher, wesentlich kleiner. Aber es drückt viel mehr an Authentizität und persönlicher Erfahrung aus als es jedes noch so teure „edle“ Schachspiel jemals könnte.
Ein Hinweis darauf, wie das System funktioniert: Wenn möglich, immer das Original. Immer der Gegenstand bzw. die Zeichnung, die zuerst da war. Nur in Notfällen darf zugekauft werden.

…
7,2 x 16 cm, Geschenkpapier, verklebt, 1994
Die Quadratur des Kreises. Nur umgekehrt.
Geschenkpapier, einmal um’s Präsent gewickelt – bis es den Kreis mit Tesa schließt (#051: Venusfalle).
Wie von Zauberhand entsteht dabei die Doppelkuh: Zwei Schwänze, zwei Euter. Sechshufig, aber kopflos.
Zwei Gehörnte ohne Horn, eine Fehlgeburt, die kein Futter braucht und dennoch Milch produziert. Der Traum jedes Genetikers.
Das Gefleckte erinnert an Südamerika und Russland, das Grün rasiermesserscharf geschnitten, die Bewegung eingefroren.
Ein Kunstprodukt, losgelöst aus dem ehemaligen Kontext: Das Geschenk ist längst vergessen, die Ummantelung lebt fort.
Eine Chimäre aus der Zufallsfabrik.

Zum Systemaufbau verwandte Tätigkeit in der Vergangenheit
17,5 x 12,6 cm, Fotografie, 1994/ca. 1984
Das Foto zeigt mich im Alter von 19 Jahren. Lange Haare, Stirnband, Lederbändchen, Sporthose, barfuß und sonnengebräunt. Es wurde von meinem Vater vom Balkon aufgenommen: Der Hinterhof unserer Mietswohnung.
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Was tue ich da?
Weiße DIN A4-Blätter liegen in einem gewisssen Abstand, fein säuberlich zu Reihen geordnet. Stapel Papier in Reichweite, die offensichtlich darauf warten, ebenfalls ausgebreitet zu werden.
Das Bild kommt einem seltsam bekannt vor.
Man könnte meinen, ich ordne mein System. So sieht das zumindest aus: Wenn ich Zeichnungen auf den Boden lege, anfange, das Ganze wie einen Teig auszuwalzen.
—
Wie kann das aber sein? Das Foto ist von 1984, das System begann erst neun Jahre später, im Herbst 1993. Ein Zeitsprung?
Koinzidenz der Ereignisse. Unbewusste Handlungsparallelen.
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Mein Vater arbeitete damals im Außendienst für eine Firma mit Atemschutzartikeln. Er hatte viele Kunden und diese Kunden produzierten Rechnungen. Alle drei Monate in etwa mussten diese Rechnungen nach Postleitzahlen sortiert werden.
Diese Aufgabe übernahm ich ab einem Alter von ungefähr 12 Jahren. Es war ein beliebter innerfamiliärer Nebenjob, der das Taschengeld aufbesserte. Im Winter wurden die Couchen im Wohnzimmer zum Büro, im Sommer gerne der Hinterhof.
Viele Jahre später fiel mir die Fotografie in die Hände und ich stutzte ob der schier unglaublichen Ähnlichkeit der Handlungen.
Das formale Bild des Systems schien bereits in der Kindheit und Jugend angelegt. Sprich: Blätter vom Stapel nehmen, auf dem Boden ausbreiten, Reihen bilden, mich über irgendwelche Papiere beugen. All das fand bereits Jahre vor den ersten System-Präsentationen statt.
Die Generalprobe für die Kunst, die später folgen sollte.

Grenzbild realer bzw. abstrakter Wahrnehmung
19,5 x 29,7 cm, Inkjet auf Papier, 1994
Eine Frage der Wahrnehmung. Wie im Leben, so auch in der Kunst.
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Was ist abgebildet?
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Die einen sehen nur schwarze Flecken, ungleichmässig verteilt, auf weißem Grund. Andere erkennen – mal früher, mal später – in der rechten Bildhälfte einen Dalmatiner, der am Boden schnüffelt. Links dahinter etwas Pflanzliches, einen Baum vielleicht oder eine eingefasste Grünfläche, irgendetwas, das einen runden Schatten spendet. Der größte der schwarzen Flecken kann so interpretiert werden.
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Wie kommt das? Was ist wirklich da?
—
Formal betrachtet nur schwarze Flecken. Würde man jeden einzelnen davon etwas verrücken und aus dem Gleichgewicht bringen, es würde beim abstrakten Bild bleiben. Niemand würde darin einen Hund erkennen.
Mit etwas Übung jedoch summieren sich die abstrakten Flecken zu einer räumlichen Darstellung. Etwas, das uns bekannt vorkommt. Unser Hirn schafft tatsächlich den Spagat zwischen erlerntem Bild und (stark) abstrahierter Darstellung, indem es die fehlenden Teile ergänzt und zu einem sinnvollen Ganzen zusammenbaut. Faszinierend.Das wirft ein besonders Licht auf die Malerei.
Denn: Was ist Malerei?
Nichts anderes als Flecken. Farbflecken, die sich summieren. Selbst wenn Berge, Tiere, Menschen oder irgendwelche Gegenstände erkennbar sind, die rein physische Grundsubstanz der Malerei bleiben: Pigmente. Farbige Staubkörner.
Diese werden in einer bestimmten Konstellation zusammengesetzt, damit ein (für unser Hirn) sinnvolles Gesamtbild entsteht. So lief das über Jahrhunderte. Die gesamte realistische Malerei funktioniert so.
—
Alles andere leistet unser Gehirn.
Die abstrakte Malerei hebelt diese Ordnung auf. Farbflecken dürfen auf einmal Farbflecken sein. Sie dienen keinem höheren Zweck mehr, sie müssen sich nicht unterordnen, sie dürfen einfach sie selbst sein: Pure Farbe, reine Energie, von (Be)Deutungen befreit.
Das ist die große Leistung der Malerei seit über 100 Jahren.
Die entscheidende Frage seitdem spielt sich zwischen Herz und Hirn ab: Was überwiegt? Wieviel Bedeutung bekommt die Farbe, wie stark gewichte ich den Inhalt bzw. wieviel Wiedererkennbarkeit der Formen lasse ich zu?
Nachdem sich die reine Abstraktion über Jahrzehnte austoben dufte, nähert sich die moderne Malerei dieser grundsätzlichen Frage zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion auf neue Weise an, oft mit technischen Hilfsmitteln wie Computer, Beamer oder Projektor. Sie verwurstet beides und beweist damit endgültig, was Malerei ist: Nichts anderes als kunstvoll zusammengebaute Farbflecken. Im Kern abstrakt.

Geografische Ausrichtung (hier: des Scanners!)
5,5 x 4,7 cm, Plastik, Metall, 1994
Jeder Ort der Erde ist geografisch bestimmbar: Längengrad. Breitengrad. Der Punkt, auf dem man sich gerade befindet, ist die Schnittstelle von zwei mathematischen Einheiten. Eindeutig benennbar, lokalisierbar, auf jeder Weltkarte wiederzufinden. Nur so funktioniert GPS.
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Jede Bewegung im Raum ist zudem über die vier Himmelsrichtungen meßbar: Norden. Süden. Westen. Osten. Ein Kompass hilft, den Kurs zielgerichtet zu koordinieren.
Jedes Objekt kann mit solch einem Gerät ausgerichtet werden. Bei der Einrichtung einer Wohnung behelfen sich sensitiv veranlagte Menschen gerne der Methode, um beispielsweise Betten auf die Nord-Süd-Achse zu stellen. Angeblich soll das bei Schlafstörungen helfen.
So wie ein Bett oder ein Schrank könnte auch das System während einer Präsentation z.B. strikt nach Norden gelegt bzw. gehängt werden. Der Kompaß würde dabei wertvolle Dienste leisten.
Bislang beließ ich es immer bei der Messung. Für die Zukunft stelle ich mir aber durchaus eine Betonung dieser bislang unbeachteten geografischen Rahmenbedingung vor. Also, in welche Himmelsrichtung das System während einer Präsentation zielt.
Dann würde nicht mehr – wie bislang – der architektonischen Vorgabe des Ortes gefolgt werden, vielmehr würde der Kompass bestimmen, wie das Ganze gelegt wird, was vermutlich jeglicher Raumstruktur zuwider läuft. Man müsste irgendwo anfangen und irgendwo aufhören, u.U. sogar vom Boden auf die Wand ausweichen, oder umgekehrt, damit das Ganze als Block überhaupt Platz findet (#055: Querschläger).

Ummantelung
17 x 9 x 8 cm, weiße Bohnen im Netz, 1995
Selbst Google hilft nicht weiter. Das Zitat bleibt verschollen. Es war aber mutmaßlich Clint Eastwood, der – wortkarg wie immer – das lange Leben eines Cowboys in kurze Worte fasste, ohne Punkt und Komma:
EIN MENSCH GEHT VON DEM ORT WO ER GEBOREN WIRD ZU DEM ORT WO ER STERBEN WIRD
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Das Leben als Zeitlinie. Ein Band, das irgendwo beginnt, und irgendwo endet. Für diejenigen auf dem Band mag es Hunderte an Schlaufen und Umwegen geben, das Leben eher wie ein Wollknäuel wirken, von außen betrachtet bleibt es immer etwas Stringentes, mit einem klar definierten Anfang, und einem klar definierten Ende.
Der Lebensweg. Mal länger. Mal kürzer. Erst wenn das Band zerschnitten wird, endet dieser.
Auf einer Landkarte könnte man die Lebenslinie eines jeden Menschen einzeichnen, mit Start- und Zielpunkt, so wie heute per Satellit jede Wanderung per Geodaten nachvollzogen werden kann. Unterbrechungen gäbe es keine, denn jeder Mensch muss seinen Körper ein Leben lang mit sich herumschleppen.
Nicht umsonst wird in Lebens-„Läufen“ berühmter Persönlichkeiten immer Geburts- und Sterbeort genannt, die beiden Eckdaten jeder Biografie. Dazwischen spielt sich ‚Leben‘ ab.
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Das Material: Ein dünnes Plastikband, das mit speziellem Werkzeug maschinell geprägt wird. Die Auswahl an Zeichen ist gering, Korrekturen sind nicht möglich. Für jede neue Präsentation muss es erneut hergestellt werden, die Klebewirkung hält exakt für die Dauer einer Ausstellung.

Relation des eigenen Alters
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1994
Das eigene Alter als Maßstab. Es war schon zu Schulzeiten elementar: Jüngere Klassen wurden nicht ernstgenommen, Orientierung fand man – wenn überhaupt – bei den Älteren.
Sollte ich das biblische Alter von 80 erreichen, dürften bis dahin 90% der Weltbevölkerung jüngere Jahrgänge sein. Man wächst hinaus. So wie damals aus Grundschule und Gymnasium.
Was übrig bleibt: 100 Prozent Frischlinge, der Kindergarten der Menschheit.
Hallelujah!

Eingriffsmöglichkeit des Betrachters
Weißstift auf Schiefertafel, Holz, Leder, 18,9 x 26,3 cm, 1994
Ein erlaubter Eingriff. Direkt in das System. Die Möglichkeit, als Besucher über die Dauer einer Ausstellung hinaus präsent zu bleiben.
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Kommentare, Unterschriften, Smilies, Kreidekunststücke = alles erlaubt.
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Während der Präsentation im Port wurde diese Möglichkeit ausgiebig genutzt. Die Tafel war danach voll. Sie umzudrehen und auf der Rückseite weiterzuschreiben, auf diese Idee kam dennoch niemand. Es wäre möglich gewesen.
Jeder Besucher hinterlässt Spuren. Der eine Kaffeeflecken auf Zeichnungen, der andere Gesprächsfetzen im Kopf. Niemand kommt umsonst. Das symbolisiert die Tafel. Auf ihr darf mit weißem Kreidestift gekritzelt, gemalt, gelobt und gemeckert werden.
Jede Kunst kommuniziert mit dem Betrachter. Das gesamte System ist auf Kommunikation angelegt. Früher war ich während einer Präsentation selbst anwesend, mittlerweile entfällt dieser dauerpräsente Modus. Die Tafel dient Besuchern, ihre Gedanken niederzuschreiben, auch wenn ich nicht vor Ort bin.
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Ein Gästebuch. Auf jeder besseren Ausstellung liegt normalerweise eines aus. Bei mir ist es Teil der Kunst. Ein Wisch und alles ist wieder sauber. Bereit für die nächste Schau.

Das Auge als Brennpunkt der sichtbaren Welt
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1994
Jeder ist Herrscher seiner eigenen Welt. Sie wird von ihm betrachtet und eingeschätzt, geformt und verwaltet. Eine andere gibt es nicht.
Jeder kann seine Welt verändern. Manchmal genügt dafür ein Wimpernschlag. Schließe ein Auge, schon verrückt der Blick: Dinge, die gerade schienen, geraten schief, oder umgekehrt.
Just try it!

Malerischer Urknall
DIN A4, Wasserfarben auf Papier, 1994/1982
Erneut 1982 (#104: Steckbrief). Scheinbar ein wichtiges Jahr in meinem Leben.
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Das Urbild.
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Ausgehend von der grafischen Gestaltung des Buchstabens „A“ auf einem Cover der Hard Rock-Band „Black Sabbath“ (Never Say Die, 1978) vervielfältigte ich mein damaliges Lieblings-Symbol, verlieh ihm Dreidimensionalität und versuchte so den Eindruck zu erwecken, als flöge der Betrachter über einen Planeten mit schwarzen Dreiecken, die sich gänzlichst aus den Farben Rot, Violett und Türkis aufbauten.
Die Perspektive hakt, von Schattensetzungen hat der junge Vasarely-Enthusiast noch nie etwas gehört, Verzerrungen in den Raum finden nicht statt, dennoch hat dieses Bild – mit Wasserfarben fein säuberlich auf Papier gepinselt – bereits vieles, was meine spätere Malerei kennzeichnen soll.
Starke Farben, harte Konturen, gerade Linien, grafische Symbole, sowie das typische Maß an Pedanterie und Genauigkeitswahn, die bereits deutlich zutrage treten. Damals war ich 17.
—
Was zu beweisen gewesen wäre: Der Typ hat schon immer so gemalt. Er will nicht anders. Vielleicht kann er auch nicht. Er ist dort hineingeboren. Das Gerade, Perfekte, Cleane, mit dem Lineal gezogene ist seine visuelle Heimat. Die Jahre danach dienten nur der Verfeinerung und Ausarbeitung von etwas, das seit Urzeiten feststand.
Schablonensammlung und Malfabrik ahoi!

Reißen von Papier als Gestaltungsmittel
14,5 x 13 cm, Papier, gerissen, 1994
Man kennt das ja: Die geniale Idee – unterwegs – und kein Stift weit und breit. Es war die Zeit vor den Handys, also auch keine Möglichkeit, etwas als Notiz zu tippen.
Was tun?
Papier ist verfügbar. Aber weder Bleistift, Kugelschreiber noch Füller. Was bleibt: Der Gedanke muss aus dem Papier gerissen werden. Ansonsten ginge er verloren. Also wird fleißig gebastelt. Am Ende steht die „Idee ohne Stift“.
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Eine weitere Eigenschaft von Papier: Es kann nicht nur gefaltet, geschnitten, gepresst und gebrannt werden, es lässt sich auch reißen.
Entfernt erinnert die so entstandene Form an Bildvorlagen aus der Kindheit: Farbige Gegenstände, z.B. Anziehpuppen, sind über Papierstege miteinander verbunden, bilden eine komplexe, zusammenhängende Einheit, die man mit der Schere in Einzelteile zerschneidet und in Poesiealben klebt.
Auch eine Art Schablone, nur umgekehrt.

Geburtsort = Mitte Europas
12 x 10 cm, bedruckter Karton, Edding, 1994
Hamburg = die Mitte Europas.
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Bulls Eye. Mitten hinein. Genau getroffen. Mit dem Lineal gezogen. Kein Zweifel möglich. Hamburg liegt exakt in der Mitte zwischen Reykjavik und Athen, zwischen Helsinki und Bordeaux.
Welcher Kartograph dafür verantwortlich zeichnet, weiß ich nicht. Auf jeden Fall wird er einen besonderen Bezug zur Hansestadt gehabt haben. Einen Zufall halte ich für ausgeschlossen.
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Hamburg = die Geburtsstadt des Systems. Im Zentrum der „Alten Welt“.

Astrologischer Aspekt des Autors
DIN A4, farbiger Computerausdruck, 1994
Das Horoskop des Systeminators (#238). Manche würden sagen: Ein Horror-skop.
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Ein weiteres System im System. Allein in dieser Hinsicht für mich von Belang. Natürlich beeinflussen Sterne unser Schicksal genauso wenig wie Sonne oder Mond, wie Tag oder Nacht, wie Ebbe oder Flut. Aber es ist eine Setzung, von der aus sich die Welt bzw. die Menschen, die auf ihr leben, einteilen und ordnen lassen. Von daher: Interessant.
Denn: Jeden Menschen betrifft es. Es kann sich niemand entziehen. Weil jeder Mensch zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort in diese Welt hineingeboren wurde. Von daher ein universelles System. Die einzige Möglichkeit sich zu entziehen ist: Unwissenheit oder Vergessen.
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Astrologen vermögen aus dem Schemata alles zu lesen: Stärken, Schwächen, das komplette Schicksal.
Was ich selbst davon verstehe: Als Steinbock per se in die Systematik geboren, als Fisch in die Sensibilität entlassen, als starker Schütze dem Reisen, der Unabhängigkeit, mitunter dem Missionarischen verhaftet, die Jungfrau gibt den Schuss Perfektionismus dazu, Jupiter im Stier unterstützt die Spielleidenschaft, sämtliche Luftzeichen kommen zu kurz.
Was lesen wir daraus? Nichts.
Da sich über das Nichts aber trefflichst kommunizieren lässt, hilft ein gewisses Maß an astrologischem Halbwissen auf jeder Party, das große Nichts der Kommunikationslosigkeit zu über-brücken.
Von daher: Wichtig. Nichtig. Richtig.

Optimierung, das Anti-Anti-Prinzip
Metalldose, Durchmesser: 9 cm, 1994 (optimiert ca. 2006)
Das Bayern-Emblem: Eine leere Bonbon-Dose hat den ursprünglichen Stoffaufnäher ersetzt. Ein Objekt, das den meisten Betrachtern sofort auffällt, lange im Gedächtnis bleibt, das grösste Rätsel im gesamten System aufgibt.
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Wie kann es sein, dass dieser Künstler mit seinem Lieblingsbuch „Meuterei auf der Bounty“ (#031), dessen politische Drift eher „links gemacht“ statt „rechts gedacht“ (#085) einzuordnen ist, der nicht unbedingt im Verdacht steht, Mehrheitsmeinungen hinterherzulaufen, wie kann es sein, dass solch ein Typ Bayern-Fan ist?
Es kann.
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Es wäre einfach zu behaupten: Es war schon immer so, es bleibt so. Immerhin begleitet mich der Verein seit Anfang der 1970er-Jahre. Doch das wäre nur die halbe Wahrheit.
Im FCB spiegelt sich ein gutes Stück meiner selbst.
Der Anspruch, immer das Beste leisten zu wollen, die ständige Optimierung, die regelmässige Erneuerung, ja, manchmal auch die Härte, Verbissenheit und Unnachgiebigkeit, dieses unbedingte „Muss“, all das könnte man genauso gut auf das System übertragen. Folglich auf mich.
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Was wurde ich für die Liebe zu diesem Verein schon gescholten. Das fing bereits in der Kindheit an. Obwohl sich alle anderen Fans gegenseitig die Köpfe einschlugen, bei einem waren sie sich einig: Alle gegen die Bayern! Das reizte erst recht.
Die Positionierung fand früh statt. Stuttgart, Schalke, Frankfurt, Lautern, bei meinen Kumpels war alles dabei. Mit dem Bayern-Trikot lief ich als einziger durch die Gegend. Das war auch gut so, anders hätte es nicht funktioniert.
Natürlich spielte die Tatsache eine entscheidende Rolle, dass Anfang der 1970er mit den Bayern und Mönchengladbach zwei Vereine permanent im TV rotierten, die über die besten Spieler verfügten, die Deutschland jemals zu bieten hatte. Bis heute sind Müller, Breitner, Netzer, Sepp Maier & Co. legendär.
Mein Vater war im eigentlichen Sinne kein Bayern-Fan, aber sein absoluter Hero war Franz Beckenbauer. Hätte der bei Wormatia Worms gekickt, wäre er vermutlich Fan der Rheinhessen geworden. Aber sein Star spielte bei den Bayern, die emotionale Nähe zu diesem Verein war die logische Folge. Das färbte auch auf mich ab.
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Es gab Zeiten, da orientierte man sich schon aus purer Langeweile in andere Richtungen:
Wegen der Vereinsfarben Schwarz und Rot war ich kurzzeitig Nürnberg-Fan, das ging auf Dauer aber nicht mit den Bayern zusammen.
Irgendwann lief mir eine Kaffeetasse der Arminia aus Bielefeld über den Weg, also drückte ich eine Saison lang den Westfalen die Daumen.
Während des Studiums in Hamburg entwickelte sich eine Sympathie zum FC St. Pauli. Die standen einem auch politisch näher als der Rest.
Liebe wurde es nie. Liebe empfand ich immer nur für „meine“ Bayern.
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Die Bayern haben also mehr mit mir zu tun als manch einem lieb sein mag. Um dem Ganzen vollends die Krone aufzusetzen, mein Lieblingsfußballer war und ist – bis heute: Uli Hoeneß.

Eigenschaft von Papier; Flexibilität; Prägedruck
DIN A4, Bleistift auf Rückseite von Papier, 1994
Eine Eigenschaft von Papier: Es lässt sich dehnen.
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„Bei der Frottage wird die Oberflächenstruktur eines Gegenstandes oder Materials durch Abreiben mittels Kreide oder Bleistift auf ein aufgelegtes Papier übertragen.“ (Wikipedia)
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Die genaue Vorlage ist mir nicht mehr bekannt. Es war aber die Abdeckung eines Gegenstandes auf der Wohngruppe, in der ich als Nachtwache arbeitete, eventuell von einem Luftbefeuchter. Ein weiteres Überbleibsel aus jener Zeit, in der ich wenig Tageslicht sah, dafür umso mehr in die nächtliche Kunst eintauchte.
Malerisch interessant als Form, als Durchdruck interessant, weil – ähnlich wie bei der Faltung oder dem zerknülltem Blatt – direkt mit dem Papier gearbeitet wird; nicht ausschließlich, immerhin bedarf es eines Bleistiftes, mit dem die Rückseite abgerieben wird. In dieser Hinsicht eine Mischung aus „Faltung“ (#006) und „Made in Germany“ (#072).
Eine Art ornamentaler Schablone, selbst die abgerundeten Ecken sind vorhanden. Es hätte eine ganze Serie entstehen können, mit Gegenständen aus meinem unmittelbaren Umfeld. In dieser Hinsicht dem „Nagelkasten“ (#070) verwandt, der auf kleinem Format ebenfalls die Möglichkeit bietet, die Dingwelt als „Abdruck“ zu rekonstruieren, ohne dass die Objekte direkt auftauchen. Allerdings bedarf es dazu einer strukturierten Oberfläche.

Sprachlich benennbare Grundlagen des Systems
DIN A4, Inkjet auf Papier, Plastikordner, 1994
Die Prinzipien: Sprachlich benennbare Definition der einzelnen Systemteile. Das, was unter jedem Foto steht.
Dazu die Nummer, der Name sowie die Einordnung in die vier Hauptaspekte des Systems: Malerei. Material. System. Zeit.
Präsentiert in einer Mappe mit Klarsichthüllen, auf Bauchhöhe angebracht, geeignet für die schnelle Übersicht und zum Blättern. Eines von wenigen Elementen, die berührt werden dürfen (#241: Fernstecher).
That’s it.

„Ausschussblätter“ werden dem A-System angegliedert
DIN A4, Kugelschreiber auf Papier, 1994
Die drei Ebenen des Systems:
Kernsystem. (248 Teile, sichtbar)
A-System. (1000 Teile, teilweise sichtbar)
B-System. (variabel, unsichtbar)
—
Das Kernsystem wird hauptsächlich gezeigt. Das A-System ist aktiv. Was geschieht mit dem Rest?
Mit den aussortierten, den überarbeiteten Blättern? Mit all jenen Systemelementen, die überflüssig geworden sind und es selbst im zweiten oder dritten Anlauf nicht geschafft haben, ins System hinein zu kommen (#034: 1000 DM-Zeichnung oder #000: Deckblatt über Deckbatt)?
Wegschmeißen? Verbrennen? Die Asche sammeln und ausstellen? Oder lieber verkaufen?
—
Tatsächlich besteht über das sogenannte „B-System“ die Möglichkeit Teile meines Werks käuflich zu erwerben. Es geht nur so, nicht anders. Das Kern- bzw. A-System wird immer unverkäuflich bleiben. Es ist die Essenz, aus der ich schöpfe. Teil meiner selbst. Absolut unveräußerlich. Keine Ausnahmen.
Aussortierte Blätter hingegen halten das Ganze wie einen Motor am Leben. Wo gegessen wird, wird auch geschissen (sorry!).
Von daher: Stempel drauf und weg damit!
Dieser Stempel müsste noch gefertigt werden. Eingetragen wird die Nummer des Blattes (bis max. 1000), der Betrag, für den dieses verkauft wird (bis max. 100 DM, Stand 1994), wann und an es geht, außerdem, in welcher Stadt dies geschieht. Der Bezug zur Nummer im A-System wird eingetragen, die entsprechende Betitelung und wann das Original entstanden ist. Unterschrift drunter. Fertig.
—
Hingekritzelt auf einem „Ausschuss“-Blatt, das noch mehr zu erzählen hat:
Schraffuren in verschiedenen Blautönen weisen auf die entsprechende Kugelschreiber-Zeichnung hin, die noch folgen sollte (#156).
Vier Bandnamen markieren die damals neuesten Entdeckungen:
Sowohl die „Melvins“ (thx, Steffen!) als auch „Noir Désir“ hielten sich dauerhaft im musikalischen Kosmos, auch wenn die französische Kombo heute, durch die tragischen Ereignisse 2003 rund um Leadsänger Bertrand Cantat und dessen Freundin Marie Trintignant, fast schon makaber klingt auf einem Blatt, das Ausschuß und Abschied andeutet. Damals war es einfach nur ein Name wie viele andere.
Passend dazu auf der Rückseite – der Edding drückt sich leicht durch – die ersten Versuche des Blattes „Toter Winkel“ (#206).
Nomen est Omen. Mal wieder.


Spitzen ausgewählter Sinnesreize („Lieblingsliste“), sichtbar und unsichtbar
2 x DIN A4, Kugelschreiber auf Papier, 1994/1982
DIN A6, Papier in Kuvert, hinten bestempelt, 1994
Die Lieblingsliste. Geschrieben 1982. Mit 17. Wie das damals alle gemacht haben. Lieblingsfarbe, Lieblingsessen, Lieblingsband (ganz wichtig!), Lieblingsfilm, Lieblings-Kleidungsstück usw.
—
Die Liste fiel mir 1994 erneut in die Hände. Mittlerweile waren 12 Jahre vergangen. Manches hatte sich verändert, erstaunlich vieles war geblieben. Also schrieb ich die Liste erneut, versiegelte sie in einem Briefumschlag und ließ es auf der Post in Hamburg abstempeln.
12 Jahre später wollte ich den Prozess wiederholen, das Kuvert öffnen, die Liste erneut schreiben. So die Dynamik der persönlichen Spitzenreiter durch das eigene Leben verfolgen. Alle 12 Jahre wieder.
Es kam nie dazu. Zuviel Zeit war vergangen. Die Liste wurde vergessen. Allzuviel hätte sich eh nicht verändert. Die meisten Prägungen ziehen sich durch das gesamte Leben. Allenfalls beim Lieblingsfilm hätte es – wie ca. alle 10 Jahre – einen neuen Tabellenführer gegeben.
—
Die Liste von 1982 jedenfalls weist aus heutiger Sicht einige Kuriositäten auf, die nicht unerwähnt bleiben sollen:
Gewicht = „70 kg“. (Wow! Wie hatte ich das damals bloß geschafft?)
Lieblingsgruppe: „Black Sabbat“ (falsch geschrieben!) und „Blue Oyster Cult“ (diese Band ist völlig aus dem Fokus verschwunden).
Lieblings-LP (LP wohlgemerkt, nicht CD): „Rainbow, Rising“ (das hat sich tatsächlich bis heute gehalten).
Lieblingsfarben: „schwarz“ und „rot“ (nee, mittlerweile grün). Lieblingsfilm: „Der unsichtbare Dritte“ (Hitchcock), „Die Klapperschlange“ (Carpenter), beide immer noch unter meinen absoluten Lieblingen, weitere 300 sind hinzugekommen.
Hobbies: „Briefmarkensammeln (zur Zeit in Ruhe)“, „Filme anschauen“, „Musik hören“, „malen“ (soso!).
Berufsvorstellung: „Bildender Künstler, sprich Maler“ (jetzt wird’s konkret!), „Musiker“ (das wurde von allen künstlerischen Medien damals deutlich am offensivsten betrieben) und (man höre und staune): „Parapsychologe“ (!!).
Lieblingsbuch: „Meuterei auf der Bounty“ (klarer Fall!).
Vorbilder: „mein Onkel Dieter“ (ohjeh) und „Udo Lindenberg“ (achdujeh).
Unter „was ich mag“ folgende Entdeckung: Neben „bei Mondschein volle Pulle gute Musik hören“, „Zugfahren“, „Schokolade“, „Bahnhöfe“, „Nachtwanderungen“, „Lehrer verscheißern“, „Briefe schreiben“, „Lagerfeuer“, „Romantik“, „Greenpeace“, „Gewitter“, „alle Tiere (außer Bremsen)“, steht da doch tatsächlich: „Liebe“ und „DICH“ (Großbuchstaben!).
Aha.
Die Liste sollte also einen Zweck erfüllen. Sie war an ein Mädchen gerichtet. Vermutlich war der (Freß)Zettel die Generalprobe, das Original wurde in etwas schönerer (und hoffentlich lesbarer) Schrift der Herzensdame übergeben.
Genutzt hat es scheinbar wenig, ich weiß heute nicht einmal mehr ihren Namen. Hach, ewige, alles verklärende, überschwängliche Jugend!
—
2018 wäre der nächste Termin, die Liste neu zu schreiben, nachdem 2006 ausgefallen ist. Man darf gespannt sein, welche Kuriositäten sich in dem Umschlag von 1994 befinden.

Relation der menschlichen Größe
3,2 x 10 x 1,6 cm, Plastik, 1994
„Landung auf dem Planeten der Mini-Nudes“.
—
Ein Accessoire aus dem Spielwarenladen: Figürchen für die Modelleisenbahn, Spurweite H0 (Maßstab 1:87). Hier räkeln sich weibliche Plastikmodelle, jeweils gut 2 cm hoch, in verschiedenen Posen bei der Freikörperkultur (FKK). Geschlechtsmerkmale sind eindeutig indentifizierbar, auch wenn man mit der Lupe danach suchen muss.
Neben dem absurd-skurrilen Charakter der Box offenbart sich hier einmal mehr die Frage nach den gängigen Größenverhältnissen (vgl. #073: 1 cm² = 1 km²).
Mit Verschiebung dieser verschiebt sich alles: Aus Hügeln werden Berge, aus Pfützen Seen, aus unscheinbaren Nackedeis schlagzeilenträchtige Superbräute. Zumindest in der Welt von Liliput & Co.
In unserem „normalen“ Maßstab bleibt der Skandal aus, gibt es weder Bewegung noch Alterungsprozesse, müssten Strandkörbe und Sandburgen erst gebaut werden, betrachtet man die Welt abgepackt und wohlsortiert.
—
Ist das System nicht auch eine Art Wirklichkeit im kleinen Format? Tragbar, faltbar, für die Hosentasche? Die Welt, runtergerissen auf wenige Aspekte? Für den schnellen Gebrauch? Persönlich? Praktisch? Gut?

Grundstoff von Papier; „Erhöhen“ einzelner Elemente
DIN A4, Hartholz, 1994
„Tangram (auch Siebenbrett oder Siebenschlau bzw. chinesisch 七巧板, Pinyin qī qiǎo bǎn) ist ein altes chinesisches Legespiel, das vermutlich zwischen dem 8. und 4. Jahrhundert v. Chr. entstand. Der westliche Name des Geduldsspiels scheint ein Kunstwort zu sein, das möglicherweise Anklang an die chinesische Tang-Dynastie hat.“ (Wikipedia)
—
Die Ausgangsbasis: Sieben Formen, zu einem Quadrat geordnet.
Im einzelnen:
2 große Dreiecke.
2 kleine Dreiecke.
1 mittleres Dreieck.
1 Quadrat.
1 Parallelogramm.
Diese lassen sich zu allen möglichen Formen zusammenlegen.
—
„Der Legende nach beauftragte ein Mönch einst seinen Schüler, zu reisen, um die Essenz der vielfältigen Schönheit der Welt auf nur eine Keramiktafel zu malen. Unglücklicherweise zerbrach die Tafel in sieben unterschiedliche Teile, und der Schüler konnte sie nicht mehr zu einem Viereck zusammenlegen.
Er versuchte es tagelang.
Unendlich viele Muster und Bilder entstanden. Am Ende verstand der Schüler: Er muss nicht in die Welt hinaus reisen. Er kann die Schönheit und Vielfalt der Welt ganz einfach in den sieben Teilen der zerbrochenen Tafel wiederfinden.“ (Wikipedia)
—
Ein variables Zeichen innerhalb des Systems, das bei jeder Präsentation in neuer Anordnung aufgebaut wird. Im Port war es ein stilisierter Hund. Es erinnerte an den eigenen Vierbeiner, mit dem ich über 30 Jahre zuvor zu Fuß von Mannheim bis an den Genfer See gelaufen war.

Grundstoff von Papier; „Erhöhen“ einzelner Elemente
DIN A4, Hartholz, 1994
Ein Stück Massivholz: Größe = DIN A4. Stärke = 17 mm dick. 1.060 Kubikzentimeter. Der Grundstoff von Papier.
Darauf ein geschnitztes Holzherz: 6 cm breit. 5,5 cm hoch. Exakt dort, wo das Holz eine herzähnliche Maserung wirft.
Zwei Gegenstände aus demselben Material, die perfekt harmonieren. In dieser Hinsicht das Pendant zum „Auge im Glas“ (#179), dessen Reiz die sehr unterschiedliche Beschaffenheit seiner Materialien ausmacht (Keramik + Plastik).
—
Anfangs war das Brett als „Sockel“ gedacht, um einzelne Blätter vom Boden abzuheben. Die Betonung bestimmter Systemelemente über die Höhe. Die Maserung würde unsichtbar, da ein Blatt Papier das Holz exakt abdeckt.
In gewisser Hinsicht wurde diese Idee für die Installation im Port aufgegriffen. Zwar nicht wie geplant für die Blätter am Boden, sondern für die meisten der Gegenstände – an der Wand, auf weißlackierten Podesten.
Das Holzherz kam Jahre später dazu und passte perfekt zu dem Brettchen. Aus dem Sockel wurde ein kleines Kunstobjekt. Für die Schau an der Wand musste es festgeklebt werden, ansonsten liegt es nur auf.
Die Maserung in Form eines Herzen war Zufall, zudem, dass diese exakt den „Goldenen Schnitt“ in der Mitte markiert (Verhältnis kurze Seite zu langer Seite = 1 : 1,618).
Wenn 248 Glieder einen Körper bilden (#076), braucht es natürlich das Herz. Ein schlagendes Zentrum. Mittelpunkt des Ganzen. Als großes Symbol.

Naht- und endlose Wiederholung einer Zeichnung
DIN A4, Druckerfarbe auf Papier, 1994
Einmal mit der Tapetenrolle über’s Bild. Fertig!
Schneller und einfacher wurde selten gemalt. Das Muster ist auf einer Gummi-Walze „eingeschrieben“. Es hat keinen Anfang und kein Ende, die Geschichte kann also endlos fortgeführt werden.
Eigentlich gedacht als Bordüre für Wohnräume, kann das Prinzip auch für die Malerei eingesetzt werden. Der Ornamentik eines Philip Taaffe näherkommen, mit selbst geschnitzten Rollen – es wäre eine Möglichkeit der malerischen Auseinandersetzung gewesen. Bis heute ein faszinierendes Werkzeug, vielleicht arbeite ich mich eines Tages doch noch in die Materie ein. Das „Tapetenrollenbild“ ist einer der großen malerischen Seitenwege, die bis heute im System verankert sind (#045: Spirograph, #046: Stempel).
Mechanisch, praktisch, gut. Möglichst weit weg vom Pinsel. Das lag mir schon immer. Stets mit dem Hang zum Automatisieren, auf der Suche nach dem Einfachen, dem Schnöden, gerne Verpönten aus dem Randbereich künstlerischer Hilfsmittel: Etwas, das sich für die eigene Sache umformatieren lässt. Die Tapetenrolle hätte solch eine Möglichkeit werden können.
Bekanntermaßen entschied ich mich für Schablonen und Sprühfarbe, die Musterrolle durfte meine Atelierkollegin behalten, die mir auch den Farbdruck schenkte; selbst musste ich für das Blatt keinen Finger rühren.

Andocken an ein fremdes Kunstsystem
DIN A4, Inkjet auf Papier (von W. Schindler), 1994
Das erste Fremdsystem, das sich an das eigene System andockt. Die Kornkreis-Zeichnungen von Wolfgang Schindler, Hamburg 1993 ff.
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„Sein System“: Ebenfalls DIN A4, nicht horizontal gestreut wie bei mir (= viele Ideen, nur angerissen, selten ausgearbeitet), sondern vertikal in die Tiefe gehend, auf eine einzelne Idee konzentriert.
In diesem Falle: Das Kornkreis-Phänomen, das seit Anfang der 1990er speziell in England die Massen bewegte.
Es ist seine Diplomarbeit 1996 an der HFBK Hamburg, damals als Bodeninstallation präsentiert: Hunderte von Grafiken, minutiös anhand fotografischen Bildmaterials in Schwarz-Weiß-Zeichnungen übersetzt. Mittlerweile wurden verschiedene Bücher darüber verlegt.
So wie ich mich während des Studiums auf die Schablonen stürzte und zum absoluten Fachmann wurde, begeisterte sich mein Kollege für die Mysterien und die Optik der Kornkreise. Er zählt heute weltweit zu den gefragtesten Experten. Höhepunkte dieser Leidenschaft mit Sicherheit unsere gemeinsame Expeditionsfahrt nach Wiltshire anno 1993 und sein Auftritt bei STERN TV, zusammen mit Jan Schwochow, im Jahre 2002.
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Exemplarisch habe ich die für mich spannendste Zeichnung aus seinem System dem eigenen ‚einverleibt‘ (#200: Absorbiert).
Das Mandelbrot-Bäumchen.
Bereits seit 1980 aus der Mathematik als Ausdruck fraktaler Strukturen bekannt, tauchte dieses Gebilde in den 1990ern ebenfalls in einem Kornfeld in England auf.
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Nicht nur faszinierend schön und somit als Verwendung im malerischen Kontext geeignet, sondern zugleich Sinnbild des gesamten Systems: Vom Großen ins Kleine, vom Kleinen ins noch Kleinere usw.
Die Vertiefung all meiner Gedanken, die Ausarbeitung der zig(hundert)fachen Ideen, die Dynamik der Masse im Verhältnis zum einzelnen Strang, all das wird in dieser Grafik auf den Punkt gebracht und symbolisiert so neben dem fremden zugleich das eigene System. Heureka!

Künstlichkeit; Symbol für die „Weiße Leinwand“
DIN A4, Plastik, 1994
Alles beginnt im Weiß. Alles kehrt zum Licht zurück.
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Das weiße Blatt Papier. Es ist Ausgangsbasis des gesamten Systems. Auch wenn viele Gegenstände die Arbeit durchsetzen, wie Rosinen einen Kuchen, so bleibt das schlichte Weiß dennoch der Teig, aus dem alles zusammengerührt wird.
Folglich bekommt das gesamte System von vornherein einen „weißen“ Anstrich, wirkt unaufdringlich, klar, beinahe meditativ. Nicht umsonst ist Weiß bis heute die bevorzugte Farbe in Wohnräumen. Weiß ist wie eine Wolke, es lädt zum Träumen ein und verstellt von allen Farben am wenigsten den Blick.
Weiß ist die Summe aller (Licht)Farben. Es ist die Farbe, auf der die meisten zeitgenössischen Künstler ihre Zeichnungen bzw. Malereien beginnen.
Das war einmal anders. Früher wurde gerne auf Holz gemalt bzw. auf farbig eingefärbtem Untergrund, z.B. Gold. Erst seit Beginn der modernen Malerei, mit dem Aufkommen des Impressionismus um 1860, hat sich das Weiß als Untergrund in der Malerei durchgesetzt.
Weiß ist eine Setzung, wie alle anderen Farben auch. Es geht nicht anders. Auf irgendeiner Farbe muss begonnen werden (es sei denn, man malt auf Glas). Eine Selbstverständlichkeit, die selten hinterfragt wird. Eine Basiszahl, die gerne verschoben werden darf.
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„Nichts ist so wie es scheint.“
Auch nicht im System. Was aussieht wie ein weißes Stück Papier ist in Wirklichkeit: Plastik. Zurechtgeschnitten auf DIN A4. Einem Blatt Papier zum Verwechseln ähnlich. Selbst wenn man direkt davor steht, erkennen die wenigsten den Unterschied.
Erst wenn es berührt wird, wird die andere Materialität erfahrbar. Das Auge lässt sich gerne verwirren. Sich alleine auf dieses Sinnesorgan zu verlassen, ist oft trügerisch.
In dieser Hinsicht ist das Plastikblatt mit dem Eisblock verwandt (#048), nur dass weniger Emotionen damit verbunden sind.

Optisches Werkzeug zum Erfassen des gesamten Raumes
∅ 3 cm, Metall, Kunststoff, Glas, 1994
Das Pendant zur Lupe (#057). Während diese die Details beleuchtet, dient der Türspion dazu, das Ganze zu überblicken; sollte der Abstand nicht ausreichen, was praktisch bei jeder Boden-Präsentation der Fall ist. Erst bei der Wand-Präsentation im Port bekam man den Gesamtüberblick – ohne optisches Gerät.
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Ein faszinierendes Utensil. Schon anno 1993 hatte ich es in eine meiner damals großformatigen Malereien eingebaut, so das Bild als „Tür“ definiert.
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Das Fischauge: Ein Alltagsgegenstand, den die meisten Haushalte besitzen. Automatisch. Ohne das Ding erst kaufen zu müssen. Isoliert von seiner üblichen Umgebung gewinnt es erheblich an Charakter, besitzt Tiefe, wird dreidimensional, ist auf den ersten Blick nicht wiederzuerkennen. Weil man es üblicherweise nur in eingebauter Funktion erfährt.
Eine leichte Verschiebung der alltäglichen Seherfahrung, schon bekommt das Ding künstlerische Aussagekraft. Ein Ready-Made, dem Flaschentrockner von Duchamp nicht unähnlich, nur wesentlich kleiner und mit funktionaler Bedeutung innerhalb des Systems. Weitere Beispiele dafür sind die Seifenablage (#008), der Schwamm (#190) oder der Ventilator (#231).

Vier Grundprinzipien = Vier Grundfarben
22,8 x 22,8 cm, bedruckter Karton, 1994
Die vier Grundfarben. Meine persönliche Farbtheorie.
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Rein physikalisch betrachtet gibt es in der Malerei drei Grundfarben: Blau. Rot. Gelb. Genauer genommen: Cyan. Magenta. Yellow. Theoretisch lassen sich daraus alle anderen Farben mischen, sogar Schwarz. Mit dem Weiß des Bildträgers würde das gesamte Farbspektrum abgedeckt.
Theoretisch.
Praktisch, das wissen wir Maler, sieht die Sache anders aus. Aus diesem Grund bieten die verschiedenen Herstellerfirmen die ganze Palette unterschiedlicher Farbtöne an, was das Leben als Künstler nicht nur erheblich erleichtert, sondern auch bedeutend spannender macht.
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Allerdings: Betrachtet man die Farbtheorie von der psychologischen Seite, werden die bekannten drei Grundfarben durch eine vierte Farbe ergänzt: Grün.
Zwar lässt es sich aus Gelb und Blau mischen, ist im strengen Sinne also keine Grundfarbe, dennoch besitzt es in der alltäglichen Verwendung, in der allgemeinen Betrachtung eine ähnlich große Bedeutung wie die übrigen drei.
Grün ist die komplette Pflanzenwelt. Grün ist das junge Leben. Grün ist die Hoffnung. Grün bedeutet Freie Fahrt. Grün ist die Mitte jeder Insel (außer bei den Atollen). Grün ist Werder Bremen.
Grün sind bei mir sämtliche Papierkörbe, alle Plastikkisten, viele Handtücher, das Bettlaken, die Schutzhülle des Handys; früher war es sogar der Computer. Kein Wunder also, dass Grün meine Lieblingsfarbe ist.
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Ich war schon immer ein Spieler. Das Mensch-Ärgere-Dich-Nicht ist nur eines von vielen Beispielen, wie ich mir bis heute am liebsten die Zeit vertreibe.
Im System sind außerdem verankert:
Geschicklichkeits- oder Denkspiele: Das Schach (#121), der Jenga-Turm (#176), die Memorykarte (#143), die Zaubertafel (#146), das Puzzle (#213) und der Kreisel (#170).
Spiel als System: Die Modelleisenbahn (#010: Eisenbahn-Zeichnung, #103: Mini-Nudes, #144: Weiche, #151: Kreuzung), das Tangram (#102) und die Murmelbahn (#242).
Sportliches Spiel: Fussball (#050: Fußballfeld, #108: FC Bayern, #162: Fußball-Mannschaft), Darts (#219) und Basketball (#234).
Glücksspiel wird durch das Rubbellos (#016) symbolisiert, durch den Lotto-Schein (#026) und den Entscheidungswürfel (#233). Das Leben als Spiel, die Welt ein einziger großer Spielplatz.
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Vier Grundaspekte liegen dem System zugrunde. Jedem Aspekt wird eine Farbe zugeteilt: Rot = Malerei. Grün = Material. Blau = System. Gelb = Zeit/persönlicher Bezug. Als ‚Rosenkranz‘ wird die farbliche Zuordnung selbst Teil des Systems (#173)

12 Sternzeichen kombiniert mit den 12 Aszendenten
DIN A4, Computerausdruck, 1994
Astrologie als System im System.
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Schon immer haben mich Sternzeichen fasziniert. Mit den einen kann ich besser, mit den anderen schlechter. Ob dies tatsächlich an den Sternen liegt, mag dahingestellt sein.
Trotzdem kenne ich bis heute im Verhältnis mehr Erd-, Wasser- und Feuerzeichen als Luft, komme ich mit Stieren, Jungfrauen und Steinböcken besonders gut klar (allesamt Erdzeichen), ziehen mich weibliche Krebse und Schützinnen auf eigentümliche Weise an. Auch wenn es mit ihnen immer wieder schiefläuft.
Als Steinbock liebe ich Ordnungssysteme. Dies ist eines davon.
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Aufgelistet werden sämtliche 12 Sternzeichen, in Kombi mit den 12 Aszendenten, die möglich sind. Summa summarum 144 Konstellationen. Eine davon trifft auf jeden Menschen zu.
Die Kreuze besagen, welche Kombi mir im Leben bereits begegnet ist. Unterschieden wird zwischen „männlich / weiblich“ sowie zwischen „verwandt / gutfreund / freund / bekannt“. Das Copyright-Zeichen definiert meine eigene Konstellation: Steinbock/Fisch.
Auffälligkeiten gibt es bereits 1996: Zum einen die Lücke beim Wassermann, zum anderen die Häufungen bei Waage und Steinbock. Die anderen Sternzeichen sind relativ gleichmässig vertreten. Ich kannte damals jedoch mehr weibliche Löwen als männliche, ausschließlich Fische-Frauen, sehr viele gute Freunde waren Stier.
Die Liste müsste dringend überarbeitet werden. Mittlerweile sind über 20 Jahre vergangen, viele neue Menschen sind in mein Leben getreten, es verteilt sich heute evtl. ganz anders.
Es existiert eine zweite Liste mit allen Namen, die jedoch nie ausgestellt wird. Das bleibt geheim. Von daher darf sich jeder, der seine eigene Kombi weiß, gerne bei mir melden. Ich pflege sie/ihn dann in das System ein.
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Optimalerweise kenne ich eines Tages jede der 144 Möglichkeiten mindestens einmal. Eine riesige Fete mit 144 Leuten wäre der Master-Plan. Der komplette erweiterte Tierkreis an einem Tisch, in einem Raum. Wer dann mit wem kann, wer nicht, das wäre interessant zu beobachten.
Faszinierend, würde Mr. Spock sagen. Welches Sternzeichen ist er eigentlich als Vulkanier?

Warnung
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1994
Es gibt Systemelemente, die sich komplett von alleine erklären. Dies ist eines davon.
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gescheit
gescheiter
gescheitert
(1994)
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Das Pendant dazu:
dünn
dünner
am dümmsten
(2015)
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Der „Sinn im Unsinn“. Weitere Vorschläge für diese Art „hinter(und)sinniges Haiku“ nehme ich gerne entgegen.
Der „Unsinn im Unsinn“ folgt mit der #216. Prost!
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Aspekt: Blödsinn.

Trostspruch
DIN A4, Tinte auf gefaltetem Papier, 1994
Die Sommerferien in den 1990ern: Gutes Geld bei Daimler Benz im schwäbischen Sindelfingen. Am Fließband. Es waren die besten Nebenjobs ever.
Bei der Endkontrolle der Automobile wird bis heute unterschieden: Geht eine Delle nach innen, spricht man von einer „Beule“. Geht sie nach außen, von einem „Horn“.
Dieser Spruch blieb haften. Er hatte für mich Symbolgehalt: Erfolge weiten die Persönlichkeit, Niederlagen werden kompensiert.
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Die Quadratur des Rechtecks. DIN A4 als Quadrat. Ohne das Blatt zu kürzen. Alles noch da. Durch den Ziehharmonika-Effekt, das Zusammenstauchen in die 3. Dimension erfolgt eine Veränderung der Ausgangsform.
Sechs Falze liegen innen, sieben außen. Hörner bleiben, Beulen gehen.
Wendet man das Blatt, verkehren sich die Vorzeichen. Aus Beulen werden Hörner, und umgekehrt. Alles eine Frage der Perspektive. Beim Papier genauso wie im Leben.

Komprimierung durch Falten; Verbergen; Geheimnis
5,4 x 4,1 cm, Papier, gefaltet, 1994
Wie oft kann ein Blatt Papier gefaltet werden?
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DIN A4. Die erste Faltung ist einfach: DIN A5. Die zweite Faltung lässt das Blatt auf Postkartengröße schrumpfen. Die dritte Faltung passt bereits in Kleidungstaschen: Auf diesem Spielkarten-Format werden alle Gedanken zum System verewigt; einen solchen Zettel trage ich ständig bei mir (135: 8-fach-Zettel).
Von nun an ist es schwieriger, das Blatt wird zunehmend dicker. Die vierte Faltung verwandelt es ins Visitenkartenformat, mit der fünften erreichen wir Briefmarkengröße (wie im System vorgestellt).
Ein sechstes Mal ist noch möglich, für die siebte Faltung brauchen wir bereits starke Hände. Ein achtes Mal ist ohne technische Hilfsmittel nicht mehr durchführbar. Offiziell gilt ein DIN A4-Blatt nach der 7. Faltung als „ausgefaltet“.
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Denkt man das Spiel im abstrakten Raum weiter – rein theoretisch – erreichen wir nach der 103. Faltung Universums-Dicke, ausgehend von einer Papierstärke von 0,099 Millimeter. Das Prinzip der ständigen Verdoppelung greift auch hier (#121: Schach; die Sache mit dem Reiskorn).
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„Zehnmal falten und das Blatt ist schon 10 Zentimeter dick. Und jetzt geht es ganz schnell. 24 Mal falten und das Blatt ist 1,6 Kilometer hoch. 100 Kilometer haben Sie schon mit 30 Faltungen erklommen. Ihr Blatt reicht nun in den Weltraum. Beim 42. Falten haben Sie den Mond erreicht. Wenn Sie das Papier 51 mal falten, sind Sie bei der Sonne angekommen und Ihr Blatt Papier ist nun über 220 Millionen Kilometer dick.
Wie weit können Sie gehen?
Einem französischen Supercomputer zufolge hat das beobachtbare Universum einen Durchmesser von etwa 93 Milliarden Lichtjahren. (…) Wenn Sie das Blatt 103-mal Falten, ist es unglaubliche 1003979275380757685985388,9 Kilometer dick oder umgerechnet 106 Milliarden Lichtjahre. Damit haben Sie den Rand des Universums überschritten.“ (Quelle: Focus)
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Die Anzahl tatsächlich durchführbarer Faltungen kann etwas erhöht werden, indem man das Blatt vergrößert, z.B. von A4 auf A0. Statt dabei allerdings von 7 auf 11 Faltungen zu kommen (was rein rechnerisch möglich wäre), ist es de facto nur eine einzige mehr. Selbst Profifalter kommen maximal auf 9.
Das Problem beim Falten: Die Umschlagkante.
„Die übereinanderliegenden Lagen werden irgendwann höher, als es die Seitenlänge des zu faltenden Papiers zulässt. (…) Aber selbst, wenn es keine störende Umschlagkante gäbe, hätte man schnell ein Problem: Schon nach neun Faltungen müsste man 512 Blätter auf einmal umknicken – soviel wie in einem gewöhnlichen Paket Papier ist, wie man es für den heimischen Drucker kaufen kann.“ (Quelle: ARD)
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So einfach, so kompliziert. Das ganze Universum, verpackt in einem Blatt Papier (rein theoretisch). Außerdem kann die komplette Gegenstandswelt daraus gewonnen werden, mit entsprechenden Falzen und Schnitten (siehe Origami). Schlichte Eleganz. Wer hätte das gedacht…?

…
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1994
Menschen, die im Winter geboren sind, neigen zu Pessimismus.
Es war kalt, es war dunkel, es war farblos. Bis das Frühjahr und der Sommer begannen, dauerte es eine Ewigkeit. Als es endlich warm wurde, war die Weltsicht bereits vereist. Die ersten Lebensmonate sind bekanntlich die entscheidenden. Warum nicht auch hier?
Es wäre eine Theorie. Vielleicht war es ganz anders.
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Jedenfalls: Dass ich besonders positiv auf die Entwicklung der Welt geschaut hätte, kann man wahrlich nicht behaupten. Das fing im Alter von 14/15 an und hört bis heute nicht auf. Das hatte etwas mit einer bestimmten Epoche zu tun, in die man geboren wurde, das wurde durch familiäre Entwicklungen weiter genährt.
Am Ende stand der Entschluß Kunst zu studieren. Wenn man schon die Welt nicht retten konnte, wollte man dem Dilemma zumindest persönlich entfliehen. So dachte man damals. Ein Trugschluss, wie so vieles im Leben. Ich habe es trotzdem nie bereut.
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Was wäre ein Leben ohne seine Höhen und Tiefen? Man wünscht sich natürlich Dauerglück, aber Glück auf Dauer zu halten, gelingt nicht. Das Leben ist dafür nicht gemacht. Es würde in Langeweile erstarren.
Von daher: Hinter jeder Sonnenphase lauert bereits der Winter. Jedes Glück vergeht. Dem Sommer hab’ ich nie getraut.
Aber, nicht zu vergessen: Nach jedem Winter kommt erneut ein Frühjahr. Danach der Juni, der Juli, der August. Das haben wir Wintergeborene ebenfalls verinnerlicht: Im ersten halben Jahr sind wir Sonne und Wärme entgegengewachsen, es ging beständig aufwärts. In der Tiefe unseres Herzens sind wir also eigentlich Optimisten. Wir geben es nur nicht zu. Sondern behaupten im Zweifel, wir wären Realisten.

Konstante durch verschiedene Zeitebenen
2 x DIN A4, bedrucktes Zeitungspapier, 1994
Die chronologische Abfolge des Systems, die Abhängigkeit der Elemente voneinander.
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Visualisiert im Kreuzworträtsel, das einmal wöchentlich im „Stern“ erscheint – die Lösung der vorherigen Ausgabe inclusive.
Ein beliebiges Pärchen, herausgerissen aus der Zeit. Es verweist sowohl auf das „Vorher“ (linkes Quiz, d.h. die Lösung liegt vor, aber das entsprechende Rätselblatt fehlt) als auch auf das ‚Nachher‘ (rechtes Quiz, d.h. das Rätselblatt ist vorhanden, aber die Lösung fehlt).
Die Kombination beider Blätter hebelt den Spieltrieb kurzzeitig aus: Das linke Rätsel kann problemlos gelöst werden, die Lösung steht nämlich im schwarzen Kasten auf dem rechten Blatt. Ein Moment der Sättigung in einem System permanenten Mangels, wo allein die Gegenwart zählt. Man muss auf der Zeitschiene nur etwas vor- bzw. zurückspulen, schon löst sich alles von alleine.
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Das Leben am Anfang: Ein Rätsel. Es muss noch gelöst werden. Je mehr es sich füllt, umso leichter fallen die Antworten. Am Ende erscheint alles ganz leicht, miteinander verwoben, vollkommen logisch.
Die Auflösung ist also da, sie muss nur gefunden werden. Manche stolpern über einzelne Fragen, andere verlaufen sich im Geflecht. Manchmal hilft der Blick daneben, oft geht es an anderer Stelle weiter. Eines jedoch ist gewiss: Es kommt irgendwann zu einem Ende. So, oder so
Das Kreuzworträtsel als Kunst, es ist nicht neu. Im Sommer 2016 fühlte sich eine 91-jährige Seniorin im Neuen Museum in Nürnberg von einem Werk des Fluxuskünstlers Arthur Köpcke derart inspiriert, dass sie begann, die leeren Felder mit Kugelschreiber zu füllen.
Der Skandal war perfekt, die Geschichte ging durch die Presse, es bestand der Verdacht der „gemeinschädlichen Sachbeschädigung“. Versicherungswert: 80.000 €. Ob das Kunstwerk als „gelöstes Rätsel“ weiterhin im Museum hängt oder die Felder wieder gesäubert wurden, entzieht sich meiner Kenntnis.
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Das Kreuzworträtsel als „System“, mit bestimmten Regeln, innerhalb eines konstanten Rahmens: Schier unendliche Spielmöglichkeiten. In dieser Hinsicht dem Schach ähnlich (#121). Ein Prinzip, das mich seit jeher fasziniert und sowohl auf das „System“ wie auf die „Malfabrik“ übertragen wurde.
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Quantenmechanik in der Kunst
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Der grafische Flicken aus einem Prospekt für Möbel. Es werden verschiedene Couchen vorgestellt. Der Bezug kann frei gewählt werden: Verschiedene Farben. Verschiedene Materialien.
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Was ursprünglich als reine Formfindung für die Malerei gedacht war, entpuppte sich bald als konzeptueller Fingerzeig zum ersten Block der Malfabrik („Musterblock“).
Die Kunden haben hier die Möglichkeit, Kunst in Auftrag zu geben – innerhalb eines von mir festgelegten Rahmens. Ausgehend von 64 Bildideen kann die Ausführung mitbestimmt werden: Sowohl was die Farbwahl betrifft, als auch die Formgestaltung (die Auswahl bestimmter Schablonenformen).
Während die Idee immer gleich bleibt (es ist die eigentliche künstlerische Leistung), kann das Ergebnis variieren, je nach Gustus und Interessenslage des Käufers.
„Bezug nach Wahl“ sozusagen.
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Ein kurzer Blick in die Zukunft meines eigenen künstlerischen Kosmosses, obwohl mir das zum damaligen Zeitpunkt noch gar nicht bewusst war.
Self-fullfilling prophecy. Mal wieder (#081: Umklammerung).

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DIN A4, Bleistift auf gestreicheltem Papier, 1993
Die Zärtlichkeit der Welt. Achtung vor dem Unscheinbaren, Sensiblen, Zarten. Geborgenheit. Sicherheit. Symbolisch gefangen in einem Blatt Papier.
Es wurde tatsächlich von mir gestreichelt. Unterscheidet sich in dieser Hinsicht von all den anderen Blättern, die nicht gestreichelt wurden. Eine unsichtbare Markierung, die sich nie löst.
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Vielleicht ist es das: Wie man aufgewachsen ist. Wie man behandelt wurde. Was man erlebt hat – als kleiner Mensch.
Erleben durfte. Erleben musste. Je, nachdem.
Das entscheidet viel. Manchmal sogar die Zukunft der Welt.
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Ich bin in einem liebevollen Elternhaus aufgewachsen. Das unterscheidet mein Schicksal von vielen anderen. Es wurde nie geschlagen, selten gebrüllt, die Unterstützung war optimal. Die Ehe der Eltern scheiterte trotzdem. Beides prägt bis heute.
Sollten wir nicht alle zärtlicher miteinander umgehen? Mit den Mitmenschen, den Mitgeschöpfen, den alltäglichen Dingen des Lebens? Das Laute leiser drehen, die Geschwindigkeit drosseln, innehalten und der Stille lauschen?
Der Welt ginge es vermutlich besser.
Das eigene Leben. Die eigene Kunst. So fragil. So zerbrechlich. Ein Windhauch schon bringt es in Unordnung. Wir wissen nichts. Doch glauben wir, bis hinter die Sterne zu blicken. Ein Moment nur, im Rad der Zeit. Ein Blatt, dass vom Stapel weht. Ein zärtliches Flüstern. Ein kurzes Rascheln.
Vorbei.

Blick vor und hinter die Bildebene
DIN A4, Edding vorne/hinten + Durchdruck, 1993
Drei Striche. So steht es geschrieben. Man sieht aber nur zwei. Jeder einzelne ist 15 cm lang.
Der Text kongruiert nicht mit der Zeichnung. Verwirrungstaktik?
Nein. Alle „3 Striche“ sind da.
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Der mittlere Strich ist mit dem Edding-Stift gezogen. Der linke wurde auf die Rückseite des Blattes (ebenfalls mit dem Edding) gesetzt, er scheint durch. Wo aber bleibt der dritte Strich? Er müsste, wenn man der Systematik folgt, rechts neben der Mitte erscheinen.
Er ist auch da. Man sieht ihn nur nicht. Erst, wenn man direkt vor dem Blatt steht und den Blick etwas verdreht: Es ist der Durchdruck eines Striches, der auf einem Blatt Papier gezogen wurde, das über dem eigentlichen Zeichenblatt lag. Würde man mit dem Bleistift leicht darüberfahren, würde er sichtbar werden, wie weiland die Geheimschriften bei Sherlock Holmes.
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Die Systemblätter lagern gewöhnlich in einem Spapel übereinander. Jedes Blatt hat ein Vorher und ein Nachher. Dieses Prinzip wird hier symbolisch sichtbar.
Die Abfolge: Erstes Blatt. Zweites Blatt. Drittes Blatt.
Das obere Blatt ist der Durchdruck. Das mitttlere der deutliche Strich in der Mitte. Das dritte ist der Strich auf der Rückseite, er symbolisiert das Blatt darunter.
Erneut wird die Rückseite von Papier Teil einer Idee und in den Zeichnungsprozess integriert (#072: Made in Germany).
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Mythos; Pendant zum „Falschen Voit“ (vgl. Nr. 141)
DIN A4, Unterschrift auf Papier, 1993
Vermutlich das wertvollste Blatt im System. Immerhin steht „Sigmar Polke“ darunter. Könnte ich vermutlich für einige Tausend verticken auf eBay, sollte es eines Tages nicht mit der Rente reichen.
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Ein Urlaubsantrag, der nie abgegeben wurde. Vom März 1991. Studienreise nach Australien/Neuseeland. Mein Kunststudium in Hamburg lief das zweite Jahr, doch die Sehnsucht nach der Ferne blieb groß. Nachdem ich 1988 bereits bis Bali vorgestossen war, wollte ich so schnell wie möglich Ozeanien und die Südsee nachholen.
Der Sommer des Jahres 1991 bzw. ein Teil des darauf folgenden Wintersemesters waren dafür angepeilt. Doch die Rahmenbedingungen verschlechterten sich, der Starttermin musste verschoben werden. Den Zettel abzugeben erübrigte sich. Bis zur damaligen Präsidentin der HFBK – Adrienne Goehler – jedenfalls drang er nicht mehr vor.
Unterschrieben war er bereits. Also ab damit in die Kiste. Jahre später fiel er mir wieder in die Hände – der „echte Polke“. Das Pendant zum „falschen Voit“ (#139). Wenn ich das Vordruckblatt zur Kunst erhebe, ist es ein echtes Sammlerstück.
Selbst Polke wäre auf diese Idee nicht gekommen: Die Kopie eines Sekretariatszettels zur Malerei zu erklären. Das Triviale, Profane lag ihm zwar, aber SO trivial, diese Idee hatte selbst er nicht. Das erledigte viele Jahre später erst Tatjana Doll mit ihren gemalten Bankauszügen.Es wirft die Frage auf, was den Wert von Kunst ausmacht. Das gemalte Bild? Oder die Unterschrift, die darunter steht?
Vielleicht kommt eines fernen Tages ja irgendjemand anderes auf die Idee, dieses Blatt bei eBay zu versteigern. Wegen m e i n e r Unterschrift. Sie steht über der meines Lehrers, ist also ebenfalls vorhanden. Das sollte nicht vergessen werden.
Noch würde vermutlich mehr Geld gemacht werden mit dem Krikelkrakel des Meisters, doch Dinge ändern sich. Wie meist im Leben. Es kann manchmal schnell gehen und schon wird aus dem „echten Polke“ der „echte Voit“. Wer weiß.

Wechsel des ausführenden Körperteils
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Wie war das mit rechter und linker Hirnhälfte?
Links ist verantwortlich für unser Denken. Rechts ist verantwortlich für Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle. Grob gesagt: Linke Gehirnhälfte = analytisch. Rechte Gehirnhälfte = künstlerisch.
Von daher: Alles richtig gemacht. Rechts wird die Idee formuliert, mit links auf Papier gebracht.
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Bereits zu Studienzeiten war es ein beliebtes Spiel, die zeichnende Hand entweder zu wechseln oder so zu verwirren, dass sich der Verstand bei der künstlerischen Tätigkeit weitestgehend ausschaltete. Das gelingt z.B. mit verbunden Augen, mit mehreren Stiften gleichzeitig oder mit viel Alkohol im Blut.
Die linke Gehirnhälfte will ordnen, die rechte schafft Chaos. Beides ist wichtig für die Kunst, nur manchmal gewinnt eine Seite die Oberhand, so dass sie künstlich in Zaum gehalten werden muss.
Wechselt man den Stift von der einen in die andere Hand (als Rechtshänder nach links, als Linkshänder nach rechts), bleiben zwar Idee und ausführende Person diesselbe, aber das dritte Element – das ausführende Körperteil – switcht. Das schafft zum Teil sehr lustige Ergebnisse. So lange, bis durch ausreichend Übung die Unterschiede anfangen sich wieder auszugleichen.
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Schon immer war die linke Seite meine starke Seite. Obwohl ich Rechtshänder bin. Das formulierte sich u.a. so aus, dass ich das Schlagzeugspielen nicht überkreuz lernte, sondern automatisch mit der linken Hand die Hi-Hat schlug (statt üblicherweise mit rechts).
Ein kleiner Vorteil, da so Toms und Becken besser zu erreichen sind und nicht ständig die eine Hand der anderen im Weg ist. Als starker Rechtshänder schlägt man üblicherweise auch den Takt mit rechts, da dies auf Dauer mehr Kraft erfordert, während die linke Hand die Akzente auf der Snare setzt und dort öfters ausruhen kann.
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Wie der Zufall so will, findet Anfang April in meinem allerliebsten Kunst-Wohnzimmer, den „Strümpfen“ im Stadtteil Jungbusch, eine Ausstellung zu eben diesem Thema statt. Nur wird dann nicht mit links gemalt, sondern gleich mit den Füssen. Welcher Zeh dabei den Pinsel hält, scheint mir relativ egal. Die Ergebnisse jedenfalls werden weit von der üblichen Routine abweichen. In diesem Falle heißt es dann: Oben gedacht, unten gemacht.

…
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Als alter Trekkie ist das System durchzogen von meiner Lieblingsserie. Schon Systemelement #027 (Poesie ist hier nicht erwünscht) zitiert Spock, die #129 (Enterprise, Geburtstagskarte) huldigt ihr ebenfalls.
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„Der geringste Zweifel könnte tödlich sein“ zitiert abermals Mr. Spock. Diesmal aus einer Folge von 1968: „Spectre of the Gun“ (zu deutsch: Wildwest im Weltraum). Hier wird die Crew auf einen seltsamen Planeten verbannt, der ein surreales Spiegelbild des Wilden Westen darstellt.
Wir schreiben den 26. Okt. 1881. Tombstone, Arizona.
Die Clantons stehen kurz vor dem sagenumwobenen Shootout am O.K. Corral mit den Earps und Doc Holiday. Aus irgendwelchen Gründen findet sich die Crew der Enterprise in der Rolle der Clantons wieder und versucht verzweifelt aus dieser für sie mit Sicherheit tödlichen Falle zu entkommen.
Nach mehreren Versuchen, die allesamt fehlschlagen, kommt Spock der entscheidende Gedanke. Czekov ist kurz vorher von Morgan Earp erschossen worden, das tödliche Duell am O.K. Corral rückt immer näher. Dann entspinnt sich folgender Dialog zwischen Spock, Kirk und dem Doktor:
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Spock: „Ich meine, dass wir konfrontiert sind mit einer gewissen Scheinwelt, die absolut in Widerspruch steht mit der Wirklichkeit. (…) Was meinen Sie, hat Mr. Czekov getötet?“
Pille: „Ein Stück Blei im Körper.“
Spock. „Ganz falsch. Es war allein sein Geist. (…) Physikalische Realität beruht auf universalen Gesetzen. Aber wenn diese Gesetze außer Kraft sind, gib es auch keine Realität. Hier ist alles irreal.“
Pille(erregt): „Was heißt hier irreal? Ich habe den Tod von Mr. Czekov festgestellt.“
Spock: „Aber diese Feststellung, lieber Doktor, fand unter falschen Voraussetzungen statt. Wenn unsere Sinne etwas für real halten, dann glauben wir auch daran. Sobald wir von der Realität einer bestimmten Situation überzeugt sind, werden wir uns dementsprechend verhalten. Wir hielten die Bleikugeln für real. Ebenso die Revolver. Logischerweise konnten sie dann auch töten.“
Kirk: „Czekov ist also nur tot, weil er geglaubt hat, die Bleikugeln sind echt. (…) Wenn wir nicht an die Kugeln glauben, ich meine, an ihre Realität, dann können sie uns auch nicht töten.“
Spock: „Sehr richtig. Ich sehe, Sie haben das Problem erkannt. Sie können uns nicht das geringste anhaben.“
Kirk: „Wir müssten alle so sicher sein wie Sie, Mr. Spock, um unser Leben zu retten.“
Spock: „Das müssten Sie.“
Pille: „Das ist doch unmöglich. Da bleibt immer ein Zweifel.“
Spock: „Das darf eben nicht sein. DER GERINGSTE ZWEIFEL WÄRE TÖDLICH.“
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Danach verschmilzt Spock seine Gedanken mit denen der anderen, wobei er folgendes beschwört:
(zu Scotty): „Glaubt das, was ich glaube. Eure Gedanken folgen meinen Gedanken.“
(zu Pille): „Die Bleikugeln sind nicht real. Sie sind körperlos. Reine Illusion, keine Substanz. Schatten, nicht mehr. Glauben Sie daran, kein Zweifel. Sie können nicht Eure Körper durchdringen. Weil diese Kugeln nicht existieren. Die Kugeln, sie existieren nicht.“
(zu Kirk): „Unrealistisch. Bloße Erscheinungen, Phantasien. Schatten, sonst nichts. Illusionen. Nichts als harmlose Bilder. Völlig irreal. Das sind Lügen. Fälschungen. Körperlose Gespenster. Beachtet sie gar nicht. Lacht über sie.“
Die Kugeln können ihnen nichts mehr anhaben, die Illusion verschwindet und alle gelangen sicher zurück auf die Enterprise. Selbst Czekov ist auf einmal wieder quicklebendig.
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Nicht nur eine meiner absoluten Lieblingsfolgen, sondern Sinnbild und Hinterfragung der sogenannten Realität, wie das später nur noch MATRIX (USA 1999) hinbekommen hat.
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Das Leben, das Denken, die Realität, man selbst, das System(!): Alles nur Schein? Der Kosmos ein riesiges Hologramm? (neueste physikalische Erkenntnisse gehen tatsächlich in diese Richtung)
Das Denken bestimmt das Handeln. Es formt unser Leben in einem Maße, wie wir es uns kaum denken(?) können. Vielleicht ist Leben identisch mit Denken, wer weiß. Theorien in diese Richtung gibt es, nicht nur unter Esoterikern.
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Als Künstler muss man sich im Klaren sein. Wer diesen Weg einschlägt, sollte absolut sicher sein. „Der geringste Zweifel könnte tödlich sein.“ Jemandem, der mich fragt, ob er diesen Weg einschlagen soll, rate ich davon ab. Weil, wer fragt, ist sich nicht sicher. Nur diejenigen, die felsenfest an sich und die Sache glauben, sind für solch ein Leben geboren. Alle anderen werden früher oder später scheitern.

Verlängerung einer Zeichnung in den Raum
DIN A4, Inkjet auf Papier, Plastikzahlen, 1993
Wer 1 und 1 zusammenzählt, kommt normalerweise auf 2. Das besagt die profane, niedere Mathematik. In der Kunst hingegen ist mehr möglich. Wer hier 1 und 1 zusammenzählt, kommt auf ganz andere Ergebnisse. Jenseits des guten Geschmacks, jenseits der allseits gültigen Regeln, jenseits jeglicher Vorstellungskraft.
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Höhere Mathematik (2. Stufe)
1 + 1 = 3
(wenn alle Zeichen vor dem Gleichheitszeichen gezählt werden, incl. Pluszeichen)
1 = 2
(dito; um auf die gewohnte Gleichung zu kommen, sprich: die erste Eins muss weg)
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Höhere Mathematik (3. Stufe)
1 + 1 = 5
(wenn alle Zeichen gezählt werden, incl. Gleichheitszeichen und Ergebnis)
(1) + 1 = 4
(wenn alle Zeichen und das Papier gezählt werden, ohne Gleichheitszeichen und Ergebnis; erste Eins außerhalb des Blattes)
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Höhere Mathematik (4. Stufe, jetzt wird es kompliziert)
1 + 1 = 7
(wenn alle Striche gezählt werden, die gezeichnet werden können, ohne den Stift abzusetzen, incl. dem Ergebnis, also: 1 + Pluszeichen, waagerecher Strich + Pluszeichen, senkrechter Strich + 1 + Gleichheitszeichen, oberer Strich + Gleichheitszeichen, unterer Strich + 7 = 7 Striche)
(1) + 1 = 7
(wenn alle Zahlen, Balken und das Papier gezählt werden, incl. Gleichheitszeichen, aber ohne das Ergebnis; zweite Eins außerhalb des Blattes)
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Mittlerweile hat die Mathematik die 5. Stufe erreicht, nämlich:
(1) + 1 = 8
(wenn alle Zahlen, Balken, das Papier und das Ergebnis gezählt werden; dritte Eins außerhalb des Blattes)
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Nein, ich verlange nicht, dass dies noch jemand nachvollziehen kann. Es sind die Zahlenmysterien eines ehemals für das höhere Mathematik-Studium Auserkorenen, der in die Niederungen der Kunst stieg und es sich entsprechend erlauben darf, seine eigenen Gesetze aufzustellen.
Ist nicht jedes Regelwerk irgendwann von Menschenhand geschaffen worden (#189: Regelwerk)? Warum nicht dieses hinterfragen und ggf. brechen? In der Zahlenzunft würde es dafür Ohrfeigen geben, in der Kunst hingegen zählt allein das eigene Gesetz. Hier ist Weiter-Denken gefragt. Entsprechend werde ich eines Tages auch noch beweisen, dass 1 + 1 = 9 ist.

Das System als Generator; Schrifttyp erhöht Inhalt
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Das erste Logo. Lange bevor es das erste Logo gab (DIE MALFABRIK, Block 7: Werbeblock).
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Die Verbindung zwischen Wort und Bild. Zwischen Marke und Logo. Zwischen Ausdruck und Form.
Das richtige Wort, die richtige Schrift, die richtige Form, die richtigen Farben – schon verbinden sich die beiden Grundelemente der Wahrnehmung zu einer Einheit: Bild und Sprache. Wobei das Bild in Form und Farbe zerlegt werden kann, die Sprache in Wort und Typographie.
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Die Marke KRAFT als Paradebeispiel: Kraftvolle, fette Versalen, umrahmt von einer ungewöhnlichen, gleichzeitig einfachen Stempelform, die entfernt an ein Sofa erinnert. Blau innen, Rot außen, auf Weiß.
KRAFT, eine amerikanische Firma, aber nicht nur im deutschen Sprachgebrauch ein Name, der vor Energie und Power strotzt. Entsprechend wurde das Logo gestaltet: Einprägsam, dynamisch, kraftvoll.
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Kraftvoll. Dynamisch. Einprägsam.
Ein Logo für das System. Es müsste entworfen werden. Oder ist es bereits vorhanden (#023: Lücken schließen!)?
Das Logo als Kennzeichen. Als Schlüsselloch. Als Aushängeschild. Symbol für das Ganze. Komprimiert in einer Form, einer Farbkombi, einem unverwechselbaren Style.
Plakette. Klingelschild. Unterschrift.
Logisch. Praktisch. Gut.
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Viele Jahre später beschäftigte ich mich tatsächlich mit dem Logo-Phänomen, Block 7 der Malfabrik resultiert daraus (ab 2002 ff.). Das Logo der Marke KRAFT ist selbstredend Teil der 108-teiligen Arbeit und bis heute eines meiner Lieblings-Bilder aus dem Block.
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Nicht unerwähnt bleiben sollte mein Studienkollege Peter Piller, der sich ab dem Jahr 2010 in einer Fotoserie ebenfalls dem Phänomen „Kraft“ näherte.

Schachtelprinzip
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Die einzelne Klammer. Der innere Kern zur #058 (Konkrete Poesie). Doch was soll umklammert werden? Was grenzt man ein?
In konkreten Fall: Das Wort „Umklammerung“. Self-fulfilling prophecy.
Im übertragenen Sinne: Das eigene Leben, das eigene Denken, die eigene Wahrnehmung, den eigenen Antrieb, das eigene Werk.
Viele kleine Klammern. Viele kleine (Um)Fassungen. In Summe der Versuch, Persönlichkeit zu definieren, Leben zu visualisieren, Denken zu ordnen. Letztlich: Kunst zu bauen.
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Die Dynamik des Systems.
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Das System als Haus mit vielen Räumen; nicht auf das Gesamtgebäude konzentriert wie beim Blatt ‚Meister der Schachteln‘ (#075), vielmehr auf die einzelne Kategorisierung, den einzelnen Strang, das einzelne Zimmer.
Schicht für Schicht. Klammer für Klammer. Idee nach Idee. Schublade für Schublade. Am Ende steht der Schrank. Wacklig zwar, aber er steht. Die Feinjustierung kommt später.
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Aspekte des Lebens umklammern. Allesamt Versuche, das ‚Ich‘ einzukreisen, einzufangen, zu definieren. Den inneren Kern finden. Dem Selbst einen Schritt näher kommen. Mit jeder neuen Klammer steigt der Energiegehalt, mit jeder neuen Klammer findet das Denken einen Schritt vorwärts. Ähnlich der steigenden Kernladungszahl bei den chemischen Elementen.
Sterne und Galaxien im gedanklichen Brei(erlei) (#079: Brücke zwischen HIER und DORT). Etwas, das sich ballt. Zusammengehalten durch eine klare Richtung, eine auffällige Ordnung, eine unverwechselbare Komponente. Das Fokussieren bestimmter Teil-Bereiche.
Lebens-Teile. Eingeklammert. Um-klammert.

Verlängerung einer Zeichnung in die Gegenstandswelt
DIN A4 / 48 x 2 cm, Bleistift auf Papier, Holz, 1993
Entwicklung. Das Objekt und die verschwundene Zeichnung (#071: Fehler im System).
Eine Holzleiste: 48 cm lang, 2 cm hoch, 1 cm tief. 14 Kerben. Eine Schreinerarbeit für Einbauschränke, zum Halt für Regalbretter.
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Zuerst existierte die Zeichnung. Sie veranschaulicht die Dynamik des Systems. Die permanente Wellenbewegung, eine ständige Abfolge von Gedanken: Langsamer Anstieg, Ideengipfel, Absturz, neuerlicher Aufstieg. Immer und immer wieder. Zickzack in gerader Linie durch das Denken, sozusagen.
Später fand ich die Leiste. Sie ist identisch mit den Leisten im Einbauschrank meines Ateliers. Vielleicht fiel sie mir deshalb auf, im Baumarkt meines Vertrauens. Als ich sie hatte, fiel mir auf, dass sie exakt der Bewegung der Zeichnung entsprach. Von nun an präsentierte ich sie gemeinsam mit dem Blatt.
Kein Ersatz wie bei anderen Zeichnungen, die irgendwann durch Gegenstände ersetzt wurden (#048: Eisblock oder #050: Fußballfeld), sondern Ergänzung. Erstmals eine Kombination von Blatt und Objekt.
Eine fast logische Erweiterung, der Titel des Blattes nimmt die spätere „Entwicklung“ bereits voraus.
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Beim Aufbau im Port war die dazuzugehörige Zeichnung auf einmal verschwunden. Sie wurde durch den ‚Fehler im System‘ (#071) ersetzt.
Die „Entwicklung“ wäre das einzige Element gewesen, das über zwei nebeneinander liegende Rasterfelder gelaufen wäre. Es hätte als Doppel-Element die Vertikalen No. 8 + 9 miteinander verzahnt.
Da die Zeichnung links fehlte, taucht die Leiste (als rechte Hälfte) später im System auf als chronologisch vorgegeben. Eine Folge der veränderten Leserichtung, die von oben nach unten verläuft, statt von links nach rechts. Sie verschiebt das Objekt „Entwicklung“ automatisch um neun Stellen, also eine Senkrechte nach rechts.

Räumliche und zeitliche Standortbestimmung
DIN A4, EDDING auf Papier, 1993
Das Bindeglied zwischen den Blättern, der unsichtbare Raum um die einzelnen Gedankeninseln herum. Nicht einen Schritt weiter (#198), sondern eher der Schritt mitten rein. Von daher der #175 (Komma Fünf) verwandt, nur nicht mathematisch formuliert, sondern in poetisch anschaulicher Bildsprache.
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Das HIER, es ist das Gestern. Das DORT ist morgen. Die Brücke dazwischen ist jetzt.
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Das ständige Vorwärts durch Zeit und Raum, der permanente Aufbau, es ist das Prinzip des gesamten Systems. Es beginnt mit der #001 und endet irgendwo hinter der 1000. Dazwischen liegen viele Tage, mit mindestens 999 Brücken: Bindeglieder, eigentlich unsichtbar, kaum benennbar, die die einzelnen Gedankenstränge miteinander verbinden.
Zeit, die zwischen den einzelnen Ideen verrinnt. Zeit, in denen gedacht wird.
Das Denken hört nie auf, es steht nie still. Wie im Kosmos zwischen der sichtbaren Materie die unsichtbare geistert, so kreisen Millionen unsichtbarer Gedanken um die eigentlichen Kerne: Jene Gedanken, die für wert empfunden wurden, aufgeschrieben zu werden. Alle Ideen, die zu Sternen wurden. Alles, was sichtbar wird.
Es ist die Ideen-Brücke zwischen den Sternen. Der Kosmos, der mit Gedankengeschwindigkeit durchschritten wird. Die stumme Masse alltäglichen Denkens, der eine Stimme verliehen wird.
Schablonenschrift. Lange bevor das erste Bild aus der Malfabrik entstand. Das Mechanische war mir schon immer zugeneigt.

Einmaligkeit jedweder Existenz
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Jedes Blatt ist wichtig. Jeder Gedanke ist wichtig. Alles baut aufeinander auf. Nichts kann wiederholt werden. Selbst wenn wir es versuchen: Es wird nie wieder exakt so sein wie vorher.
Der/die/das Gleiche = ja. Der-/die-/dasselbe = nein.
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Eine simple Notiz, schnell auf Papier gekritzelt, hat dieselbe Wertigkeit verdient wie fein ausgearbeitete Kunstwerke. Weil es um den Inhalt geht, weniger um die Form. Eine feine Form kann den Inhalt unterstreichen, aber niemals ersetzen.
Aus diesem Grund liegen noch immer Dutzende von Ideen als erster, handschriftlicher Impuls im System. Weil eine Überarbeitung nur dann Sinn macht, wenn z. B. ein neuer Aspekt zur Materialität oder eine prägnantere Formulierung den ursprünglichen Gedanken besser machen würde. Solange das nicht der Fall ist, reicht die erste Ausführung. Es ist dann alles gesagt.
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Natürlich entbehrt dieses Blatt nicht einer gewissen Symbolik: Nicht nur jedes Blatt ist einmalig. Jeder Mensch ist es auch. Er steht an einer spezifischen Stelle dieser Welt, eingebunden in ein soziales Geflecht, in einer bestimmten Zeit, was immer einmalig bleiben wird. Seine Sicht auf die Dinge ist nicht wiederholbar. Sie ist wichtig und dient anderen zum Abgleich und zur Selbstorientierung.
In diesem Sinne: Alles ist wichtig. Nichts ist wiederholbar. Nichts kann einfach so weggeschmissen werden. Überall steckt Sinn. In jedem Blatt. In jedem Mensch. Er ist manchmal nur nicht richtig ausformuliert.

Sprachgrenze
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1993
Eine Matrix aus 182 Buchstaben: 14 Lettern breit, 13 Lettern hoch. Ein Rechteck, kein Quadrat.
Das Wort UNENDLICHKEIT. Durchbuchstabiert in Leserichtung. Von links nach rechts. 14 mal hintereinander. Ein Buchstabe hängt über, die Buchstaben verschieben sich. In der Vertikalen wird die Unendlichkeit ebenfalls sichtbar, sie rahmt das Buchstabengebilde komplett ein.
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Die Diagonalen.
Den Blick 45 Grad nach rechts gedreht (Achse Nordost zu Südwest, oben angefangen): Die Unendlichkeit wird ebenfalls lesbar.
(linke obere Ecke)
1 x U // 2 x N // 3 x E // 4 x N // 5 x D // 6 x L // 7 x I // 8 x C // 9 x H // 10 x K // 11 x E // 12 x I // 13 x T.
13 x U // 12 x N // 11 x E // 10 x N // 9 x D // 8 x L // 7 x I // 6 x C // 5 x H // 4 x K // 3 x E // 2 x I // 1 x T.
(rechte untere Ecke)
Den Blick 45 Grad nach links gedreht (Achse Nordwest zu Südost, unten angefangen):
Buchstabensalat. Ende mit Unendlichkeit.
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Sprache ist begrenzt. Sprache endet, wo Phänomene wie ‚Unendlichkeit‘ beginnen. Sprache muss scheitern. Sprache kann sich höchstens annähern, aber die Wirklichkeit nie ganz umfangen.
Sprache ist eine Schachtel (#075: Meister der Schachteln), ebenso wie Wissenschaft, Religion, Politik oder die verschiedenen Künste. Es gibt kein Medium, das gottähnlichen Status besitzt. Das ALLes umfängt.
Sprache ist endlich. Unendlich ist nur das, was wir Leben nennen.

Zahl aus der Biologie und der Kabbala (= Größe Kernsystem)
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Schon immer konnte ich mir Zahlen und Namen besser merken als Gesichter. Gut für einen Mathematiker, schlecht als Künstler. Ein Manko, das im System aufgehoben wird; bezieht es sich doch stark auf Zahlen und Worte, weniger auf Bilder.
Von Anfang an spielt das System mit Zahlen: Der Name „1000 Blatt zur Ewigkeit“ entstand früh, er setzt die numerische Grenze ans Ende. Die Zahl 1000 zieht sich durch das gesamte System und wird immer wieder in einzelnen Blätter bearbeitet, z.b. bei der Kachel (#123), bei 1001 Nacht (#169) oder beim 1000 DM-Schein (#034). Weitere Zahlen, die auftauchen sind die 11 (#222), die 64 als mein Geburtsjahr (#121: Schach) und die 566 (#159).
Als aus dem großen System das Kernsystem gezogen wurde, die kleinere Auswahl davon, stand die Frage im Raum, wie groß dieses werden würde. Fast automatisch reduzierte es sich auf ein Viertel, damals ca. 200 Blatt. Im Laufe der Zeit wurden immer wieder neue Elemente angehängt, so dass schlussendlich – ähnlich wie beim A-System – eine Zahl als imaginäre Grenze gewählt wurde, die Sinn machte.
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Die Wahl fiel auf die 248, was fast exakt einem Viertel der Zahl 1000 entspricht.
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Die Zahl 248 ist für mich eine schöne Zahl. Schon beim Betrachten fällt auf, dass sie eine Verdoppelung in sich trägt: 2 – 4 – 8. Das ist rund, das entspricht meinem Sinn für Harmonie. Sie hat die Teiler 1, 2, 4, 8, 31, 62, 124 und 248.
Was aber viel wichtiger ist, sie ist eine mystische Zahl:
In der jüdischen Kabbala wird erklärt, dass die Seele aus 613 Komponenten besteht, die den 248 Gliedmaßen und 365 Blutgefäßen entsprechen (analog zu den 365 Tagen im Jahr). Ein Körper besteht gemäß der talmudischen Anatomie also aus 248 Gliedern.
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Das System als Körper. Mit 248 Elementen wäre er komplett. Ein schöner Gedanke. Da konnte ich nicht nein sagen.

Das Ich als Oberschachtel des Systems
DIN A4, Bleistift, aufgeschnittenes Papier, 1993
Wer öffnet die letzte Schachtel? Was liegt verschlossen? Wo liegt die Wahrheit? Wo Authentizität? Welches Tor kommt dem Kern am nächsten? Wie kann das Ganze abgebildet werden? Wo liegt der äußerste Kreis? Was soll das alles?
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Jeder Gedanke, jedes Teil im System bildet mich ab. Mein Denken, mein Handeln, mein Leben. Teile davon. Allein die Summe führt zusammen, allein die Summe ergibt ein größeres Bild.
Aber ist dieses Bild vollständig? Welche Klammer fehlt (#081: Umklammerung)? Wer steht über allem? Von wo geht es aus? Was ist die Quelle? Wer entscheidet? Welches Profil soll gezeichnet werden? Who is the „Master of Puppets“?
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Das Ich als Oberschachtel des Systems. Der Meister von allem.
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Es gilt, den Kern einzukreisen, das Ich zu fixieren, dem eigenen Selbst so nahe wie möglich zu kommen. Die Linie so weit wie möglich zu ziehen.
Doch hinter dem letzten Kreis wartet bereits der nächste (#198: Einen Schritt weiter). Der Nächste. Der Übernächste (#058: Konkrete Poesie). Ein Ende wird es nicht geben. Die Wahrheit wird immer unvollständig bleiben.
Das Ich bietet so viele ungeöffnete Schachteln. Ein Leben reicht nicht aus, sie alle zu öffnen. Einen Versuch ist es trotzdem wert.
Ständiges Wachsen, ständiges Erweitern, ständige Vergrößerung. Permanente Bewusstwerdung. Gleichsam Motor und Ziel.
Das System: Perpetuum Mobile des eigenen Verstehens (#021: Perpetuum Mobile).

DIN A4-Fläche innerhalb einer DIN A3-Fläche
DIN A3, Karton, geschnitten & beschriftet, 1993
Der Umraum. Das Außen. Gleiches Volumen wie das Innen. Entspricht DIN A4: Exakt 623,7 cm2, nur anders verteilt.
Es wirkt weniger. A4-Fläche ausgespart, im DIN A3-Rahmen.
Würde man fragen, welche Fläche größer ist, die meisten würden antworten: Innen. Aber es täuscht. Beide Flächen sind gleich groß.
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Interessantes Phänomen, das sich im Dreidimensionalen noch verstärkt. Beim Abschätzen des Volumens von Gegenständen:
Ein Würfel mit einer Kantenlänge = 2 cm, im Vergleich zu einem mit Kantenlänge = 1 cm, wirkt kleiner als er de facto ist. Das Raumvolumen beträgt das 8-fache, d.h. der kleine Kubus würde in den großen achtmal hineinpassen (Potenzrechnen: 2 hoch 2 hoch 2 = 8). Das kapiert vielleicht unser Gehirn, das Auge sagt etwas anderes. Je größer die Objekte werden, umso dramatischer die Verschiebung (#245/neu: 1000 Magnete).
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Mit der Graupappe wird dem System ein Material hinzugefügt, das dem Papier verwandt, aber deutlich dicker, schwerer und rauher ist. Zudem lässt es sich zwar falten, schneiden und biegen, aber nicht mehr knüllen. Das Zeichnen mit Bleistift wird nahezu unsichtbar.
Der einfachste (und günstigste) Rahmen, der denkbar wäre. Mathematisch folgerichtig. Aber braucht Kunst nicht mehr Luft zum Atmen?
A3 als nächsthöhere Grösse im DIN-System (#063: DIN-Zeichnung). Das Loch als Möglichkeit (#029: Lücke). Grau als alternative Wandfarbe bei einem System voller Weiß. Die Schablonenschrift als mechanisches Hilfsmittel (#030: Schablone).

Relativität des Raumes, „umgekehrte Lupe“
DIN A4, Papier, geschnitten und beklebt, 1993
Was ist groß? Was ist klein? Welchen Maßstab haben wir?
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Aus Sicht eines gigantischen Außerirdischen ist die Erde eine Glasmurmel. Alle Lebewesen darauf Staub. Die Rakete, die zum Mond fliegt: Ein Fussel, verschwindend klein. Vollkommen unwichtig, gar nicht bemerkt.
Die Größenverhältnisse, in denen wir uns bewegen, sind relativ: Was für den Homo sapiens eine Wiese, ist für die Ameise der Dschungel. Eine Spinne: Zu klein, um zum Alptraum zu werden; reales Monster für Arachnophobiker (alles relativ!) und jedes Lebewesen unterhalb der Größe eines Fingernagels. Kankra lässt grüßen.
Umgekehrt: Die Distanzen im Universum sind für den Menschen unüberbrückbar. Zumindest nach heutigem Wissensstand. Der größte bekannte Stern hat die Grösse von 1708 Radien unserer Sonne: Ein roter Überriese im Sternbild Schild. Seine Leuchtkraft beträgt das 100.000-fache der Leuchtkraft unseres eigenen Zentralgestirns. Die Sonne dagegen ein Stecknadelkopf.
Das aktuell gültige Alter des Universums beträgt 13,81 Mrd. Jahre, mit einer angenommen Anzahl von 100 Mrd. Galaxien. Jede Galaxie besteht aus schätzungsweise 100 bis 300 Mrd. Sternen. Unvorstellbare Dimensionen im Verhältnis zu unserem mikroskopischen Erdendasein.
—
Was also ist groß? Was klein?
Die Setzung: Ein Quadratzentimeter, exemplarisch aus einem Blatt Papier geschnitten. Ein Reiskorn passt hindurch; eine 1 Cent-Münze nicht. Zoomt man hinein, wird es zu einem Quadratmillimeter. Jetzt wird es selbst für das Reiskorn eng.
Zoomt man hinaus, bekommt das Loch Landkartencharakter. Ein Quadratmeter: Wieviele Menschen passen in eine Telefonzelle? Ein Quadratkilometer: Wieviele Fussballfelder finden darauf Platz? Ein Quadrat-Lichtjahr: Wieviele Sonnensysteme rotieren?
Das Spiel ließe sich unendlich fortführen: Ins Allerkleinste, Richtung Quantenmechanik; ins Allergrößte, bis an den Rand des Universums. Gedanklich sogar darüber hinaus.
Nicht nur Zeit und Raum sind relativ zueinander, der Mensch und seine Maßeinheiten sind es auch. Das System bewegt sich – wie alles andere – auf einer beidseitig offenen Skala. Wie groß oder klein wir etwas einordnen, entscheidet das (Größen-)Verhältnis des Betrachters zum betrachteten Gegenstand.
In diesem Sinne: Auf die Scheinriesen! Liliput ahoi!

Politische und geografische Standortbestimmung
DIN A4, Papier, rückseitig mit Edding beschriftet, 1993
Die Deutschlandfahne. Made in Germany.
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Man wird hineingeboren. Irgendwo in diese Welt. Als Europäer. Amerikaner. Schwarzafrikaner. Chinese. Inuit. Südseeinsulaner. Oder was es sonst noch so gibt. Mensch kann es sich nicht aussuchen. Es ist einfach Fakt.
Entsprechend ruht das System auf deutschen Füßen. Es wird immer deutsch bleiben. Nicht nur der Sprache wegen.
Ich bin als Deutscher geboren und alles andere als stolz darauf. Aber: Es lässt sich nicht wegleugnen. Es wird immer so bleiben. Der deutsche Kulturkreis, die deutsche Sprache, die deutsche Sicht auf die Welt (schon allein geografisch) werden immer die meine bleiben. Auch wenn sie nicht der Mehrheitsmeinung der deutschen Gesamtbevölkerung entspricht. Das prägt folgerichtig auch das System.
Alles, was System ist, trägt den Stempel „Made in Germany“, selbst wenn die Schablone aus China, die Matrjoschka aus Tschechien, der Basketball aus Mexiko kommen. Es ist das Denken, das leitet. Es sind meine Erfahrungen als Individuum, im System „Deutschland“ aufgewachsen. Es ist der Duft, den ich verströme – ob ich will oder nicht.
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Papier hat transparente Eigenschaften. Diese werden genutzt. Die Schrift, spiegelverkehrt auf die Rückseite gesetzt, scheint durch.
Das Fähnchen passt zur Holzeisenbahn (No. 144: Weiche). Während einer Bodenpräsentation thront es inmitten des Blattes, wie weiland die norwegische Flagge am Südpol. Für die Vertikale musste es festgeklebt werden, auf den Rand des Rahmens.
Entrückt, etwas außerhalb. So wie ich mich selbst manchmal fühle, in diesem Land. Das mir zwar die Heimat bereitet, aber auch heftige Bauchschmerzen. England hätte mir jedenfalls besser gefallen, nicht nur der grafisch vollendeteren Flagge wegen.

Plastikstempel mit Buchstaben (spiegelverkehrt)
ca. 12 x 2 x 2 cm, 1993, optimiert 2016
Kein System ohne Fehler. Es sei denn, man baut ihn von vornherein ein. Was aber, wenn zwei Fehler gleichzeitig passieren?
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Der erste Fehler schlich sich beim Aufbau ein: Die Zeichnung für System-Element #080 (Entwicklung), die eigentlich untrennbar mit einem Stück Holz verknüpft ist, war auf einmal unauffindbar. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit – alle Blätter lagern in einem gemeinsamen Ordner – aber trotzdem Realität gewordenes Chaos. Die Katastrophe für einen König der Ordnung wie mich.
Der Fehler im System.
Soweit hatte ich ursprünglich gedacht. Das durfte passieren. Bei „1000 Blatt zur Ewigkeit“ im Bereich des Möglichen.
Auf einem Blatt Papier war der „Fehler im System“ damals verewigt worden. Ein Element für den Fall aller Fälle. Die Sicherheit. Zuvor niemals zum Einsatz gekommen. Doch jetzt, wo ich das Blatt brauchte: Verschwunden.
Der zweite Fehler.
Was tun? Sowohl die benötigte Zeichnung als auch das für solche Fälle vorgesehene Statthalterblatt blieben trotz intensiver Suche unauffindbar.
Ich wühlte mich durch das komplette A-System (Anm. = die verbliebenen 750 Elemente) und stieß auf eine Stempelgarnitur, die in der großen Auswahl zwar gezeigt, aber nie benutzt worden war. Kurzerhand wurde daraus ein neuer „Fehler“ gebastelt. Spiegelverkehrt und mit zu wenig Kleinbuchstaben (der dritte Fehler), aber alltagstauglich und exakt an der Stelle verankert, wo das eigentliche Malheur passierte: Der spurlos verschwundenen Zeichnung links neben dem Holzstab.
Selbige tauchte wenig später wieder auf. Da war der Port Geschichte und der Fehler hatte sich bereits auf Position #071 verewigt. Alle folgenden Elemente rückten in der Zählweise um eine Nummer auf. Ein vorher nie dagewesenes Phänomen. Der Schluckauf für das System.
Kunst ist eben nicht vollends planbar.

Volumenmesser aller Gegenstände des Systems
17,8 x 12,8 cm, Kunststoff, Metall, 2310 Nägel, 1993
Das Fakirbett: 55 x 42 = 2310 Nägel. Jeweils 4 cm lang, eingesperrt in einen 17,5 x 12,5 cm großen Kasten. Eine Plexiglasscheibe hält das Ganze von vorne zusammen, sechsfach verschraubt.
—
Eine bewegliche Matrix. Das Spiel meiner Jugend. Jedweder Gegenstand kann von hinten als dreidimensionale Nagelperformance abgedruckt werden. Besonders beliebt: Hände. Das Objekt verschwindet wieder, nur seine Plastizität bleibt erhalten. Einfach. Vielfältig. Faszinierend.
Es ist das „Holodeck“ für alle Gegenstände im System, so wie die Zaubertafel (#146) der „Kopierer“ für jede Zeichnung ist.
Denkbar wäre eine Ausstellung des Systems, ohne dass dieses überhaupt gezeigt wird. Allein seine „Schatten“ würden sichtbar. Als Abdrücke in zahllosen Nagelkästen, als Zeichnungen auf zahllosen Zaubertafeln. Die einzigen beiden Original-Elemente wären in diesem Fall: Der Kasten und die Tafel.
Bei jeder neuen Präsentation drücke ich ein anderes Objekt ab. Dieses Mal überließ ich die Wahl meiner Assistentin. Es fiel auf das Gewicht (#160). Vielleicht, weil es eine einfache Form bietet, vielleicht, weil die Größe perfekt zum Kasten passt, vielleicht, weil es auf derselben Höhe montiert war.
Eine Verdoppelung, die das System an manchen Stellen durchzieht (#143: Memory). Auch die Bounty, das Schachspiel oder das Fußballfeld poppen an unterschiedlichen Stellen des Systems wieder auf.
Ein Widerspruch zur #040: Ich hasse Wiederholungen? Nur dann, wenn die Sprache dieselbe bliebe. So jedoch wird der gleiche Impuls in unterschiedliche Medien übertragen.
Ganz im Sinne des Systemgedanken: Umlagerung der Mitte, Einkreisung des Selbst. 1 Lösung. 1000 Möglichkeiten.

Grenze des Systems
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Momentaufnahme: 7. Oktober 1993, 21:52 Uhr.
Das vorerst letzte Blatt in einer Reihe, die wenige Wochen vorher begann. Der Schritt vorwärts (#198: Einen Schritt weiter). Am Rand.
Das Denken selbst zum Thema machen. Die Abfolge der Gedanken. Das Vorwärtsschreiten, das Eines-nach-dem-anderen. Die Chronologie der Ereignisse.
Ein Augenblick in der Gegenwart. Sofort wieder Vergangenheit. Mit der nächsten Minute. Mit dem nächsten Blatt. Eingefroren für die Ewigkeit. Mit dem Bleistift die Zeit anhalten, die unerbittlich verrinnt. Nur an diesem Tage gültig, nur in einer Minute vollkommen. On Kawara lässt grüßen.
Die Front. Ein Kriegszustand. Zuweilen prasselten täglich bis zu 30 Ideen in das geplagte Hirn. Den Zettel stets in Reichweite, den Stift selbst nachts griffbereit. Nahe dem psychischen Zusammenbruch (#054: Biss an den Rand des Wahnsinns), aber es wurde überlebt. Die Kunst hat es gedankt.

Flächenbegrenzung, eine Optimierung tendiert gen 0
DIN A4, gedehnt, Goldlack auf Karton, 1993
Dünnstrahmen, eine Optimierung tendiert gegen Null.
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Wie verhält sich Papier (in diesem Falle: Karton), wenn man die Mitte bis an seinen äußersten Rand aufschneidet? Wie dünn kann ein Rahmen sein, bis dieser reißt? Welches Maß ist von Menschenhand noch möglich, ab wann müssten Maschinen eingesetzt werden?
Wie verändert sich das Objekt? Wie verhält es sich, wenn man es legt? Wie, wenn man es in die Senkrechte bringt? Welches Material kreiert welche Form? Wie unterscheidet sich Papier von Karton? Wie würde sich Holz verhalten bzw. wie weit könnte man dieses bis an den Rand aufsägen? Wie weit Plastik? Wie weit Metall oder Stein?
Beim Karton: Es hängt durch, verändert seine Form. Aus dem DIN-Format wird ein bauchiges Etwas, die Fläche vergrößert sich. Das Zentrum, das vorher entfernt wurde, würde locker wieder hineinpassen – plus ein Rest, der zu errechnen wäre.
Die Goldfarbe greift den Gedanken des Rahmens auf. Es ist die bevorzugte Farbe jedweden Außenrums, vom Barock bis zum Jugendstil.
Wieso gerade Gold? Nicht nur des edlen Metalls wegen, sondern weil Gold in der Malerei eher selten Verwendung findet und sich der Rahmen entsprechend vom Inhalt abhebt.
Inhaltsleer. Das Drumherum ist genauso wichtig wie das Drinnen. Alles spielt eine Rolle: Das Bild. Der Rahmen. Die Präsentation. Die Wand. Der Raum. Die jeweilige Farbigkeit. Es gibt kein Innen, es gibt kein Außen. Das Auge nimmt alles gleichzeitig wahr, entsprechend müssen Inhalt und Gefäß mit derselben Sorgfalt behandelt werden.

Transparentes Zeichenmaterial; Sensibilität
DIN A4, Klebstoff auf Papier, 1993
Wie weit kann ein Zeichenmittel reduziert werden, dass trotzdem eine Zeichnung entsteht, diese aber vergleichsweise zart und nahezu unsichtbar bleibt?
—
Uhu wäre eine Möglichkeit.
Eigentlich dient er dazu, Dinge miteinander zu verkleben, z.B. Papier auf Papier. Zwei Fotos im A6-Format beispielsweise würden auf der Rückseite in einer Weise bestrichen wie unten dargestellt. Zumindest mache ich das immer so: Einmal außenrum und ein Kreuz durch die Mitte.
Was geschieht, wenn die eigentliche Handlung gar nicht ausführt wird, es also beim Klebstoff bleibt? Auch dieser entwirft eine Form. Nicht so deutlich wie ein Bleistift oder Edding, aber deutlich genug, um damit zeichnen zu können. Es wäre einen Versuch wert.
Eine weitere Untersuchung des DIN-Formats: A6 innerhalb A5. Zweimal, auf A4. Die beiden Häuser vom Nikolaus. Ohne Dach. Etwas grob gezimmert, aber bewohnbar. Trocknungszeit eingeschlossen, Korrekturen unmöglich.

Grafische Darstellung des System-Dialogs
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Hieroglyphen. Schöne Zeichen, ohne Bedeutung, für die einen. Die Kurzform des Systems, für die Eingeweihten.
—
Rechteck. Kreuz. Kreis. Kreuz. Strich.
Das Blatt.
(Pluszeichen).
Die Welt.
(Pluszeichen).
Ich.
—
Die Darstellung der drei Dialogpartner des Systems in grafischen Grundformen:
ICH
nehme die
WELT
in mir auf und spucke sie auf
PAPIER
wieder aus.
Nicht anderes ist das System. Wenn man es auf wenige Begriffe runterreduziert. So einfach wie banal.

Permanente Halbierung des Formats, unzentriert
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
DIN-Format, Teil 2.
—
Die Formate DIN A4 abwärts bis zu DIN A14 (falls es so etwas gibt), jeweils durch ein Andreaskreuz markiert. Bei A4 + A5 werden zwei Linien gezogen, ab A6 ergibt sich eine einzige Linie zum Nachfahren, die andere ist bereits gesetzt. Durch Faltung zu erreichen oder durch viel Rechnerei mit dem Lineal.
Es entsteht eine Zeichnung, die sich in eine Ecke hinein verjüngt und an einen Strommast erinnert. Theoretisch unendlich fortsetzbar. Grafisch reizvoll, mathematisch korrekt.
Wann beginnt das menschliche Auge, die immer kleineren Linien nicht mehr zu unterscheiden? Wie dünn muss ein Strich gezogen werden, um noch als solcher erkennbar zu bleiben?
Würde man die Mittelpunkte der sich halbierenden DIN-Formate miteinander verbinden, ergäbe sich eine Treppe, die in der Mitte des Blattes beginnt, mit immer kleiner werdenden Stufen. Der Strommast wäre vollendet.
Das Prinzip des Diagonal-Kreuzes wurde im Port durch das Bleistift-Raster (41 x 41 cm) aufgegriffen. Die Mittelpunkte dienten dabei der Ausrichtung der einzelnen Systemelemente.

Permanente Halbierung des Formats, zentriert
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Das DIN-Format, jeweils halbiert, mittig gesetzt. Den äußeren Rahmen gibt das Blatt vor = DIN A4. Ihm folgen DIN A5, DIN A6, DIN A7, bis hinunter zu DIN A14 (wenn es so etwas überhaupt gibt). DIN A6 entspricht dabei einer Postkarte, DIN A8 in etwa dem üblichen Visitenkartenformat.
Das Verhältnis Länge zu Breite entspringt der einfachen Formel (Wurzel 1) : (Wurzel 2), also 1,0 : 1,414. An ihm orientiert sich seit 1995 meine gesamte Malerei. Es ist etwas länglicher als der Goldene Schnitt (Verhältnis 1 : 1,618).
Anfangs wurden die Bilder der Malfabrik im A4- bzw. A3-Format produziert. Logische Größen beim Verwenden der „klassischen“ Schablonen (mittlerweile existieren über 300): Etwas kleiner als A4, um sie bequem auf einem Blatt Papier zu platzieren. Später folgten A1, A0 usw., bis hin zur halben Plakatwandgröße (4 × A0 = 240 × 170 cm).
Das DIN-Format selbst ergibt sich aus einem Quadrat, durch dessen eine Ecke ein Kreis gezogen wird, der so groß ist, dass er die Diagonalecke durchschneidet, auf die verlängerte Linie des Ausgangspunktes trifft und diese zum bekannten DIN-Format schließt.
Das Bezugsformat dabei ist A0 (1189 mm × 841 mm), was exakt 1 m2 entspricht. Alle weiteren DIN-Formate ergeben sich aus seiner Halbierung bzw. seiner Verdoppelung.
Das DIN-Format entstand 1922, wobei Walter Porstmann auf eine Idee von Georg Christoph Lichtenberg aus dem Jahr 1786 zurückgriff. Später entstand daraus die internationale Norm ISO 216, die in fast allen Staaten der Welt befolgt wird (Ausnahmen: USA, Kanada und einige andere). (Quelle: Wikipedia)

Installation („Kleine Seitenstraße“)
DIN A4, Bleistift auf Papier, Emaille, 1993
Klau-Kunst. Im wahrsten Sinn des Wortes.
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(Kleine Seitenstraße, Installations-Gedanke)
Hausnummern werden geklaut. Der Reihe nach, von der Nr. 1 bis zur Nr. 1000 (sollte es überhaupt eine Straße geben, die so lang ist).
Danach werden die Zahlen-Schildchen ausgestellt, in Reihe gebracht bzw. in eine sinnliche Form. Anbieten würden sich dafür die Punkte-Verbinden-Bilder aus diversen Mal- und Zeichenbüchern.
Es ist eine künstlerische Grundidee, der man hätte folgen können. So könnte heute mein Werk aussehen: Der schwarzgekleidete Künstler, der nächtens durch die Lande zieht und Hausnummern von Hauswänden schraubt. Diejenigen Hausbesitzer zittern lässt, deren Nummer als nächstes kommt. Ein Ominösus, der stets unerkannt entkommt und seine Ergebnisse an den Kunstorten dieser Welt zurück unters Volk bringt. Der Banksy unter den Kleptomanen.
Woher die Nr. 1 stammt, darf an dieser Stelle natürlich nicht verraten werden. Über 20 Jahre später werde ich in der Gegend immer noch steckbrieflich gesucht. Nur soviel sei verraten: Es war ein symbolischer Ort. Es war ein zutiefst deutscher Ort. Es war eine Adresse, die ein würdiger Startschuß war für eine Aktion, die nie weiterverfolgt wurde. In einer nebligen Februarnacht mit Freundeshilfe durchgeführt. Fast so verboten, aufregend und spannend wie die Güterzugfahrt von Mannheim nach Hannover, Jahre zuvor. Die Nummer fehlt dort bis heute, sie wurde nie ersetzt.

Zerschneiden als Möglichkeit der Formbildung
ca. 40 x 30 cm, DIN A4-Blatt, zerschnitten, 1993
Das für mich persönlich kritischste Element. Es wirft die Frage auf, wie offen Kunst sein muss, wie intim Kunst sein darf, wo die Grenze liegt zwischen dem, was ist, und dem, was man veröffentlicht.
Ein System, das versucht, die eigene Persönlichkeit, das eigene Leben in all seinen Facetten möglichst genau einzufangen, darf auch vor der eigenen Sexualität nicht halt machen. Sie ist ein bedeutender Teil davon, wird im künstlerischen Kontext aber gerne ausgeklammert. Aus verständlichen Gründen.
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Scham-Grenze.
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Eine interne Liste. Die nur ich im Kopf habe (wenn überhaupt). Sie könnte auf ein Blatt übertragen werden. Dieses Blatt wird mit der Schere zerschnitten, wie ein Apfel geschält, um ein möglichst langes, zusammenhängendes Band zu gewinnen. Was übrig bleibt, wären viele einzelne Buchstaben, rund um den Kern, mit dem Titel der Arbeit. Unlesbar. Dennoch vorhanden.
Es wurde nie ausgeführt. Es reicht die Andeutung. Irgendwelche Schlauberger könnten auf die Idee kommen, das Band in seine ursprüngliche Ordnung zu zwingen, so wie es Experten auch immer wieder schaffen, zerschredderte Geldscheine oder Geheimunterlagen rückzubauen. Das ist mir zu heiß.
Irgendein anderer Schlauberger meinte einmal, auf dem Blatt stehe ja gar nichts. Das könne nur bedeuten, dass ich die Dinge vom anderen Ufer aus betrachte. Eine geheimes Outing, versteckt im System. Die Antwort auf diese Frage lasse ich genauso offen wie die vermeintliche Liste, die noch geschrieben werden müsste.
Manchmal muss Kunst einfach mysteriös bleiben, darf ihr Geheimnis nicht preisgeben. Es wäre das Ende jeglicher Romantik.

Fotografische Essenz der Weltreise von 1991/92
ca. DIN A4, Buch mit 693 Fotos, Inkjet auf Papier, 1993
Die Weltreise anno 1991/92 als Fotobuch. Eine Auswahl von 693 Fotos aus über 2000. Damals selbstredend analog, entsprechend vorsichtig und selten betätigte man den Auslöser.
8 Monate. 6 Länder. 3 Kontinente. 2 Kameras. 1 mal rundherum.
Thailand. Philippinen. Australien. (6 Stunden Neuseeland). Fidschi. Cook Islands. Tahiti. (3 Stunden L.A.).
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Die Reise selbst war jahrelang geplant, ein erster Versuch drei Jahre zuvor führte zwar in die Richtung meiner geliebten Südsee, wegen Geldmangels aber nicht über Bali hinaus. Erst während des Studiums tat sich die entscheidende Geldquelle auf, bei einem bekannten Autobauer in Sindelfingen. Drei Monate Fließband in den Semesterferien = Acht Monate Reisen. Das Verhältnis war damals ok.
Die aufgeschlagene Doppelseite zeigt Bilder aus Australien: Melbourne und meine Tramp-Tour nach Sydney. Die Landschaft dazwischen.
Wer genau schaut, erkennt Teile des Systems: Neben der allgegenwärtigen Kunst z.B. das Schachspiel (Foto 327), vor allem aber die Bounty in Sydney (Fotos 336, 338–339). Sie segelte mir vor der Nase davon, just in dem Moment, wo ich auf der Harbour Bridge stand. Es war der Nachbau für die berühmte Verfilmung 1962 mit Marlon Brando. Sie fiel im August 2005 vor der Ostküste der USA dem Hurrikan Katrina zum Opfer.
Das Buch diente nicht nur als Erinnerung, sondern auch als Vorlage für die Malerei (z.B. Fotos 324, 325, 332).Eine schöne Geschichte am Rande. Foto 329. Die beiden Australier Stuart und Erik nahmen mich als Anhalter mit in die Blue Mountains, sie selbst wollten dort über’s Wochenende paddeln gehn. Wir fuhren bis tief in die Nacht, zwei Kajaks auf dem Dach.
Als Beifahrer hatte ich stets einen Blick auf die bunten Dreiecke über mir. Irgendwann waren diese jedoch verschwunden. „Hey, where are the boats?“ Großer Schreck. Keiner hatte etwas bemerkt. Wir waren mitten auf der Autobahn. Also fuhren wir auf dem Standstreifen ca. 1 km rückwärts, immer in der Sorge, von hinten den Mega-Crash zu hören.
Es ging glimpflich aus: Die Plastikboote hatten sich im grasüberwucherten Mittelstreifen abgelegt, deswegen war die Aktion auch so leise vonstatten gegangen. Sie waren sogar unbeschädigt. Australien selbst ist so menschenleer, dass uns auf der Rückwärtsfahrt nicht ein einziges Auto begegnete.

Austausch einzelner Systemelemente nach Optimierung
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Ein Prinzip des gesamten Systems, das erst über die Zeit erfahrbar wird: Der Austausch, die Verbesserung einzelner Systemelemente.
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Nichts im System ist auf Dauer angelegt, alles kann prinzipiell ausgetauscht werden. Sobald eine Neuformulierung den ursprünglichen Gedanken besser trifft, sofern ein neuer, interessanterer Aspekt die ursprüngliche Idee überlagert, wird das entsprechende Element ausgewechselt.
Typische Beispiele dafür sind der Eisblock (#048) oder das Fussballfeld (#050):Hier wurde die ursprüngliche Zeichnung durch einen Gegenstand ersetzt. Ein weiteres Beispiel ist die #015 (Erst alles falsch machen, dann wird es schon richtig): Hier wurden zwei getrennte Systemelemente zu einem einzelnen zusammengezogen. Oder die Lupe (#058): Hier wurde das ursprüngliche Werkzeug durch ein für mich faszinierenderes, schöneres, persönlicheres Exemplar ersetzt.
Es gilt also immer: Erst der Gedanke, dann die Ausformulierung. Erst der Inhalt, dann die Form. Das kann mitunter Jahre dauern.
Das Wort „Veredelung“, schlicht mit Bleistift auf Papier gesetzt, ist ein typisches Beispiel: Es sollte ursprünglich gemalt werden, schön ziseliert mit feinem Pinselhaar, die Buchstaben fein umrundet und erst dadurch so richtig edel werden. Eventuell auch als Stickerei oder mit Blattgold. Es harrt immer noch auf seine Realisierung. Eine Baustelle, die nach wie vor offen ist.

Die Schachtel um die Schachtel um die Schachtel
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1993
Die Schachtel um die Schachtel um die Schachtel. Das Zwiebel-Prinzip. Die Masse vergrößert sich mit jeder weiteren Schicht.
In dieser Hinsicht der Matrjoschka verwandt (#049), aber auch die #081 (Umklammerung) oder die #075 (Meister der Schachteln) spielen mit dem Gedanken.
Das System als Schutzraum. Der Kern, der geschützt werden muss (#000: Deckblatt über Deckblatt). Der Versuch, Realität, Leben, Wahrhaftigkeit, das eigene Ich, die eigene Substanz einzufangen. Mit jedem neuen Element, mit jedem neuen Versuch ein Stückchen ausladender, ein bißchen weiter.
In der Mitte der Punkt. Das Zentrum. Das, um was es geht. Das Drumherum spielt mit. Ist Teil des Ganzen. Untrennbar mit dem Kern verbunden. So wie dieser erst über die Klammern greifbar wird.
Annäherung. Der Betrachtung eines Sternes gleich. Bei direkter Peilung verschwindet dieser. Man muss daneben blicken, erst dann wird er sichtbar. Über das Echo zum eigentlichen Ton.

Dimensionsbrücke zwischen verschiedenen Größen
20 x 9 x 1,5 cm, Kunststoff, Metall, Glas, 1993
Die Lupe. Das typische Utensil von Sherlock Holmes. Unentbehrliches Werkzeug bei der Aufklärung besonders kniffliger Fälle. Genau schauen, Spuren entdecken, Feinheiten sortieren, die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. In der Kunst, wie anderswo.
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Nicht nur dem berühmtesten Detektiv aller Zeiten stets zu Diensten.
Es hilft auch Künstlern, bei der Überwindung der allgegenwärtigen Größenverhältnisse. Von klein zu groß. Details entdecken. Ungeschautes sichtbar machen. Herausheben, was vorher im Verborgenen schlummerte.
Das Pendant zum Türspion (#097). Vom Überblick ins Detail. Von der Menge ins Einzelne. Individualisierung: Statt ins All – den immer größeren Zusammenhängen folgen, hinab in den Mikrokosmos – den einzelnen Bausteinen auf der Spur. Praktisches Hilfsmittel. Quantenmechanisches Symbol.
Die ursprüngliche Lupe (sie hilft mittlerweile beim Betrachten der Mineralien) wurde 2015 durch dieses besonders schöne Exemplar ersetzt. Ein Mitbringsel aus Antwerpen. So durchdringt die persönliche Geschichte den künstlerischen Grundgedanken.

Entwurf einer plastischen Form durch Falten; Origami
6 x 21 cm, Papier, gefaltet, 1993
Das Boot für den Kapitän. Das Schiff zum Eisberg (#048: Eisblock). Der (Papier)Hut für den (Papier)Körper (#076: 248 Glieder).
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Papier kann gefaltet werden. Aus der Fläche in den Raum. Eine ganze Kunstrichtung beschäftigt sich damit: Origami. Die japanische Kunst des Papierfaltens.
Die Welt in einem Blatt Papier. Schier unendliche Möglichkeiten. Das Faszinierende ist die Schlichtheit des Ausgangsmaterials. Die Eroberung der dritten Dimension.
Auf den Namen brachte mich eine Freundin der Dichtkunst. Zwei Ks zu dem berühmtesten Schiff der Neuzeit und es wird daraus die gefaltete Variante im Mini-Format. Dem Untergang genauso geweiht wie das große Original, käme es jemals zum Einsatz. Allzu lange jedenfalls würde es sich nicht über Wasser halten.
Ship ahoi!

Aus der üblichen Legeordnung geratenes Blatt
DIN A4, um 35° gedreht, Edding auf Papier, 1993
Aufbruch der Ordnung. Etwas, das quer liegt. Anders ist. Sich dem Gehorsam entzieht.
Quertreiber. Querdenker. Querulant. Querbeet. Queer.
Eine 29°-Drehung reicht, um aufzufallen. In der Kunst, wie im Leben. Alles hängt stramm, nur eines treibt quer.
Infragestellen. Anecken. Verweigerung. Stolperstein.
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Das komplette System – um 5° oder 10° gedreht an die Wand.
Minimaler Eingriff, maximaler Aufwand. Aus 4 Tagen Aufbauzeit würden mindestens zwei Wochen werden, jedes Element müsste neu durchdacht und individuell gehängt werden. Eine Monsterarbeit.
Maximaler Aufwand, minimale Wirkung. Kaum sichtbar. Gerade deshalb reizvoll. Den Wahnsinn fördern. Ähnlich wie Andreas Slominski. Der einst eine Wand aufbohrte, um eine Leiter QUER durch eine Tür zu tragen. („Querträger“)

…
DIN A4, Bleistift auf Papier, angebissen, 1993
Der Weg der Kunst als Grenzgang. Der Künstler als Grenzgänger. Zwischen Genie und Wahnsinn. Jeder, der Kunst macht, kennt das Phänomen.
Manch eine(r) scheitert. Wechselt unbemerkt die Seite.
Darum geht es: Bis an den Rand, aber nicht darüber. Bis an die Grenze, aber heil bleiben.
Biss in die Kunst, aber Zähne gesund.
Die Materialfrage wird um ein weiteres Element erweitert: Beißen (bzw. Reißen) als Möglichkeit der Formbildung. Das Blatt selbst wird zum Thema (#003: Zeichnung 7).

Schlauer Spruch
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
„Der Fernseher, der sich von allein eingeschaltet hat.“
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Eine Art Haiku, über das nachgedacht werden darf:
Der Fernseher… (wie?) …von alleine… (was?) …eingeschaltet… (warum?)
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Wie soll das gehen? Was geht da ab? Ein Poltergeist? Außerirdische? Eine Maschine, die sich selbstständig macht? Die anfängt zu denken und zu handeln? Sich der menschlichen Kontrolle entzieht? Ein Ding, das plötzlich lebt?
HAL 9000? Des Teufels Saat? Ein Terminator? Vorbilder gibt es viele.
Nichts von alledem: Der Mensch ist es, der die Kontrolle hat. Nach wie vor. Über Technik, Maschinen, Computer. Das sollten wir nicht vergessen. Auch nicht leichtfertig abgeben. Jeder einzelne sollte das nicht. Die Macht hat jeder. Egal, was die anderen tun.
Ein, oder aus? Es ist und bleibt eine ureigene Entscheidung. Synonym für das Leben, die Kunst, das Denken und eingefahrene (Seh)Gewohnheiten.
If you don ́t like it, change it!

Aufforderung, von der 2. in die 3. Dimension zu denken
DIN A4, Papier, geschnitten; Plastikfliege, 1993
Aufforderung, von der zweiten in die dritte Dimension zu denken.
Liegt das Papier flach, hat es links und rechts einen gekerbten Rand. Bringt man die beiden Enden zusammen, schließt es sich zu einer Röhre. Die Fliege ist gefangen, die Venusfalle hat zugeschnappt.
Die Fliege ist ein bewegliches Zeichen. Sie ist aus Plastik und könnte überall im System auftauchen. Hier macht sie jedoch am meisten Sinn. Ein Beispiel dafür, wie aus zwei getrennten Elementen im Laufe der Zeit eines wird.
Röhre und Fliege, das gehört zusammen wie das Holzherz zum Sockel (#101) oder das Auge zum Glas (#179). Manche Dinge sind einfach füreinander bestimmt.
Im Port wurde der Rand des Rahmens zum Friedhof aller „echten“ Fliegen, die während des Aufbaus dahinschieden. Ein schönes Exempel, wie das System direkt aus dem Leben bedient wird. Flexibel. Offen. Erweiterbar.

Proportional verwandte Flächen (DIN A4 + Fußballfeld)
13,3 x 8 x 1,7 cm, Kunststoff, 1993 (optimiert 2003)
Nächstes Beispiel dafür, wie ein Gegenstand eine Zeichnung ersetzt: Ursprünglich hatte ich ein Fußballfeld gezeichnet, später lief mir das Gimmick als Beilage eines Micky Maus-Hefts über den Weg.
Ein Mini-Flipper für zwei Personen. Leider fehlt mittlerweile der Ball.
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Fußball was my first love. And it will be my last.
Noch vor meinem Interesse für Film, Musik, Kunst und holder Weiblichkeit, noch vor dem Reisen, vor den Mineralien und vor den Rumflaschen, stand – der Fußball. Selbst vor Urmel, Pippi & Co., der Eisenbahn und den Briefmarken (die es damals selbstverständlich ebenfalls gab).
Das war so tief verwurzelt, hatte so viel mit meinem Seelenheil zu tun, dass meine Eltern das Fernsehverbot für ein Pokalspiel meiner geliebten Bayern in der Halbzeit wieder auflösten, nachdem ich das Kinderzimmer zunächst unter Tränen setzte und danach anfing, die Bude zu zerlegen. Es wiederholte sich nicht. Alles andere wurde verboten, Fußball nie wieder.
Fußball. Das heilige Spiel. Noch vor dem Schach. Vor Monopoly und Malefitz. Die ich ebenfalls liebte und dabei ganze Nächte am Brett verbrachte.
Fußball. Mit 3 trat ich gezielter gegen den Ball. Mein Vater brachte mir das (beidfüßige!) Kicken bei. Regelmässig auf den Rheinwiesen, wofür ich ihm bis heute dankbar bin. Mit 6 enterten meine Kumpels und ich den nächstgelegenen Bolzplatz, hatten ihn mit 8 vollständig unter Kontrolle. Mit 11 wurde es professioneller: Ich trat in den Fußballverein ein. D-Jugend. Als Torjäger und letzter Mann vor der gegnerischen Abwehr. Dem Abseits stets näher als dem eigenen Sechzehner.
Im Gymnasium versammelten sich durch Zufall all meine Kickerfreunde in ein und derselben Klasse. In den kommenden Jahren gewannen wir sämtliche Pokale der Schule, manchmal gegen zwei Jahre ältere Mannschaften. Bis heute ist unser Jahrgang in Fachlehrerkreisen legendär. Mathematikformeln, Deutschaufsätze, Lateinvokalen – alles vergessen. Die Fußballturniere hingegen bleiben bis heute in Erinnerung.
Ich könnte Dutzende Geschichten erzählen: Von wichtigen Siegen und verheerenden Niederlagen, von roten Karten und randalierenden Eltern am Spielfeldrand, von bösen Buben und bestochenen Schiedsrichtern, gebrochenen Knochen und tennisballgroßen Beulen am Kopf, vom ultimativem Elfmeter-Versagen, aber auch dem Hattrick im Spiel gegen Phoenix Mannheim (Fallrückziehertor incl.). Von den Ausflügen ans Steinhuder Meer, nach Lloret und Tossa del Mar Anfang der 1980er. Was weitere Abenteuer nach sich zog.
Aber ich belasse es bei der einfachen Formel: Fußball war wichtig in meinem Leben, wichtiger als vieles andere. Erst die Kunst wurde ähnlich intensiv betrieben. Bis heute verpasse ich kein Live-Spiel im TV, sind mir Welt- und Europameisterschaften heilig: Kleine Inseln der Glückseligkeit im Sturm des Lebens. Ohne Fußball wäre ich ein trauriger Mensch geworden.
Goooal!!

Verschachtelung
30 x 20 cm, Holzfigur, bemalt, 1993
Die Schachtel in der Schachtel in der Schachtel.
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Als Idee dem System angegliedert 1993, durch die abgebildete Figur ersetzt 1994. Diese erwarb ich in Prag, auf Winterfahrt zum 30. Geburtstag: Zehn Tage quer durch Österreich, Ungarn und Tschechien, mit einer zum Wohnmobil umgebauten Ente.
Die Puppe ist einer der teuersten Gegenstände im System; zugleich ist es das Element, das bei Präsentationen am häufigsten befragt wird, meist sogar als allererstes. Es mag an der menschlichen Form liegen oder an der ziselierten Bemalung. Jedenfalls ist es – neben Schablone und Nagelkasten – das auffälligste Objekt an der Wand.
Zehn Puppen, die ineinanderstecken und immer kleiner werden. Sie erzählen eine Geschichte.
Es ist ein Märchen.
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Abgebildet sind, von groß nach klein:
(01) Ein grauhaariger König mit Bart (+ Soldat).
(02) Eine Prinzessin vor Baldachin am Strand (+ Prinz).
(03) Ein fliegender Teppich mit königlichem Paar.
(04) Ein Boot mit Prinzessin.
(05) Ein Flötenspieler.
(06) Eine Prinzessin (alleine, ohne Baldachin) am Strand.
(07) Eine Bäuerin vor einer Blockhütte.
(08) Eine verzauberte Prinzessin in Vogelgestalt.
(09) Ein Vogel.
(10) Ein königlicher Fisch mit Krone.
Die größte Figur misst ca. 26 cm in der Höhe, die kleinste gerade noch 3,5 cm. Am Boden der größten Puppe datiert auf 1993, unterschrieben von T. Zatópek. Eine wunderbare Handarbeit, mehrfach lackiert und für den täglichen Hausgebrauch hergestellt.
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Die Puppe in der Puppe in der Puppe. Das Generationenprinzip. Das Kleine im Großen. Das Zukünftige im Gegenwärtigen. Alles schon vorhanden. Allein dem Faktor Zeit verpflichtet.
Eine Geschichte in hintereinander ablaufenden Bildern. Synonym für das gesamte System. Idee für eine „Geschichte innerhalb der Geschichte“. Das Lyrische, das erzählerische Moment – das es noch zu gestalten gilt.

Zeichnung, durch einen Gegenstand ersetzt; Künstlichkeit
ca. 8 x 6 cm, farbloser Kunststoff, 1993
Ein Gegenstand, der ursprünglich eine Zeichnung war. Paradebeispiel dafür, welchem Grundprinzip das gesamte System folgt: Die Anzahl der Blätter wird reduziert, die der Objekte steigt. Langsam, aber kontinuierlich.
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Der Eisblock fiel mir in einem Laden für Fotozubehör in die Hände. Ein typisches Must-Have-Accessoire. Er ist aus Plastik und wird für die Food-Fotografie verwendet. Immer dann, wenn der Eindruck von besonders Kaltem entstehen soll: Gekühlte Softdrinks. Eisiger Wodka. Kristallisierte Häppchen aus der Tiefkühltruhe.
Es ist ein Fake. Sieht aus wie Eis, besteht aber zu 100% aus Weichplastik. Da mag die Sonne stundenlang darauf scheinen, da mag mensch noch so sehr daran lecken. Dieser Eisblock bleibt stets in Form. Ihn kann selbst die Titanic nicht versenken.
Ein faszinierender Gegenstand. Mehr Schein als Sein. Sein Aussehen suggeriert bestimmte Gefühle. Das Material sagt etwas anderes. Man muss ihn berühren, das Auge erkennt es nicht. Es lässt sich täuschen, wie so oft.
Das Hirn isst mit. Schokolade als Hundehaufen oder Marzipan als Schlachteplatte wird von Kopf und Magen anders bewertet als in gewohnter Form. Allerdings: Spaghetti-Eis gehört zum festen Bestandteil der Esskultur, Geschmacksverirrungen ausgeschlossen.
Ein Prinzip, das künstlerisch nutzbar ist (#098: Plastikblatt). Viele Arbeiten von Jeff Koons sind Beispiele dafür.
Nichts ist so wie es scheint. In der Kunst wie im Leben.

Karton als alternativer Bildträger
DIN A4, Karton, geschnitten, 1993
Das Loch für Einsame. Aus weißem Karton geschnitten. Ein Zwei-Euro-Stück passt genau hindurch (zum Beispiel).
Auch eine Art Schablone. Sehr einfach. Praktisch. Zum internen Gebrauch. Für das einsame Herz. Wenn alles zu viel wird. Zum Druck ablassen.
Tarnfarben und phantasieanregend. Günstig. Abwaschbar. Mehrfach verwendbar. Das ideale Kunstwerk für den Künstler in hormoneller Notlage.
Schnell gemacht. Schnell gezückt. Schnell gefickt. Salut!

Stempel als Zeichenmittel; „Große Seitenstraße“
DIN A4, Stempel auf Papier, 1993/1988
„Konstantin Voit. // Kokosinsel Expedition 2000. We sold our Soul for Rock’n’Gold.“
Das Bild einer rauchenden Vulkaninsel, von der Nachbarinsel aus gesehen. Wogende Palmen, Sonnenuntergang, Vogelschwärme. Das Boot inmitten. Reinstes Südsee-Klischee. Gestempelt in Regenbogenfarben.
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Als uns Mike Hentz, Leiter der Grundklasse an der HFBK Hamburg, anno 1990 während einer mehrtägigen Klausur der Reihe nach fragte, wie und wo wir uns selbst in 10 Jahren sehen würden, antworteten die meisten mit „in New York leben“, „auf der Biennale in Venedig ausstellen“, „verheiratet mit zwei Kindern“ oder schlicht „als Kunst-Professor“.
Meine Antwort war ausgefallener.
Bereits einige Jahre zuvor hatte ich mit einem Freund beschlossen, dass wir spätestens im Jahre 2000 auf die Suche nach den berühmten Piratenschätzen des William Dampier, Benito Bonito und Henry Morgan auf der Isla del Coco (auf deutsch: Kokosinsel) machen wollten. Sie liegt ca. 500 km vor Costa Rica im Pazifischen Ozean.
Pläne wurden geschmiedet, Bücher studiert, die Crew zusammengestellt, der Segelführerschein angestrebt. Denn eines war klar: Der offizielle Weg war versperrt, wir mussten uns – wie so viele vor uns – heimlich auf die Insel schleichen und möglichst ungesehen nach den Schätzen graben.
Das war 1987. Im Sommer desJahres fuhren wir u.a. nach Garmisch-Partenkirchen, in die Nähe von Regensburg und nach Rennes Le Chateau in Südfrankreich. Überall dort sollten sagenhafte Schätze vergraben liegen. So versprach das jedenfalls die Fachliteratur, die wir begierig verschlangen.
Außer ein paar alten Konservendosen fanden wir bei all den Ausgrabungen nichts. Dafür wurden geheime Tunnel entdeckt, seltsame Zeichen an Höhlenwänden und die ein oder andere verbogene Schaufel unserer Vorgänger.
Einmal ließ ich mich mit einem (viel zu dünnen) Seil um den Bauch in einen gut 20 m tiefen Schacht hinab, den wir auf dem Plateau einer ehemaligen Burgfeste entdeckten; nachdem wir den medizinballgroßen Stein vom Eingangsloch entfernt hatten.
Auch hier: Viel Schlamm, aufgeschreckte Fledermäuse, beängstigende Dunkelheit, zittrige Feuchtigkeit. Kein Gold. Keine Edelsteine. Keine funkelnden Perlengehänge. Bei Stevenson klang das alles einfacher.
1988 reiste ich nach Indonesien. Von Jakarta mit dem Bus Richtung Bali. In Yogjakarta, ehemalige Hauptstadt des Archipels, machte ich halt. Auf dem Markt konnte man zu Spottpreisen Stempel erwerben. Grafische Vorlagen wurden von geschickten Händen in Gummi geschnitten, passende Wunschsätze dazu. So kam ich zu meinem persönlichen Mitbringsel. Mein Kumpel in Deutschland erhielt das entsprechende Pendant.
„We sold our Soul for Rock’n’Gold“. (Black Sabbath lässt grüßen)
Vielleicht ganz gut, dass aus dem Vorhaben nie etwas wurde. Zuviele tapfere Männer wurden bereits vom Gold geblendet und haben ihre Seele verkauft, verloren Charakter, Freundschaft und Heim; manche auch ihr Leben.

Zeichnung mit technischem Hilfsmittel (hier: Spirograph)
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Statt der Schablone der Spirograph. Statt der Schablonensammlung die Zahnradwerkstatt. Die „Malfabrik“ würde heute „Wellenreiter“ heißen. Es hätte passieren können.
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Ein Hilfsmittel zum Zeichnen, dass seine Blütezeit in derselben Epoche wie mein eigenes Markenzeichen, die Kindermalschablone, erlebte: den 1970er-Jahren. Die eigene Kindheit. Oft benutzt, sehr vertraut. Faszinierend komplex. Simple Regeln. Unendliche Möglichkeiten.
Der Spirograph: Eine Schachtel mit einem großen Zahnradrahmen. Mit vielen Zahnrädern aus Plastik, in unterschiedlichen Grössen. Innerhalb der Räder viele kleine Löcher, zum Hineinpieksen mit dem Bleistift. Bedient man die wacklige Konstruktion korrekt, entstehen dabei Bilder von beinahe magischer Kraft, überraschender Vielfalt und ornamentaler Schönheit.
Der Künstler steht dabei außerhalb. Er bedient nur statt direkt aktiv zu werden. Die künstlerische Arbeit liegt in der Entscheidung, welche Zahnräder in welcher Kombination benutzt werden sollen. Vor der eigentlichen Ausführung. Diese dient lediglich der Erfüllung des vorher festgelegten Plans.
Treffen zwei Menschen dieselben Entscheidungen, sehen die Ergebnisse gleich aus. Sie unterscheiden sich nur in der Genauigkeit ihrer Ausführung. Mechanisch einfach. Praktisch. Gut.
Jeder Mensch ist ein Künstler. Jedes Kind sowieso.
Als Mathe-As hat mich das Spiel mit den wenigen Regeln, die zu einer unendlichen Vielzahl an Kombinationsmöglichkeiten führen, seit jeher fasziniert (#121: Schach, #102: Tangram). Der Spirograph überträgt dieses Prinzip auf die (Zeichen)Kunst.
Joy in Repitition. Joy in Symmetry. Joy in Circles. Joy in Surfing. Aloha!
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(Dass ein Rahmen gezeichnet wurde, lenkt den Fokus auf ein weiteres Phänomen: Die Frage nach der Präsentation von Kunst; nach dem „Außenrum“. Im musealen Kontext manchmal wichtiger als der Inhalt. Drinnen und Draußen. Sein und Schein. Wie überall.)

Grafik des Systems im geordneten Zustand
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
30 x 21 = 630 Punkte. Geordnet auf einem DIN A4-Blatt. Gleiche Größe, gleicher Abstand. Vier Punkte markieren jeweils einen Quadratzentimeter.
Die Visualisierung des Systems. In einem bestimmten Umfang, zu einem bestimmten Zeitpunkt, in einer bestimmten Ordnung. Einer von vielen Versuchen, „das Ganze“ auf einem Blatt zusammenzufassen (#123: Kachel, #169: 1001 Nacht, #220: Magisches Rechteck).
Das System als Grafik. Jedes Element = 1 Punkt. Mathematisch ausgerichtet. Keine Betonungen, keine Unterscheidungen, keine Individualisierungen. Jedes Teil gleich. Ohne Namen. Ohne Inhalt. Einfachste Form.
Der Überblick von oben. Die Matrix. Zum Durchzählen. Betrachten. Innehalten. Das System als Armee. Stillgestanden!
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(Kleine Aufgabe für die Mathematikstudierten unter uns: Wie groß müsste der Abstand werden, um alle 1000 Punkte auf einem DIN A4-Blatt unterzubringen?)

„Aufgewertete“ Vorzeichnung (vgl. Nr. 43)
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
„Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken.“ (Martin Kippenberger, 1984)
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Wieviele Künstler haben sich schon am Nationalsozialsmus und seiner Symbolik abgearbeitet? Anselm Kiefer. Albert Oehlen. Manuel Ocampo. Maurizio Cattelan. Jonathan Meese. Um noch weitere zu nennen.
Die Swastika. Im Hinduismus, Jainismus und Buddhismus bis heute ein religiöses Glückssymbol.
Das Hakenkreuz. Zeichen Alt-Deutschlands. Düster-Germaniens. Symbol dunkelster Jahre in der Geschichte dieses Landes. Entsprechend verpönt. Verhasst. Streng verboten. Selbst das Denken stört sich daran.
Für die Malerei ein schwieriges Terrain. Beinahe so, als wäre es verboten, eine bestimmte Farbe zu malen. Widerspricht dem Medium. Grundsätzlich. Farbe ist Farbe. Form ist Form. Wie darf es da etwas Verbotenes geben?
Weil es bis an den Rand aufgeladen ist? Weil es mißbraucht wurde? Weil die Symbolik die Form völlig überlagert (zumindest hierzulande)? Weil es verharmlosend wirkt, dadurch missverstanden werden könnte? Weil es immer mit 33 bis 45 in Verbindung gebracht wird? Weil es dunkle Mächte beschwört? Weil es eigentlich aus der Erinnerung gelöscht gehört?
Wie mit allem Verbotenem: Es reizt, sich genau dem zu widersetzen. Und sei es bloß, um die Wirkung zu testen. Vielleicht das der Grund, weshalb sich so viele Künstler des Themas annahmen. Missverständnisse vorprogrammiert, der Skandal sowieso. Aufmerksamkeit garantiert.
Nein, es war nicht meine Absicht, ein Hakenkreuz zu malen. Ich wollte nur Punkte verbinden (die Vorstudie zur #044: Stillgestanden!). Es ergab sich rein zufällig. Kaum hatte ich mich versehen, hatte das Unbewusste die verbotene Frucht gepflückt. Schwupps, war das Hakenkreuz da. So etwas Ähnliches zumindest. Zu deutsch, um darüber hinwegsehen zu können.
Ein weiteres Polke-Bild. Statt höheren Wesen befahlen diesmal andere Geister: Aus der entgegengesetzten Richtung.

Schrift-Typ bedingt Inhalt
DIN A4, Inkjet auf Papier, 1993
Zukunst. Nicht Zukunft. Man kann es schnell überlesen.
Fraktur, die altdeutsche Schrift. Als 1964er-Jahrgang wurden wir in der Schule damit vertraut (neben dem Sütterlin und der Schreibschrift). Schon immer lispelte ich innerlich, sobald das F auftauchte. Es ist grafisch dem S sehr ähnlich. Nur eine kleine Ausbuchtung rechts am Hals macht den Unterschied. Aus dem Hafen werden schnell die Hasen, aus dem Graf automatisch das Gras. Zumindest erging es mir immer so, beim Lesen.
Philosophisch lässt sich damit die einfache Formel bilden: Zukunst als Zukunft. Selbst wenn diese antik daherkommt. Ein Widerspruch, der zur Kunst wird. Zukünstigen Zweiflern zum Trotz.
Ein Slogan für das Leben.
Für das System.
Für mich.
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Typographie als Gestaltungsmittel. Nicht nur der Inhalt, auch die Type macht das Wort. Die falsche Schrift für das richtige Wort, schon wird aus der Kunsthalle die Imbissbude, aus der Fluglinie das Spielzeugmodell, aus dem Kindergarten der Nazihort.

Vorder- und Rückseite eines Blattes getauscht
DIN A4, Papier, geschnitten und gefalzt, 1993
Ein Blatt Papier hat zwei Seiten. Vorderseite. Rückseite. Bislang zeichnete ich stets auf eine Seite, die andere wurde automatisch als Rückseite definiert, wurde nicht weiter beachtet und war damit unsichtbar. Obwohl sie dieselbe Fläche bietet.
Durch sechs Schnitte und zwei Knicke werden Teile von Vorder- und Rückseite vertauscht. Eine Art Drehtür entsteht. Das Verborgene taucht auf, die natürliche Hierarchie ist aufgebrochen. Das Blatt wird komplett genutzt, im übertragenen Sinne „rund“.
Papier verlässt die ihm zugedachte Zweidimensionalität. Es kann geformt werden, man kann damit sogar kleine Modelle bauen (#056: Titaknick). Es ist nur scheinbar flach, besitzt die dritte Dimension. Selbst wenn diese normalerweise keine Rolle spielt.
Von der Fläche in den Raum. Ihn teilen. Das Wurmloch finden. Abkürzen. Nicht lange außenrum. Der direkte Weg führt durch das Blatt hindurch. Mit Warp-Antrieb. Star Trek lässt grüssen.
Ein kleiner Schnitt für mich, ein großer Schritt für das System.

Grundregel des Systems, in der Vergangenheit bearbeitet
18 x 12,5 x 1,3 cm, Gedichtband, 1993/1991
Die eigene poetische Vergangenheit. Gebündelt in einem Gedichtband. 230 Seiten stark. Gedichtet in den Jahren 1982 bis 1987, im Alter von 17 bis 22. Mit der Schreibmaschine abgetippt. Gesammelt und gebündelt im Sommer 1991, kurz vor meiner achtmonatigen Weltreise.
Nicht ernst zu nehmen, aber wichtig.
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Es war ein langer Weg zum Künstler. Zum Maler, um genau zu sein. Davor lagen der Wunsch Regisseur zu werden (mit 14), Schlagzeuger (mit 16) und Dichter (mit 17).
Erst mit der Zeit setzte sich das eigentliche Talent durch, unterstützt durch viele Reisen und der Erkenntnis, dass ich kein Teamplayer bin (weswegen der Regisseur wegfiel), mir für die musikalische Karriere der Übungsraum fehlte (ohne den es definitiv nicht ging) und ich zwar gerne und ausführlich schrieb, mir aber keine Geschichten einfielen. Weswegen auch die Dichterkappe schnell abgelegt wurde.
Was blieb und mich schon immer begleitet hatte, was aber nie sonderlich ernst genommen wurde, war das Malen. Da ich mit dem Zeichenstift nichts anfangen konnte und schon in der Schule lieber supersaubere, korrekte Farbflächen setzte statt mich an irgendwelchen Modellen zu verkünsteln, verwarf ich früh den Gedanken, ein ausgebildeter bzw. „vollständiger“ Künstler werden zu können. Dafür fehlte es mir schlicht und ergreifend an dem nötigen (Zeichen)Talent. So dachte ich zumindest.
Dass genau diese Eigenheit und vermeintliche Schwäche später zur eigentlichen Stärke, ja zum Markenzeichen werden sollte, dafür brauchte es noch eine Weile. Damals jedenfalls bastelte ich mehr an Worten statt an Leinwänden, rang mit Intonation und Satzabschlüssen, griff mal hierhin, mal dorthin, versuchte mich mit Songtexten genauso wie mit romantisch verklärten Melancholien. Wie man das halt so macht als Dichterlehrling, der zuviel Hesse, Capote und Dostojewski getrunken hatte.
Anfang November des Jahres 1985 dichtete ich etwas, das modern und zeitgemäss aussehen sollte. Unbewusst skizzierte ich einen der Hauptmotoren des Systems, Jahre bevor dieses anfing zu laufen.
Wiederholungen vermeiden. Kopien sowieso. Nicht nur für das System ein wesentlicher Gedanke, sondern für die Kunst allgemein. Was geschehen ist, ist geschehen. Es sollte einen Künstler nicht mehr interessieren. Auf zu neuen Ufern. Die Welt ist groß. Jedem Kapitän seine eigene Insel. Ahoi!

System = Energiequelle, Energiespeicher (Ideenkatalog)
je 5 x 1 cm, 4 Mignon-Batterien, 1993/2009
Ein Element, das bei jeder Präsentation erneuert wird. Frisch. Unverbraucht. Ultra Power.
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4 Mignon-Zellen: Das war früher die Reichweite für den Walkman. Vier Hauptaspekte zählt das System. Vier Jahreszeiten gibt es. Aus vier Elementen besteht das Sein: Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Das System als große Batterie. Als Speicher. Als Lieferant für Kunst. Als Ideen-Pool. Der Tank: Gefüllt. Geladen. Geballt.
Mit jedem neuen Element, mit jeder Verbesserung (#059: Veredelung) steigt der Pegel der gespeicherten Energie. Es hält die Kraft im Innern, strahlt aber nach außen. In diesem Sinne einem Stern, einer Sonne gleich: Leben ensteht nur hier, an der Quelle, im Kern, bei der Schmelze. Alles andere nimmt von hier seinen Ursprung, wird hier geboren.
Das Zentrum der Macht.

Schönster Gegenstand in meinem Besitz
10,5 x 7,8 x 3,5 cm, Perlmutt, Geschenk von 1991
Trotz aller Rationalität bin ich anfällig für schöne Dinge. Das muss nichts Großes sein: Ein schöner Stein, eine schöne Karaffe, schöne Schuhe, ein schönes Kissen. Schwupps. Schon befindet es sich in meinem Besitz. Geld spielt in diesen Fällen eine untergeordnete Rolle.
Das Kästchen wurde mir in Thailand geschenkt. Zum 27. Geburtstag. Silvester 1991. Eine Einlegearbeit aus Perlmutt. Hochglanzlackiert, mit Samt ausgelegt. In seinem Innern können Schmuck, wertvolle Mineralien oder nützliche Dinge Platz finden. Da ich schmucklos lebe, die Steinesammlung jegliche „Kästchen“-Dimension gesprengt hat und die nützlichen Dinge ihre eigene Behausung haben, blieb das Teil immer leer.
Reine Ästhetik. Während alle anderen Gegenstände im System der Verdeutlichung eines Gedankens dienen, etwas symbolisieren oder kleine Skulpturen sind, ist diese Box einfach nur schön. Manchmal genügt das. Manchmal ergibt sich daraus der Sinn.
In späteren Jahren diente die Schatulle als Malvorlage, zudem erinnert das Muster an die Rückseite von Spielkarten. Ornamentik als Inspirationsquelle.
Ein bewegliches Zeichen, das ursprünglich durch den nächst schöneren Gegenstand ersetzt werden sollte. Es kam nie dazu. Vielleicht, weil die Schachtel bis heute seinen Status gehalten hat, vielleicht, weil mittlerweile die Erinnerung an diese besondere (Reise)Zeit den ursprünglichen Gedanken überlagert. In jedem Falle: Gut gemacht, Katrin!

Gruppierte Einzelformen gebären eine neue Form
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
12 Sternzeichen. // 12 Stunden. // 12 Monate. // 12 Apostel. // 12 Geschworene. // 12 Uhr mittags. // 12 Years a Slave. // 12 Monkeys. // Zwölftonmusik.
12 Kreise. Ein Dutzend. Oder eher dreizehn? Wenn man die Formen kreisförmig anordnet, ergibt sich neben den zwölf kleinen ein weiterer Kreis. Der dreizehnte. Die Über-Ordnung.
Die 13 = Unglückszahl in der westlichen Welt. Warum? Weil es die Zahl der Unordnung ist. Diejenige, die alles durcheinander bringt. Chaotisch.
Die 12 ist die Zahl der Ordnung. Nahezu perfekte Symmetrie. Teilbar durch 1, 2, 3, 4, 6 und 12. Die 13 ist eine Primzahl. Sie stört. Mit ihr geht gar nichts.
Im Tarot ist die 13 dem Tod (La Mort) zugeordnet. Die Zahl 13 war die zuallererst gezogene Zahl bei den deutschen Lotto-Ziehungen „6 aus 49“. Seitdem war sie aber in den Samstagsziehungen die seltenste Zahl. (Wikipedia)
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Viele Einzelformen gebären eine neue Form. Die Summe aller Teile ist mehr als die einzelnen Komponenten. Eine Erkenntnis, die tief in den Anfängen des Systems wurzelt. Bereits nach zwei Dutzend Blättern wurde mir klar, dass die Abfolge etwas generiert, das weit über das einzelne Element hinausweist.
Der Systemgedanke war geboren.

Paradoxon
DIN A4, Kugelschreiber auf Papier, 1993
Dieser Satz wurde in russisch geschrieben. Obwohl dort steht: „Dieser Satz ist auf deutsch geschrieben.“ Ein Paradox, dass sich ohne Übersetzung nur für russischsprachige Menschen erschließt.
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Sprache als elementarer Bestandteil der Kommunikation, der Kunst und damit des gesamten Systems. Ohne Sprache geht es nicht.
Aber Sprache ist oft missverständlich, Sprache kann nicht alles leisten, Sprache wird gerne überschätzt. Sprache kann zu ungeahnten Höhenflügen ansetzen – was die gesamte Weltliteratur beweist, Sprache kann aber auch verletzen und töten. Je nachdem, wie und von wem sie eingesetzt wird. Wie sie verstanden wird.
Sprache ist vor allem nicht international. Anders als Bilder bzw. die Kunst. Sie verbindet nur eine kleinere oder größere Gruppe, niemals die gesamte Menschheit. Das ist eine ihrer größten Schwächen. Das führt zwischen den Völkern permanent zu Abgrenzung, Unverständnis und im wahrsten Sinne des Wortes „Sprachlosigkeit“.
Das System ist zutiefst deutsch geprägt. Nicht nur seines geografischen Standpunktes wegen (#072: Made in Germany), sondern weil das Denken in meiner Muttersprache aufgezeichnet wurde.
Andersprachige, die des Deutschen nicht mächtig sind, werden nur einen Bruchteil dessen erfassen, was ausgedrückt wurde. Selbst mit Übersetzung bleiben Sprachwitz und Tiefe oft auf der Strecke. Es ist eine Arbeit, die sich eng an den heimischen Kulturkreis knüpft. Eine Internationalisierung steht noch aus, würde den Kreis aber allenfalls erweitern, niemals komplett schließen. Obwohl ich sie gerne einsetze, misstraue ich der Sprache zutiefst.

Annäherung an die Grenze zwischen Ordnung und Chaos
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Ordnung. Chaos. Ein natürlicher Widerspruch.
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Jeder Künstler kennt das Problem. Ist ein Bild zu ordentlich, wird es schnell langweilig. Ist es zu chaotisch, bleibt die Stringenz auf der Strecke.
Was tun?
Die goldene Mitte finden. Immer und immer wieder. Soviel Chaos, wie geht. Soviel Ordnung, wie nötig. Dazwischen spielt die Kunst.
Jeder Künstler weiß, auf welcher Seite er steht. Wo er hineingeboren wurde. Die Entscheidung wird einem abgenommen. Es ist einfach so.
Der Chaot tut gut daran, sich der Ordnung zu nähern. Der Ordnungsfanatiker sollte das Chaos zulassen. Jeder kommt auf seine Weise zur Kunst. Von seiner Seite. Je dichter man die Grenze zieht – ohne den eigenen Standpunkt zu verlassen (es würde kippen, es täte weh, es wäre nicht mehr authentisch) – desto stärker die Kunst.
So die Sicht der Ordnung. Also dort, wo ich selbst stehe. Der Chaos-Mensch sieht die Sache natürlicherweise anders. Das muss er auch. Das ist Teil des Spiels, Teil des anderen Standpunkts. Aber da kenne ich mich nicht aus.
Tohuwabohu, bitte übernehmen Sie!

Selbsterkenntnis
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Was macht die eigene Persönlichkeit aus? Was prägt das Selbst?
Wer bin Ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich?
Wichtige Fragen, gerade für einen Künstler.
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Oftmals sucht man irgendwo. Im Draußen. Sucht das Außergewöhnliche. Das Besondere. Das Abgefahrene. Das Coole. Das, was einen anders macht. Was sich abhebt vom Rest – (angeblich). Das Unikat.
Entsprechend gibt man sich. Entsprechend redet man. Entsprechend kleidet man sich. Sucht sich die entsprechende Szene. Die entsprechenden Orte. Entsprechende Freunde.
Dabei macht es die Summe aller Teile. Man muss nicht lange suchen. Es braucht das Abgefahrene gar nicht. Das Coole. Es reicht, Eins und Eins zusammenzuzählen. Einfach zu dem zu stehen, was ist. Schon immer da war. In das man hineingewachsen ist. Es gibt nichts, für das man sich schämen müsste. Von dem man Abstand halten müsste.
Die Summe aller Kleinigkeiten baut das Ich. Weil sich nur hier alle Wege kreuzen. So, und nicht anders. Nur dieses eine Mal. Wiederholung ausgeschlossen. Mathematisch beweisbar. Nicht der einzelne Pfad entscheidet oder das einzelne Glied. Sondern die Zusammenstellung. Die Konstellation. Aus den Hundertausenden an Möglichkeiten. Von denen sich jeder seine ganz eigenen sucht. Von Geburt an.
Daher gilt: Das Persönliche ist – das Selbstverständliche. Mensch muss nicht lange danach suchen. Es war schon immer da. Darauf lässt sich bauen. Gerade als Künstler. Om!

„Statthalter“ wird ein eigener künstlerischer Wert zugesprochen
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
„1000 Blatt zur Ewigkeit“. Schon früh war der poetische Name des Systems geboren.
Eintausend. Für mich ein Symbol der Unendlichkeit; der zahllosen Möglichkeiten; des permanenten Unterwegsseins.
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Weil es in seiner Größe danach strebt, nimmt das System immer wieder Bezug zur Zahl 1000. Sei es als Annäherung an die nächstmögliche Potenzzahl (#123: Kachel), als Tableau ohne Rest (#169: 1001 Nacht) oder als 1000 x 1000 (#230: 1 Million).
Erstes Element aus dieser internen Reihe war der 1000 DM-Schein. Er lag am Anfang tatsächlich im System.
Ungeschützt. Echt. Teuer.
Das wertvolle Papier. Im Gegensatz zum wertlosen (wobei allein die Zeit zeigen wird, ob sich dieses Verhältnis eines fernen Tages umdreht).
Jedoch: Das Studentenleben war finanziell prekär, die Leidenschaften groß. Schon bald verschwand das Stück Papier und wurde am Bankschalter in viele kleinere Zahlen getauscht.
Ersatz tat not. „1000 DM“ wurden auf Papier gepinselt, als Statthalter für den eigentlichen Schein. Die nächste Zeichnung war geboren. Das war klar, kaum hatte sie den Stift verlassen. Eine Zeichnung, ohne die Absicht eine zu sein, konnte nur Teil des Systems werden.
Solange es die Finanzen zuließen, lagen von nun an beide 1000 DM-Scheine (das Original und die Fälschung) nebeneinander im System. Nach Präsentationen wurde das Original schnell wieder flüssig gemacht.
Später begnügte ich mich mit der Fälschung. Der Euro hatte die DM abgelöst. Es wurde immer schwieriger, an Original-Geld aus den 1990ern zu gelangen. Denn: 500 Euro-Scheine machen sich schlecht in einem System, dass auf der Zahl 1000 aufbaut. Schon aus diesem Grund habe ich die Umstellung immer gehasst.

Verzeichnis aller bisherigen Präsentationen
2 x DIN A4, Inkjet auf Papier, 1993/2009
Präsentationen sind seit jeher wichtig. Sie sind Reflexion, Kommunikator und Antrieb für das System.
Die erste Präsentation fand im September 1993 statt, das System war gerade einmal 25 Blatt stark. Bezeichnenderweise fand diese in Mannheim statt (nicht in Hamburg, wo ich damals lebte): In der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Dort, wo alles begann. Back to the southern roots.
Ein weiterer Umstand macht diese erste kleine Show legendär: Der allererste Beschauer war tatsächlich Ulf Kallscheidt, heute mein Galerist in Chemnitz. Wer hätte das damals gedacht? Das Leben schreibt einfach die schönsten Geschichten.
Es werden 41 Präsentationen aufgelistet, von Ende 1993 bis Anfang 1997. Danach kam nicht mehr viel. 1995 stürzte ich mich auf die Schablonen, baute die Malfabrik auf und widmete mich wieder verstärkt der Malerei, seit 1997 fast ausschließlich. Das System verschwand weitestgehend aus dem Ausstellungskontext. Es wurde im Herbst 2016 für die vertikale Hängung im Port nach sechs Jahren erstmals wieder reaktiviert.
Jede Präsentation zählt. Sei es auch die kleinste, mit nur einem Betrachter. Verzeichnet wird das Datum der Präsentation, der Ort, an dem diese stattfand, die Grösse des Systems zum damaligen Zeitpunkt und wieviele Elemente daraus gezeigt wurden. Außerdem, ob es sich um das volle System handelte, ob nur ein Teil davon gezeigt wurde, ob es sich um das A-System, das Kernsystem oder den Kern vom Kern handelte.
Exemplarisch wird zudem ein Gast erwähnt. Entweder es war der einzige (was häufiger vorkam) oder es war der für mich wichtigste zum entsprechenden Zeitpunkt. Es finden sich darunter solch illustre Namen wie Dan Graham, Heimo Zobernig, Stanley Brown, Werner Büttner, Bogomir Ecker, KP Brehmer (allesamt Professoren bzw. Gäste zur damaligen Zeit an der HFBK Hamburg), aber auch Stephan Schmitt-Wulffen (damaliger Leiter des Hamburger Kunstvereins), Hans Gercke (damaliger Leiter des Heidelberger Kunstvereins) oder Gesine Petersen (ehemalige Galerie Vorsetzen auf Hamburg-St.Pauli).
Die Liste müsste dringend vervollständigt werden. Es fehlen die Jahre von Anfang 1997 bis 2016. Einfacherweise beschränken sich die Präsentationen in diesem Zeitraum auf höchstens fünf, was mit der nötigen Recherche selbst heute noch hinzubekommen wäre.

Das wichtigste Buch meines Lebens
17,9 x 11,5 x 2 cm, Buch, 1993/1985
Fletcher is my name. Fletcher is the game. Die Meuterei begleitet mich ein Leben lang. Wie oft ich das Buch als Kind und Jugendlicher gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Es muss viele Male gewesen sein. Selbst auf meiner Wanderung anno 1985 hatte ich es bei mir.
Später kamen die Filme dazu. Vor allem die grandiose Inszenierung mit Marlon Brando, 1962. Jahrelang mein absoluter Lieblingsstreifen.
Was aber fasziniert mich daran derart, dass es nicht nur zu meinem Lieblingsbuch wurde, sondern zum Markenzeichen für ein ganzes Leben?
Ist es die Geschichte, das Abenteuer, die Unglaublichkeit der Ereignisse? Der Mut der Besatzung, sich gegen unhaltbare Zustände aufzulehnen, alles hinter sich zu lassen und ohne Rücksicht auf die eigene Zukunft das Unmögliche zu wagen? Oder schlicht und ergreifend das Exotische, die Ferne, das Meer, die Südsee?
Von allem vermutlich etwas.
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Meuterer unterscheiden sich von Piraten. Das ist wichtig. Während erstere Ausgestossene sind, die sich an der Habe anderer bereichern, dabei auch gerne über Leichen gehen, also per se außerhalb des Gesetzes stehen, sind Meuterer diejenigen, die prinzipiell damit konform gehen.
Erst eine außergewöhnliche Situation, ein besonderer Umstand macht sie zu dem, was sie sind. Etwas, das so heftig an Gesetzestreue und Loyalität gegenüber der Obrigkeit rüttelt, dass sie gar nicht anders können, als sich aufzulehnen und zu meutern. Ohne Rücksicht auf eigene Verluste.
Künstler sind das eigentlich von Haus aus. Sie lehnen sich auf gegen Konformität, Gleichschritt, bedingungslose Unterordnung und Eingliederung in ein Gesellschaftssystem, das sie als ungerecht, hierarchisch, korrupt und unfrei, alles in allem also als „schwer renovierungsbedürftig“ empfinden.
Nur: Vor den eigenen Toren macht das oftmals halt. Das Kunstsystem selbst wird gerne ausgeklammert. Die böse Welt mag wohl da draußen sein, in der Kunst hingegen ist alles gut. Pustekuchen!
Gerade in der Kunst spiegelt sich die Gesellschaft um ein Vielfaches. Das ist vielleicht die grösste Erkenntnis, die zwischen dem naiven Bild von damals (als man anfing in die Materie einzutauchen, das Studium begann, die ersten künstlerischen Ausflüge unternahm) und dem Heute liegt.
Auch, weil es um viel Geld geht. Um Macht. Um Einfluss. Um eigene Pfründe. Da sind Anpassung, Duckmäusertum, Radfahrer-Mentalität, Ellenbogen-Denken und Egoismus vorprogrammiert. Sozusagen Tagesgeschäft. Weil sich das Kunst-System in keinster Weise von dem Gesellschafts-System unterscheidet. Im Gegenteil.
Genau hier wäre manchmal die Meuterei vonnöten. Gerade dort bräuchte es Menschen wie Fletcher Christian, die die Klappe aufreißen und gegensteuern. Aufbegehren. Nicht mehr mitmachen. Den Säbel zücken. Klartext reden. Zur Not den Kapitän ins Beiboot verfrachten. Das System als solches bloßstellen. Nicht nur den eigenen Vorteil im Blick haben. Das Ganze sehen. Ohne Rücksicht auf die eigene Karriere oder das eigene Glück.
Doch wer wagt das heute noch?
Deshalb: Als großes Symbol innerhalb der Geschichte, als großes Leitbild und Motiv ist die „Meuterei“ so präsent wie ehedem. Man kann nur hoffen, dass die Fletchers auf dieser Welt niemals aussterben, dass immer wieder ihr Leuchtfeuer auf die Küste trifft. Weil es um Wahrhaftigkeit geht, um Unbeugsamkeit und – letzten Endes – um große Emotionen. Ahoi!

Die Urschablone: Ausgangspunkt der Malfabrik
19 x 26,8 cm, Hartplastik, 1993
Die Tür, durch die ich gegangen bin. Das Element von 1000, das am meisten ausgebaut wurde. Das Etikett, dass meine Malerei seit über 20 Jahren prägt. Von daher: Das wichtigste Glied in der Kette.
Kindermalschablonen.
Herbst 1993. Nachtwache. Hamburg-Alsterdorf. Ich arbeite als Springer und wandere von Wohngruppe zu Wohngruppe; mal einfach, mal schwerer. In einer der heftigeren WGs wurden sämtliche Gegenstände aus dem öffentlichen Bereich entfernt bzw. diese mit Boden, Wand oder Decke verschraubt. Die Halbwertszeit dort ist niedrig, die Bewohner aggressiv.
Entsprechend fällt mir eines Abends ein Gegenstand ins Auge – einer der wenigen, die überhaupt existieren – der blau auf einer Türangel thront. Ich kann ihn zunächst nicht identifizieren. Beim Näherkommen entpuppt er sich als Malschablone mit Lokomotiven, wie ich sei aus meiner Kindheit kenne.
Das System hat gerade Fahrt aufgenommen, die Schablone kommt mir also recht. Ich gliedere sie dem Ganzen an. Als Möglichkeit, damit eines Tages malerisch zu arbeiten.
Es dauert mehr als ein Jahr. Mittlerweile hat sich eine kleine Sammlung der Plastikdinger aufgebaut. Dann sitze ich vor kleinformatigen Arbeiten, komme nicht weiter und entsinne mich der Schablonen. Das erste Bild der Malfabrik entsteht. Es ist die Wohnzimmer-Schablone, die zum Einsatz kommt.
Die Sammlung hat längst die 10.000er-Marke überschritten. Eine ganze Wand im Atelier ist gefüllt mit Kisten und Schablonen aller Art. Weltweit zusammengetragen. Aus allen Zeiten, von 1876 bis heute. Freunde bringen regelmässig Schätze aus Urlaubsgebieten, in Deutschland selbst werde ich kaum noch fündig.
2003 wird die ohnehin starke Sammlung durch den Einsatz von Ebay innerhalb weniger Monate mehr als verdoppelt. Es ist der endgültige Durchbruch. Zigtausende an Euros stecken in den kleinen Stanzungen.
Die Malfabrik. Zehn Blöcke existieren mittlerweile, jeder Block umfasst zwischen 32 und 119 Bilder. Hunderte Werke wurden seit 1995 mit den Schablonen verfertigt, jedes in der Größe zwischen DIN A4 und Plakatwand.
Für das System ist der Beweis erbracht. So war es gedacht. 1000 Möglichkeiten. Eine Setzung. Das Element, auf welches ich mich konzentriere. Aus dem alles weitere entsteht.
Das erste Kind. Geboren aus dem System.
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völlige Reduktion auf die Systemstelle
ca. DIN A4, Nix auf Nix, 1993
Wie groß ist das Nichts? Wie misst man Unendlichkeit? Wieviel wiegt Luft? Was liegt zwischen den Sternen?
Was definiert Abwesenheit? Wie kommt diese zum Ausdruck?
Was liegt zwischen den Elementen? Was davor? Was dahinter? Was daneben?
Wer ist der Mensch, wenn er still steht? Wenn er nicht denkt.
Die Lücke. Nichts da. Oder doch?
Es ist jedenfalls nichts sichtbar. Doch die Stelle ist klar definiert. Benennbar. Es ist der Punkt, wo es anders ist als sonst. Im System, wie im Leben. Von daher dem Rest ähnlich. Per definitionem: Es unterscheidet sich von allen anderen Elementen. An seiner spezifischen Stelle.
Das Meditationszeichen innerhalb des Systems. Dort, wo es still wird. Alles zur Ruhe kommt. Kein Blatt. Kein Objekt. Kein Gedanke. Keine Idee.
Nichts – außer die blanke Wand.
Kein Gedanke? Keine Idee?
Oh, doch. Ansonsten wäre die Lücke nicht vorhanden. Auch das Nichts kann etwas sein. Der Beweis wird hiermit erbracht. Es wird definiert durch das Umfeld. Ausdruck einer Matrix, die das Ganze von hinten steuert. Kaum sichtbar, aber da. Ähnlich den Gravitationswellen im Universum.
Allerdings: Ohne das Drumherum verliert die Lücke ihre Bestimmung. Es ist das einzige Element, was ohne die anderen nicht sein kann. Noch nicht einmal existiert. Ohne System keine Lücke. Ohne Ja kein Nein. Ohne Sprache kein Schweigen. Ohne Spiel keine Pause.
41 x 41 cm. Die Grösse des Feldes, das jedem Element auf der Wand im Port zur Verfügung stand. 27 x 9 Felder = 243 Stellen. 3,69 x 11,07 Meter gesamt. Mathematisch korrekt. Sichtbar gemacht durch feine Bleistiftlinien, die vor der Montage auf die Wand gebracht wurden. Kaum wahrnehmbar. Nur aus der Nähe erkennbar.
41 x 41 cm. Stabilisiert durch das Kreuz, das diagonal von Ecke zu Ecke läuft. Das System bekommt Halt. In der Lücke wird Gott sichtbar.

Eigenbefehl
DIN A4, Inkjet auf Papier, 1993
Manchmal müssen Dinge getan werden. Egal wie sie ausgehen. Manchmal steht das Handeln über dem Denken.
Es gibt Situationen, die keine Wahlmöglichkeit lassen. Dann muss reagiert werden. In der Malerei genauso wie im Leben. Deswegen steht dieser Spruch symbolisch für beide Aspekte. Eigenbefehl.
Das erste Mal, dass Schrift als Computerausdruck erscheint. Zur Zeit seiner Entstehung noch keine Selbstverständlichkeit. („Die Künstlerliste existierte zwar vorher, wurde aber erst später digitalisiert“.) Die Materialfrage wird damit um eine neue Möglichkeit bereichert.
Der Spruch könnte sowohl Ausstellungstitel sein, als auch Leitmotiv für das gesamte System: Wie oft wollte die Faulheit über den Impuls siegen, die Gedanken und Ideen aufzuschreiben, die einem spontan in den Sinn kamen. Nur, weil man sich ständig zum „machen“ zwang, existiert das System überhaupt in der heutigen Form.
Das erste Element, das alle vier Aspekte des Systems abdeckt:
Malerei = wenn nichts mehr geht: Machen! (egal, was passiert)
Material = Computerausdruck
System = bezeichnet einen Teil der Dynamik
Zeit = Eigenbefehl

Spontane Änderung einer Zeichnung aufgrund aktueller Reize
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Es sollten eigentlich konzentrische Kreise werden. Angefangen am Blattrand. Parallel dazu lief – wie immer zur damaligen Zeit – Raumschiff Enterprise im TV. Ich war gerade aufgestanden, das Frühstück wartete. 15:00 Uhr. Die Nachtwachentätigkeit forderte ihren eigenen Rhythmus.
Das Brötchen in der Hand wurde der erste Kringel gesetzt. Da ertönte die Stimme von Mr. Spock: „Poesie ist hier nicht erwünscht.“ Es klang wie Donnerhall. Es klang an mich gerichtet. Erschrocken hielt ich inne.
Die Zeichnung änderte sofort die Richtung. Statt weiterer Kreise wurde Spocks Aussage zum Thema. Sozusagen ein „Höhere Wesen befahlen“-Bild. Nur, dass die höheren Wesen diesmal aus dem Fernseher kamen. Polke lässt auch hier grüssen.
Natürlich macht der Spruch Sinn: Für das System sollen strenge Regeln gelten. Mathematisch korrekt, wissenschaftlich untermauert. Poesie ist hier wirklich fehl am Platze, wenn auch nicht völlig auszuschließen. Recht gehabt, Mr. Spock!

Die Million um eine Woche verpaßt
16,9 x 20,6 cm, Lottoschein, beklebt, 1993
Lotto am Samstag. 38. Veranstaltung vom 25. September 1993. Gezogen werden die Zahlen: 12 – 24 – 32 – 36 – 40 – 42. Die Superzahl ist 1.
Es ist der Sechser de Luxe. Ein Gewinn von über 6 Mio. DM…
… hätte ich den Schein eine Woche früher abgegeben. Meine Zahlen gelten leider für die 39. Veranstaltung, eine Woche später.
So bleibt nur die Erkenntnis, dass man mal wieder zu spät kommt. Ein Drama, dass sich durch das ganze Leben zieht. Ein Sport-Almanach (aus „Zurück in die Zukunft“) wäre manchmal nicht schlecht.
Zwei parallele Zeitpfeile, um eine Woche verschoben. Bevor das grosse Mitleid aufkommt: Es ist jederzeit wiederholbar. Just try it!

Die Million um eine Woche verpaßt
16,9 x 20,6 cm, Lottoschein, beklebt, 993
Blatt und Objekt werden kombiniert. Eine Eigenschaft von Papier ( = es wellt sich bzw. fliegt bei Wind weg) bedingt die Zeichnung ( = un-ten-blei-ben); sowie die Gegenstände ( = 4 Magnete), die dafür sorgen, dass das Blatt am Boden bleibt.
Des öfteren musste ich bei den Bodenpräsentationen feststellen, dass einzelne Blätter durch Luftfeuchtigkeit vom Boden abhoben bzw. bei allzu rasantem Schritt oder Zugluft aus der angestammten Ordnung flogen. Darauf musste reagiert werden.
Ein Systemelement, deren Sinn sich allein am Boden erschließt. In der Senkrechten verliert es seine ursprüngliche Bedeutung und wurde von kleinen Magneten an der Wand gehalten (die großen waren zu schwer und fielen ab).
Es blieb dem Kernsystem dennoch erhalten, da es generelle Fragen zur Präsentation stellt, egal ob diese horizontal oder vertikal verläuft. Bei der Wandpräsentation musste anderes geklärt werden: Wie mit denjenigen Blättern umgehen, die nicht in den DIN A4-Rahmen passten oder dafür aus anderen Gründen ungeeignet schienen?
Die Lösung bei den meisten war dann tatsächlich die Magnetvariante, wenn diese auch viel kleiner und subtiler ausfiel. Die Antwort lag also in den Anfängen des Systems, obwohl sich die Frage damals gar nicht gestellt hatte.
„Faszinierend!“, würde Mr. Spock sagen.

Durchschlagpapier der Schreibmaschine; Paradoxon
DIN A4, Eddingpunkte auf geprägtem Papier, 1993
Punktieren statt Striche ziehen.
Da ich auf der Schreibmaschine häufig mit zwei Blättern hintereinander arbeitete (ein Trick, den ich mir bei meinem Vater abgeschaut hatte, um die Gummiwalze zu schonen), rückte irgendwann „das Blatt dahinter“ in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Das Durchschlagpapier war von den vielen Einschlägen der Lettern durchwirkt, die Dehnbarkeit von Papier deutlich sichtbar. Streicht man mit der Hand über die Oberfläche, kann man die Riffelungen fühlen. Meine Handschrift wurde punktiert darüber gelegt, sie läuft mit dem vorgegebenen Prägemuster kongruent.
Ein Symbol. Nicht nur für die Kunst, sondern für das Leben. Wo die persönliche Geschichte ebenfalls von Prägungen abhängt; mit der Freiheit, welchen Vorgaben man folgt und wie man diese für sich gestaltet.
Zeitnah wurde in einer TV-Sendung über die Tätowierkunst der Südseeinsulaner berichtet; in diesem Zusammenhang tauchte der Begriff „Kraftlinien“ auf. Viele Punkte, die zu Linien werden. Ein Paradox, das mich reizte. Zudem passte der Titel gut als Headline für die Anfänge des Systems, den Linienzeichnungen.

Grafische Darstellung der Verdichtung des Systems
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Solange ich lebe, lebt das System. Es verändert sich permanent. Wiederholungen werden aussortiert, Blätter durch Gegenstände ersetzt, einzelne Gedanken präzisiert oder mehrere Ideen auf einem Blatt zusammengezogen (vgl. #015: Erst alles falsch machen, dann wird es schon richtig.).
Es ist die Verdichtung eines offen gesetzten Systems: Konkretisieren. Kürzen. Komprimieren. Wo sich eine Baustelle auftut, wird daran gearbeitet. Wo eine Lücke sichtbar wird, wird diese geschlossen. Stetig steigt der Energiegehalt (vgl. #048: Batterien).
Die vielen Teile werden so immer kompakter. Ähnlich einem chemischen Element, das sich durch ständige Erhöhung der Protonenzahl in seinem Kern verändert; dadurch energievoller, massereicher, „schwerer“ wird.
Das System als Konzentration auf Wesentliches. Etwas, das ständig überprüft + ggf. verändert wird. Maximale Leistung bei minimalster Ausbreitung.
„Lücken schließen!“ als Logo für das gesamte System. Zur Jahresausstellung 1994 an der HFBK Hamburg wurde das Teil aus Dachlatten in 3 x 3 m-Grösse nachgebaut und im Aulavorraum als Wandobjekt präsentiert.

…
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Das Ich als Zentrum der Weltanschauung. Die Losung jeden Künstlers. Es geht nicht anders. Er muss Mittelpunkt sein. Er selbst gestaltet seine Welt. Er selbst entscheidet, wie groß die Welt wird, in der er sich bewegt.
In diesem Sinne steht der Künstler stellvertretend für den Menschen. Jeder Mensch erschafft sich seine Wirklichkeit selbst. Jeder Mensch ist Mittelpunkt seiner Welt.
Die Welt besteht aus lauter Mittelpunkten. Sie wird größer mit jedem neuen Menschen, jedem neuen Standpunkt, jedem neuen Blickwinkel innerhalb des Systems Erde/Leben/Bewusstsein/Kommunikation (vgl. #011: Welt).
Folglich ist jeder Punkt zugleich Zentrum. Es gibt kein Außen, kein Innen, kein Daneben, kein „nur Dabei“. Alles ist von Bedeutung, alles definiert das Gesamte, alles ist Welt. Es sind allein die persönlichen Koordinaten, die den Unterschied definieren, Individualität bestimmen, die eigene Sicht von all den anderen unterscheiden.

Druckvorlage; Zeichnung illustriert die Motorik des Systems
DIN A4, bedrucktes Zeitschriftenpapier, 1993
Phantastische Konstruktion: Das Perpetuum Mobile von Jacobo de Strada hält die Verstandesmühlen in Schwung.
Jacopo Strada (* 1507 in Mantua; † 1588 in Prag) war ein italienischer Gelehrter, Maler, Architekt, Goldschmied, Numismatiker, Schriftsteller und Kunstsammler. Darüber hinaus war er ein Erfinder von Wasserwerken und anderer Maschinen – all dies und dazu offenbar ein vollendeter Höfling. (Wikipedia)
Die erste Druckvorlage im System. Zeitungsseite, ausgerissen.
Die Zeichnung symbolisiert die Motorik des Systems: Etwas, das nie stillsteht. Das sich ständig weiterdreht. Das seine Dynamik aus sich selbst gewinnt, sich selbst am Leben erhält. Das nie zu einem Ende gelangt. Bis zum Tod (unter Umständen selbst dann nicht).
Es war die Zeit, wo intensiv nach malerischen Vorlagen gesucht wurde. Zeichnungen, Grafiken, Stiche, die sich für die Projektion eigneten und mit dem Overhead malerisch weiterverarbeiten ließen.
Polke lässt auch hier grüssen. Es hätte ihm zumindestens gefallen. Das Perpetuum Mobile. Neben der grafischen Eleganz verbindet es vor allem eines: Kopf mit Herz. Maschine mit Handwerk. Verstand mit Phantastik.

Geburtstag des Urhebers, Tag der Herstellung, Tag des Betrachtens
DIN A4, Edding auf Papier, 1993/2009
Der Faktor Zeit als wichtige Grundvoraussetzung für das System. Das Thema Zeit wird selbst zur Zeichnung.
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Das Geburtsdatum des Künstlers. Weil, ohne den Künstler = keine Zeichnung.
Das Datum der Anfertigung der Zeichnung. Weil, ohne die Zeichnung = keine Zeichnung.
Der Tag der Betrachtung (variables Zeichen). Weil, ohne den Betrachter = kein Erfassen, folglich keine Komunikation (also auch keine Zeichnung? das wäre hiermit die Frage).
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Die beiden ersten Daten sind fix und beziehen sich auf den Urheber der Zeichnung, das dritte Datum verschiebt sich innerhalb der Zeit und betrifft den Betrachter (der wiederum identisch mit dem Urheber sein kann). Es ist die verklausulierte Quantenmechanik innerhalb des Systems.
Ausgeführt in Schablonenschrift, Jahre vor der Malfabrik. Von nun an wird es immer wichtiger, Schrift innerhalb des Systems in unterschiedlichen Ausführungen anzulegen (vgl. #040: Ich hasse Wiederholungen).

Alle Länder, in denen sich Konstantin Voit aufgehalten hat
DIN A4, bedrucktes Papier/Karton, 1993/2007
„Schön ist die Welt, drum Brüder lasst uns reisen.“ Diesem Leitspruch folgte ich ausgiebig, speziell in den 1980er- und 1990er-Jahren.
Vier Reisen stehen dabei exemplarisch für all meine Bewegungen innerhalb der Geokoordinaten; weitere gab es viele.
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1985: Wanderung von Mannheim zum Genfer See (3 Monate).
1988: Reise auf die Malediven, nach Singapur und Indonesien, speziell auf Java und Bali (3 Monate).
1991/92: Weltreise nach Thailand, auf die Philippinen, nach Australien und in die Südsee: Fiji, Cooks, Tahiti (8 Monate).
1999: Reise nach Mexiko und Guatemala (1 Monat).
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Das Reisen war schon immer ein wichtiger Teil der Selbstfindung. Erst wurde das Schreiben geschärft, später das Sehen. Bis heute träume ich regelmässig und hauptsächlich von fremden Ländern, mit den entsprechenden Abenteuern.
Landkarten haben mich bereits als Kind fasziniert. Klappt man diese hier auf, finden sich alle von mir besuchten Orte weltweit, incl. der dazugehörigen Flugbewegungen. Es ist ein veränderliches Zeichen, das bei Bedarf gerne ergänzt wird; es könnte auch offen präsentiert werden.
Die Karte selbst stammt aus meiner WG in HH-Borgfelde, wo sich drei sehr unterschiedliche Jungs regelmässig die Köpfe einschlugen, bis ich nach einem guten Jahr die Konsequenzen und ins unbeheizte Atelier zog.

Das Ende einer größen Liebe
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Die Unmöglichkeit, das Unmögliche möglich zu machen. Ausgedrückt in sechs Worten. Darüber eine Form: Quadrat. Wobei die dargestellte Form nicht der sprachlich benannten entspricht: Kreis.
Eckig. Rund. Unterschiedlicher könnte ein Widerspruch kaum sein.
Unterschiedlicher könnte auch das nicht sein, was man einem bestimmten Menschen zu einer bestimmten Zeit eigentlich zum Ausdruck bringen wollte; und dem, was schließlich zum Ausdruck kam.
Völlige Konfusion, völlige Ohnmacht gegenüber dem Raum zwischen den Worten, der aus Nähe, Distanz, aus Offenheit, Krisen und aus Kreisen Quadrate macht. Jeder kennt vermutlich das Phänomen.
Es war das Ende einer großen Liebe. Zwei Jahre, zusammengefasst in einer Zeichnung. Polke lässt grüssen.

Alle Künstler, die Einfluss auf die eigene Arbeit hatten (1998)
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1993/1998
Alle Künster(innen), die Einfluss auf die eigene Arbeit hatten. Stand 1993, ergänzt 1998. Der gesamte Kunstkanon während einer bestimmten Zeit. Es sind auch Positionen dabei, die mir nicht direkt nahe stehen, mit denen ich mich aber auseinandersetzte – oft in Folge, dass genau der gegensätzliche Ansatz gestärkt wurde („Joy in Contradiction“).
Interessanterweise tauchen Namen auf, die heute in der Kunstwelt Allgemeingut sind. Damals kannte sie kein Mensch. Geschuldet der Tatsache, dass sie mit mir studierten und noch keine Weltstars waren. John Bock und Jonathan Meese sind Beispiele dafür.
1993 bzw. 1998 war es relativ einfach, den Überblick zu gewinnen. Die Positionen waren überschaubar; es gab das Internet nicht. Heute flattern täglich neue Namen herein, plus dazugehörigem Werk. Es ist nahezu unmöglich geworden, sich aller künstlerischen Positionen bewusst zu werden, durch deren Beschau sich der eigene Standpunkt entwickelt und geformt hat. Speziell dann, wenn diejenigen dabei sein sollen, die einem künstlerisch nicht sonderlich nahe stehen.
Wir schreiben das Jahr 2016. Nach der letzten Aktualisierung der Liste sind fast 20 Jahre vergangen. Zudem ist das JPG schlecht lesbar. Eine Überarbeitung tut also not.
Damals zählte ich alle Künstler(innen) auf, die meine künstlerische Entwicklung beeinflussten. Heute wähle ich daraus jene, die in der Auseinandersetzung immer noch eine Rolle spielen. Ausgehend von der Liste 1998 – also 18 Jahre später.
Es fehlen also ganz viele Namen. Viele neue sind hinzugekommen. Das allerdings wäre eine ganz eigene Arbeit.
Adamski // Bächli // Baselitz // Beuys // Bleckner // Böcklin // Bömmels // Boetti // Boltanski // Bonnard // Borofsky // Bosch // Botticelli // Brandl // Brehmer // Büttner // Buren // Buthe // Byars // Cezanne // Christo & Jeanne Claude // Clemente // Dali // Deacon // Dokoupil // Dreher // Dubuffet // Duchamp // Dürer // Fetting // Fischli & Weiß // Förg // Frize // Gaudi // Gauguin // Giger // Gilbert & George // Graham // Graubner // Gursky // Herold // Hesse // Hirst // Hockney // Hodgkin // Hodler // Hödicke // Hoehme // Holzer // Hopper // Horn // Huber // Hundertwasser // Hutter // Immendorf // Jawlenksy // Jensen // Kandinsky // Kawara // Kelm // Kiefer // Kippenberger // Kirchner // Kirkeby // Klapheck // Klee // Klein // Klimt // Knoebel // Koberling // Koons // Kosuth // Kooning // Kounellis // Kühn // Laib // LeWitt // Lichtenstein // Lorrain // Macke // Marc // Matisse // Matthews // Meese // Middendorf // Moldenhauer // Monet // Morandi // Mosny // Mullican // Munch // Ocampos // Oldenburg // Oehlen, A. // Oehlen, M. // Oelze // O´Keefe // Opalka // Paeffgen // Palermo // Pechstein // Penck // Picabia // Polke // Pollock // Richter // Rollins & KOS / Rousseau // Salle // Salome // Salvo // Sandfort // Schiele // Schindler // Schnabel // Schnyder // Schoofs // Schultze // Schumacher // Seurat // Sonderborg // Stella // Tapies // Trockel // Twombly // Ulrichs // Van Gogh // Vasarely // Vermeer // Viola // Walther // Warhol // Wesselmann // Whiteread // Zimmer

Verändern der Oberfläche durch Zusammenpressen; Gewalt
DIN A4, Schreibmaschine auf zerknülltem Papier, 1993
Eine der Grunderkenntnisse in Kunst und Malerei: Wenn alles verloren scheint, alles schief gegangen ist, die letzte Hoffnung stirbt, wird manchmal frei, was der Künstler den „magischen Moment“ nennt. Im Nachhinein.
Aus der Verzweiflung wird dann Tat und aus der Tat entspringt der Funke. Das Lockere, das Ungewöhnliche, das Gewagte. Eben Kunst. Manchmal nicht anders zu erreichen als – nach endlosem Ringen mit dem Bild, dem ständigem Auf- und Abbau von Farbe und Form – mit einem einzigen Pinselschwung, einer letzten Geste, das Unausweichliche doch noch abzuwenden. Das Scheitern.
Erst alles falsch machen, dann wird es schon richtig.
Es gelingt nicht immer. Aber oft. Es kann auch nicht bewusst gesteuert werden. Es muss aus dem tiefen Gefühl absoluter (echter!) Verzweiflung kommen. Ein altes indianisches Sprichwort besagt: „Erst wenn die letzte Leinwand gespannt, die letzte Farbe getrocknet, der letzte Pinsel gewaschen ist, wirst du merken, dass man Kunst nicht erzwingen kann.“ So, oder so ähnlich jedenfalls.
Ein Systemelement, dass ursprünglich aus zwei singulären Ideen bestand: Zur Materialfrage das zerknüllte Blatt; der schlaue Spruch für die Sprüchesammlung. In einem Akt der Erkenntnis, Jahre später, wurde aus beiden eines. Weil zusammengehört, was zusammenpasst. Ein Prinzip des gesamten Systems – die Optimierung bzw. „Veredelung“ (vgl. #060).

Mythos; Tabu; Sündenfall; Selbstkontrolle
8 x 5 cm, bedruckter Karton, 1993
Die Spielerkarriere begann früh. Bereits im Alter von 12 Jahren traf ich mit meinem Fussball-Fachwissen 5 Richtige in der Auswahlwette (6 aus 45) und gewann 1.500 DM. Für damalige Verhältnisse eine Riesensumme. Die Familie wurde beteiligt und das erste Cassettenradio angeschafft.
Jahre später gibt es der Spieler-Stories genug. Glückliche und weniger glückliche: In Australien gewann ich mit Pferdewetten 6 Wochen Südsee; ins Casino Baden-Baden fuhr ich mit dem Taxi vor, danach ging’s zu Fuß zum Bahnhof, weil das Geld für den Bus nicht reichte; in Hamburg tippte ich wintertags auf sieben Unentschieden – nach vier Richtigen wurden die restlichen Partien abgesagt: 2.000 DM mehr im Geldbeutel.
Selbst mit den Rubbellosen, bei denen normalerweise nicht mehr als der Einsatz drin ist, räumte ich 100 DM ab. Heutzutage haben ausgeklügelte Sportwetten das gute, alte Toto Lotto ersetzt, aber süchtig nach dem Kick bin ich immer noch. Es gibt Karrieren, die neben der beruflichen existieren. Die Spielerkarriere ist eine davon. Keine Frage.
Was hat das alles mit der Kunst zu tun?
Nun, als großes Symbol: Einmal der Verweis auf die eigene Leidenschaft. Dann das Verschlüsselungs-Prinzip. Das nicht alles sofort sichtbar ist. Die Spannung, die sich daraus ergibt.
Geforderte Selbstkontrolle. Nicht nachzuschauen, ob sich die 25.000 Taler vielleicht doch unter den versiegelten Feldern verbergen; über einen längeren Zeitraum hinweg immer schwieriger.
Ein Tabu-Feld innerhalb des Systems, das nicht berührt werden darf. Der Sündenfall, wenn man es täte. Ähnlich dem Apfel im Paradies, der verboten war. Heute allerdings wäre ein Gewinn ungültig, die Frucht längst verdorben.
Irgendwann fragte jemand, ob es ein versteckter sexueller Hinweis sei. Die Frage darf sich jeder gerne selbst beantworten. Sie bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage nach dem möglichen Gewinn.

Fremdzeichnung, Kinderzeichnung
19 x 14,8 cm, Kugelschreiber auf Schreibblock, 1993/1988
1989. Leinfelden-Echterdingen. Bei Stuttgart. Ich bereitete mich intensiv auf die Mappenprüfung an den deutschen Kunsthochschulen vor. Fünf Mappen, verteilt an neun Akademien, sollten es schlußendlich werden. Das Ergebnis: 3 x Annahme, 3 x Prüfung, 3 x Absage. Danach war klar, dass ich nach Hamburg gehen würde.
Die Land-WG, in die es mich verschlagen hatte, war ein buntes Völkchen. Wir hausten zwischen Spraydosen, Heißluftballonhüllen und dem wackligen Frühstücktisch im verwilderten Garten, mit alten Äpfelbäumen und einer Scheuer, die mir auch als Lagerstatt diente.
Unter den häufigen Gästen der damaligen Zeit eine junge Mutter mit ihrer 3-jährigen Tochter. Ronja. Heute wird sie über 30 sein.
Irgendwann entdeckte ich im Müll einen Block, der komplett bekritzelt und bemalt war. Als frisch gebackener Informel-Zögling, stark beeinflusst von der Stuttgarter Akademie, sprangen mir die ungelenken Linien und Zeichnungen sofort ins Auge. Schoofs, Schumacher, Tapies und Gonn Mosny waren damals die Helden.
Beim Durchblättern blieb ich vor allem an einer Zeichnung hängen. Offenbar schaute dort eine Ente mit fasziniertem Blick in die Weiten des Weltalls, wo sich eine Traube Sterne um eine mächtige Galaxie scharte. Eine faszinierende Landschaftsinterpretation. Seltsam abstrahiert, doch so klar und deutlich, das jede andere Deutung auszuschließen war.
Ich schwatzte das dünne Heftchen den Eigentümerinnen ab (immerhin lag es bereits im Müll) und verwendete – neben einigem anderem – speziell diese Zeichnung für eines meiner ersten Großformate am Hamburger Lerchenfeld.
„Hochziehen & Drüberlegen“ (siehe A-System, #??) war damals ein geflügelter Begriff unter uns Malern. Gemeint war das starke Vergrößern kleiner Zeichnungen oder anderweitiger Vorlagen, um diese später mit dem Overhead im Tafelbild zu verwursten. Gedacht. Getan.
Es ist die erste Fremdzeichnung, die im System Einzug hielt. Nach der Eisenbahn-Zeichnung (#010) eine weitere Kinderzeichnung; Urheberschaft noch jünger, nicht von mir selbst ausgeführt.

Subtraktion des Bildträgers (hier: Schneiden)
17,5 x 9,7 cm, Papier, geschnitten, 1993
Seit jeher faszinieren mich Muster und Ornamentik. Ebenso die Tribals oder Tätowierkünste der indigenen Stämme Südamerikas oder Neuseelands.
Bereits im Mittelalter gab es „Tribals“, nur dass man sie damals nicht auf die Haut stach, sondern in der Baukunst oder im Buchdruck verwendete.
Solch ein „Tribal“ fiel mir in einem Buch über historische Ornamente in die Hände. Ein drachenähnlicher Vogel, der sich scheinbar selbst auffrisst. Russisches Mittelalter.
Offensichtlich zwei Teile, die zusammengehören. Ineinander verschlungen. Keinerlei direkten Verbindungspunkte. Außer dort, wo der Kopf mit dem garstigen Auge, dem spitzen Schnabel und einem offensichtlich hungrigen Maul den Hals packt. Der obere Teil fängt an den unteren zu verschlingen. Der Abraxas aus Hesses „Demian“. Welch eine Symbolik.
Der immerwährende Kampf zwischen Gefühl und Verstand? Kopf und Bauch? Männlich und weiblich? Gut und böse? Die duale Form lässt vielerlei Interpretationen zu. Faszinierend ist sie allemal. Wer genauer schaut, erkennt, das es sogar drei bzw. vier Teile sind.
Es ist mein Meditationszeichen und tatsächlich das einzige Tattoo, dass ich mir stechen lassen würde. Im fortschreitenden Alter trotzdem keine gute Idee.
Die Form wurde kopiert und hinterher ausgeschnitten, so dass auch die Materialfrage neu beantwortet wurde.

Schlagzeile einer potentiellen Reise („Große Seitenstraße“)
DIN A4, Schreibmaschine auf Papier, 1993
Große Seitenstraße. Eine Tür. Wäre ich hindurch gegangen, gäbe es vermutlich weder System noch Malfabrik. Dann wäre ich entweder zu Fuß um die Welt unterwegs, Häuptling auf einer Südseeinsel, oder tot.
Im Frühjahr 1985 – das Abi lag hinter mir, der Zivildienst vor mir – lief ich zu Fuss von Mannheim zum Genfer See. Drei Monate lang. Zusammen mit meinem Begleiter Ferry, Pudelmischling, der am Fuße des Les Diablerets im Kanton Vaud ums Leben kam. Womit diese Reise ihr tragisches Ende fand.
Ich führte damals intensiv Tagebuch, die Geburt des Künstlers. Auch wenn die Ausdrucksmöglichkeiten noch andere waren. Seither begleitete mich der Gedanke, Ähnliches zu wiederholen, dem Ganzen die Krone aufzusetzen (da haben wir ihn erneut, den Größenwahn): Einmal zu Fuß rund um die Welt.
Vor, während und nach meiner Weltreise 1991/92 konkretisierte sich der Plan. Sorgsam wurden Karten studiert, Verdienstmöglichkeiten gecheckt, die politische Lage beobachtet; recherchiert, ob solch ein Unternehmen jemals gelungen war.
Ich stieß auf ein amerikanisches Brüderpaar, die es in den 1970ern probiert hatten. In Afghanistan wurden sie überfallen, der eine Bruder starb, der andere so schwer verletzt, dass er zurück in die USA musste. Er setze die Tour zu einem späteren Zeitpunkt fort. Ob er sein Ziel jemals erreichte, konnte ich nicht in Erfahrung bringen.
Erstes Etappenziel bei mir wäre Singapur gewesen. 1988 auf meiner ersten Asienreise war ich bereits dort. Die Tour hätte durch Deutschland, Österreich, über den Balkan und die Türkei geführt, quer durch den Irak und den Iran, von dort nach Afghanistan, Pakistan nach Indien, über China nach Thailand, später Malaysia und Singapur. Sechs Jahre errechnete ich dafür, ausgehend von meiner Laufgeschwindigkeit Jahre zuvor.
Der Plan wurde nie realisiert, was vielleicht ganz gut war. War die politische Lage schon damals nicht die allerbeste, verschlechterte sie sich zusehends. Heutzutage wäre nicht im Traum zu denken, auch nur eines der fernöstlichen Länder unbeschadet zu überstehen.
Also blieb ich hier, kümmerte mich um Studium und Kunst. Als Lebensweg, als große Alternative zu einem seßhaften Leben wurde der Gedanke im System verankert.

Illustration von „Welt“ respektive „System“
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Was ist die Welt? Was das System? Wer bin ich? Oder wieviele? Zum ersten Mal wird der Systemgedanke visualisiert.
Mit jedem Mensch, mit jedem neuen Systemelement erweitert sich die Welt bzw. wächst das System. An einer spezifischen Stelle. Nur dort. Nirgendwo anders. Nicht wiederholbar (vgl. #079: Dieses Blatt ist einmalig und kann nicht wiederholt werden).
Wie jeder Mensch an nur einer Stelle der Welt stehen kann – mit seinem einmaligen Umfeld, seinen ureigenen Erfahrungen; passiver Beobachter wie aktiver Mitgestalter – so steht jedes Blatt oder Objekt an seiner Stelle im System. Ist Teil davon. Formt es mit. Ergänzt. Verknüpft. Setzt den Punkt.
Jeder neue Mensch lässt die Welt wachsen, jedes neue Element kommt „meiner Welt“ ein Stückchen näher. Das Ende wird nie erreicht, man kann sich ihr nur annähern. Stück für Stück.
Man kann die Lücken schließen (vgl. #024: Lücken schießen!), die Außenkoordinaten verschieben (vgl. #199: Einen Schritt weiter), Zwischenstellen finden (vgl. #179: Komma fünf) oder die Mitte definieren (vgl. #023: Mittelpunkt der Welt).
Man kann so viel wie möglich einfangen (vgl. #164: Netz), umfänglich bzw. detailiert beobachten (vgl. #093: Türspion und #058: Lupe) oder die vorhandenen Teile zusammenbauen (vgl. #214: Puzzle).
Nichts anderes ist der Grundtenor des Systems: Nach außen stülpen, was verborgen war. Bewusstwerdung, ultimative Kommunikation.

Zeichnung des Künstlers als ca. 13-Jähriger
DIN A4, Filzstift auf Karopapier, ca. 1977
Einmal Künstler, immer Künstler? Auf der Suche nach möglichen Malvorlagen fiel mir eine Zeichnung in die Hände, die ich 1978 angefertigt hatte. Im Alter von 13 Jahren.
Meine Eisenbahn-Traumanlage. Spur N. Nachdem ich mit 3 Jahren in die Brio-Holzeisenbahn eingestiegen, mit 6 Jahren zur Lego-Plastikeisenbahn aufgestiegen war. Zum 9. Geburtstag bekam ich eine Startpackung Märklin mini-club der Spurweite Z geschenkt (heute wäre sie mit Originalverpackung ein kleines Vermögen wert). Ein Oval mit Trafo. Eine Dampflok, kurz wie ein Streichholz. Zwei Güterwägen.
Doch die Möglichkeiten waren gering. Also stieg ich um auf Spur N (Maßstab 1:160), wo es mit Arnold, Fleischmann und Minitrix zumindest drei Hersteller-Firmen gab. Spur Z (Maßstab 1:220) wird bis heute ausschließlich von der Firma Märklin hergestellt und war bis zum Jahre 2007 die kleinste industriell in Serie hergestellte Nenngröße für Modelleisenbahnen.
Der Platz war beschränkt, die finanziellen Mittel nicht minder, weswegen es bei der Zeichnung blieb. Mit einer Hauptstrecke oberirdisch ( = rot), einer Hauptstrecke unterirdisch ( = schwarz), einer Schmalspurbahn ( = grün, inzwischen verblasst) und einer Zahnradbahn ( = blau) war diese Komposition üppig bestückt – und das Grauen meines Vaters, dem ich meine Idee stolz präsentierte, damit aber auf wenig Gegenliebe stieß.
Was für die Kunst interessant bleibt: Die Möglichkeit, die Anlage heutzutage mit erhöhtem Budget doch noch zu bauen; die Akribie und Präzision, die schon damals zu den vorherrschenden Eigenschaften zählte; und der offensichtliche Größenwahn, mit der dieser Plan Gestalt annahm (Plattengrösse = 298 x 166 cm). Absurd, angesichts der real existierenden Möglichkeiten des 13jährigen Stellwerkleiters.
Es wurde versucht, ihn zu realisieren. Die Pubertät mit der Interessensverlagerung in Richtung Musik, Reisen und allem anderen, was der Zukunft als Lokführer unzuträglich war, verhinderte jedoch weitere Bauvorhaben.
Der Plan hingegen tauchte Jahre später wieder auf. Es ist die erste und älteste Zeichnung im System. Sie gab den Takt vor für alles, was folgen sollte.

Das Material selbst entwirft die Form
DIN A4, Tusche auf Papier, 1993
Nach dem Zeichnen das Malen. Nach der Ordnung das Chaos.
Kontrollierter Zufall. Farbe wird geschüttet, fliesst zunächst unkontrolliert, später durch bewusste Bewegung des Blattes, mal hierhin, mal dorthin.
Das Material selbst entwirft die Form. Es ist der ursächlich abstrakte Teil der Malerei. Reine Farbe. Befreiung der Form. Pure Lust.
Doch wo der Zufall zuviel wird, das Chaos überhand nimmt, greift die Künstlerhand ein. Nach dem Sturm das sanfte Überarbeiten. Korrekturen bändigen das Chaos, bringen unter Kontrolle, was vorher uferlos schien. Ein Urwald unter Beobachtung.
Eine Tür im System, an der ich ständig horche. Ein Aspekt von Malerei, der im Untergrund schlummert. Selbst wenn vieles aus den vergangenen 20 Jahren nicht danach aussieht und die Ordnung die Regie übernommen hat.
Das Chaos: Es ist nicht tot. Es gibt vorher nur etwas zu erledigen. Dann wird es wiederkehren.
Die Zukunst liebt Überraschungen! (vgl. #042: Zukunst)

Zeichenvorlage; Ready-Made; erste Schablone
10 x 8 cm, Gummi, 1993
Die Schablone vor der Urschablone (vgl. #031), die Ur-Urschablone sozusagen. Das erste Ready-Made im System, das erste Objekt.
Da ich damals Linienzeichnungen anfertigte, die ihren Ausgangspunkt in Alltagsgegenständen hatten (Stuhllehnen, Wasserhähne, Objekte aus TV-Serien etc.), suchte ich gezielt nach geeigneten, interessanten Formen.
Die Seifenablage fiel mir im Badezimmer meines Vaters auf. Vermutlich war es diejenige, die mich schon als Kind begleitet hatte. Nicht nur als Zeichenvorlage interessant, auch haptisch außergewöhnlich.
Der Authentizität wegen quatschte ich das Seifendingens meinem Vater ab und sorgte für Ersatz. Sie wurde im Laufe der Jahre zu einer liebgewordenen Erinnerung an den Haushalt meiner Kindheit und ihn selbst.
Die ursprüngliche Absicht, nämlich das Objekt abzuzeichnen und als Folienkopie auf die Leinwand zu projizieren, ließ ich fallen, als ich merkte, dass der Zwischenschritt über die Zeichnung nicht mehr notwendig war. Das Ding funktionierte auch so auf dem Projektor: Ein nahezu perfektes Oval mit Löchern und Noppen, wobei letztere in der Projektion unsichtbar wurden. Die Gestalt veränderte sich deutlich, sobald von 3D auf Fläche geschaltet wurde. Das war spannend genug.
Zum ersten Mal spielt „Zeit“ bzw. der „persönliche Bezug“ eine Rolle. Neben dem Bezug zur Malerei und der Materialfrage der dritte Motor des Systems.

Schrift unterstützt Zeichnung
DIN A4, Bleistift auf Papier, 1993
Nach dem Ausflug in die reine Materialität (#006: Faltung) zurück zur Linie. Bleistift. Diesmal nicht mit dem Edding nachgefahren, anders als alle Linienzeichnungen vorher.
Das erste Mal kombiniert mit Schrift. Sprache als eigenständiges künstlerisches Element. Das (Kunst-)Wort „Dreifach-Brezel“ unterstützt die Zeichnung, greift direkt in die Wahrnehmung ein, gibt die Richtung vor, in der diese interpretiert werden soll. Einem Titel ähnlich, nur unmittelbarer.
Ohne Schrift nur eine seltsame Form. Entlehnt aus der Elektrotechnik, der Astrophysik, der Keramik. Vielleicht. Der eigentliche Witz zündet nicht. Erst mit der Betitelung wird die Assoziation, die leichte Verschiebung sichtbar.
Statt zwei nunmehr drei Verschlingungen. Ohne brezeltypische „Ärmchen“. Mehr Interpretation des Laugengebäcks als tatsächliche Abbildung. Warum nicht? Der Titel hilft auch hier.
Eine Brezel mit zwei Schlaufen: Bewährt. Vertraut. Eher uninteressant als Vorlage. Erst die Weiterführung, der minimale Sidestep transformiert Altbekanntes in Unerwartetes, Ungewöhnliches, Ungesehenes – in Kunst. Es ist manchmal ganz einfach.

Vollständiger Verzicht auf Zeichenmittel
DIN A4, gefaltetes Papier, 1993
Der völlige Verzicht auf Zeichenmittel. Das Arbeiten mit einer besonderen Eigenschaft von Papier – seiner Faltbarkeit. Eine jahrtausendealte Kunst, im Origami zur Vollendung gereift.
Dem System angegliedert als zweidimensionale Möglichkeit einer Formfindung durch Faltung (die dreidimensionale Variante folgte später mit dem Papierschiffchen, siehe #057: TITAKNICK).
Es geht nicht um die Konstruktion eines Objekts bzw. einer Figur wie im Origami, sonden um die Zeichnung (das Papier wird nach dem Knickprozess wieder entfaltet). Diese entsteht aus dem Material selbst. Schlichter Prozess. Begrenzter Spielraum. Maximale Möglichkeiten.
Die Faltzeichnung selbst könnte, ebenso wie die Linienzeichnungen oder der Kaffeefleck, als Vorlage für Malerei dienen, wurde aber nie eingesetzt.
Diese spezielle (streng symmetrische) Faltung entwirft die Illusion eines Raumes mit Fluchtpunkten, die außerhalb des Blattes liegen, sowie einen Horizont, über den sich die eine Hälfte in der anderen spiegelt.
Ursprünglich recht grob ausgeführt wurde die Faltung zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt und entsprechend professionalisiert. Das vorliegende Blatt lässt sich chronologisch also auf einen späteren Zeitpunkt datieren, die Idee hingegen reicht weit in die Anfänge zurück.

„Unfall“ während des Arbeitsprozesses
DIN A4, Kaffee auf Papier, 1993
DAS SYSTEM nimmt Fahrt auf. Nach Dutzenden „normaler“ Strichzeichnungen – der Unfall. Durchzechte Nacht, ein müder Morgen, die Kaffeetasse kippt um. Bevor der Stift das Papier trifft.
Anfänglicher Ärger weicht Erstaunen. Was einem gutgenährten Außerirdischen mit angelegten Ärmchen und dürrer Antenne ähnelt, sieht interessant aus. Es muss weder verbessert noch ergänzt werden. Der Zufall hat die Regie übernommen.
Es entsteht eine Form, die so gut wie alle anderen als Vorlage für Malerei dienen könnte. Viel spontaner, flüssiger, schneller. Ganz ohne Stift. Ohne Linienkonstrukt. Dem Unfall während der Arbeitssituation wird eine zeichnerische Gültigkeit zugesprochen.
Es ist das erste Mal, dass das Prinzip „Stift auf Papier“ durchbrochen wird. Eine Regelverletzung, die das System öffnet. Hin zur Materialfrage.
Ab sofort werden die Ursprungskomponenten Stift und Papier grundsätzlich hinterfragt: Einerseits das Malmittel (mit welchen weiteren Materialien können Zeichen hinterlassen werden?, braucht es „das Material“ überhaupt?), andererseits den Bildträger, seine physikalischen wie mathematischen Koordinaten (welche Eigenschaften besitzt Papier? wie kann man damit künstlerisch arbeiten? woher kommt das DIN-Format? etc.).
Der zweite Motor des Systems ist angeworfen. Neben der Frage zur Malerei stellt sich die Frage nach der Materialität.

Zeichnung läuft bis zum Rand
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Bei den Zeichnungen aus dem Herbst 1993 ragen einige heraus, die neben ihrer ursprünglichen Absicht eine interessante Form abzubilden, die später in der Malerei Verwendung finden konnte, ein weiteres Element in sich tragen: Etwas Neues. Etwas, das sie von den vorherigen grundsätzlich unterscheidet (nicht nur bei der Formfindung). Ein Umstand, der zu einem Motor des Systems werden sollte.
Die Schlaufen-Zeichnung ist die erste, die (so banal es klingen mag) bis zum Rand des Blattes läuft. Alle Zeichnungen zuvor waren zentriert bzw. so auf dem Papier platziert, das sie nicht über die begrenzte Fläche eines DIN A4-Blattes hinausragten. Keine einzige lief über den Rand.
Da ich das System in seinem Anfangsstadium gerne und oft Freunden zeigte, diente diese Zeichnung witzigerweise meinem heutigen Galeristen aus Chemnitz, Ulf K., bereits 1993 als Ausgangspunkt, eine Kopie davon zu fertigen. Aus dem Gedächtnis zeichnete er die Schlaufenform nach (siehe unten).
Wenig später bekam ich das Blatt geschenkt und gliederte es dem System an. Nachweislich hat seine Schlaufe ihren Ursprung in meiner eigenen Schlaufe. Ein neuer Aspekt, der das System ebenfalls befeuert und antreibt.
Demnach beeinflusst nicht nur die Welt mich, mein Denken und folglich die Kunst, sondern in gleichem Maße umgekehrt: Das System wirkt auf den Betrachter und fordert ihn heraus. In diesem Fall zu eigenen Interpretationen und künstlerischen Reaktionen. Der Kreis schließt sich.

Zeichnung korrespondiert mit Bildträger (= Papier)
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Wo beginnt eine Zeichnung? Wo endet sie? Der Umraum als stilbildendes Element.
Nach einer Serie „normaler“ Linienzeichnungen der entscheidende Schritt, hinein ins Kernsystem. Das Papier selbst wird zum Thema. Weniger Bildträger als vielmehr integraler Bestandteil der ausgeführten Form.
Ein Innen, ein Außen ist nicht zu unterscheiden, ein „darauf“ oder „darunter“ ebensowenig. Es gib kein Daneben, keine äußere Hülle, keine Grenze. Keinen Anfang, kein Ende. Die Zeichnung verbindet sich mit dem Material.
Die Kunst wird damit rund. Eine Bühne existiert nicht mehr. Ebensowenig Drehbuch, Regie oder schauspielerische Elemente. Alles ist wichtig. Alles hat Bedeutung. Alles ist eins.

Dreidimensionale Zeichnung
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
Bereits die zweite Zeichnung während meiner Nachtwachentätigkeit deutete die Möglichkeiten an, die mir DAS SYSTEM bis heute bietet.
Innerhalb eines zuvor gesetzten Rahmens (in diesem Fall: Papier und Stift) verschiedenen Lösungen nachzuforschen, seien die Unterschiede noch so gering oder beinahe unerheblich.
Als „Flachmaler“ suche ich tendenziell nach „Einfachen Lösungen“. An dieser Stelle stehe ich Gauguin näher als Van Gogh (vgl. LUST FOR LIFE von Vincente Minnelli, USA 1956), Matisse näher als Picasso.
Die Illusion von Dreidimensionalität innerhalb der Malerei war mir schon immer suspekt. Weil sie etwas vorgaukelt, was nicht da ist. Den Eindruck von Raum und Tiefe beispielsweise, wo eigentlich nur Farbe und Leinwand sind.
Trotzdem bildet die realistische oder dreidimensionale Darstellung eine Form der Abbildung, die sich grundsätzlich von der Einfachen Variante unterscheidet. Folgerichtig wird diese als Möglichkeit („man könnte“) dem System angedockt.

Zweidimensionale Zeichnung
DIN A4, Edding auf Papier, 1993
DAS SYSTEM – so fing alles an.
Herbst 1993. Hamburg. Mitten im Kunststudium. Neuer Job. Nachtwache. Viel Zeit. Langeweile. Plus der Wunsch, künstlerisch tätig zu sein.
Gerade hatte ich mit Künstlerkollegen und Freunden ein Atelier in der Wendenstraße bezogen (Hamburg-Hammerbrook), die damals plaktwandgroße Malerei verlangte nach Ideen. Also versuchte ich es mit einfachen Zeichnungen, die ich später auf Folie kopierte und über einen Overheadprojektor auf die Leinwand projizierte.
Die Lehne eines schlichten Holzstuhles, der im Aufenthaltsraum bei der Nachtwachentätigkeit stand, diente als Inspirationsquelle. Die erste Linienzeichnung entstand. Noch konnte niemand ahnen, welche Kugel ich damit angestossen hatte.
Es war die Geburt des Systems „1000 Blatt zur Ewigkeit“.

Schutz des obersten Blattes beim Lagerzustand
DIN A4, Schreibmaschine auf Karton, 1994
Das „Deckblatt über Deckblatt“ steht stets am Anfang einer Präsentation, genauso wie das Messer (vgl. #243) immer den Abschluss bildet. Es ist das Vorne. Der Schutz des Ganzen (2. Stufe).
Nachdem sich in den ersten Monaten seiner Entstehung das System massiv ausgeweitet hatte, kam schnell die Frage der Lagerung auf. Die Objekte kamen in die Kiste, die Blätter wurden gestapelt und anfangs in dünnen, später etwas dickeren Ordnern verstaut.
Dabei lag stets Zeichnung #001 oben auf, was auf Dauer zu einer entsprechenden Gefährdung führte. Alle anderen Blätter waren durch den Stapel geschützt, aber das oberste war besonderen Umständen ausgesetzt. Die Knickgefahr beim Einschub in den Ordner war höher, es war ungeschützt dem Licht ausgesetzt, zudem hatten Wassertropfen leichtes Spiel. Insgesamt ein Umstand, der geändert werden musste.
Das erste „Deckblatt“ entstand. Jetzt war die erste Zeichnung zwar geschützt, jedoch stellte sich schnell die Frage, ob dieses „Spezial“-Blatt nicht selbst Teil des Systems geworden sei und damit ebenfalls schützenswert wäre.
Das ”Deckblatt über Deckblatt“ entstand.
Diesmal aus Karton statt aus Papier. Es schützte nicht nur das „blanke“ System, sondern das erste Deckblatt gleich mit, war somit die zweite Klammer um den Kern (vgl. #058: Konkrete Poesie bzw. #049: Matrjoschka). Natürlich stellte sich sofort die Frage: Wie schützenswert war wiederum dieses Blatt? War es nicht gleichfalls Teil des Ganzen geworden? Geht das überhaupt, dem System etwas anzugliedern, ohne dass dieses automatisch davon absorbiert wird?
Dieses Spiel ließe sich bis in alle Ewigkeit fortführen. Ich beließ es beim zweiten Schritt. Dass es durchaus Sinn macht, kann man an den Spuren erkennen, die sich über die Jahre an der Oberfläche abzeichneten. An der geografischen Front herrschen eigene Gesetze (vgl. #069: Frontverlauf = chronologische Front).
Aus dem „Deckblatt“ wurde so eine sich über die Jahre selbst verwirklichende Zeichnung. Allein dem Umstand geschuldet, dass es zuoberst auf dem Stapel liegt. Es ist eines von zwei Blättern, die sich erst aus der Zeit heraus „entwickeln“ und nie ganz abgeschlossen sind. In dieser Hinsicht dem Pauspapier ähnlich (vgl. #157), nur dass sich dieses inmitten des Stapels befindet und dort den ausgeübten Druck im gelagerten Zustand optisch „mißt“.
„Work in progress“, im wahrsten Sinne des Wortes – so wie das System als Ganzes.