Malerei nach System
Dr. Elke Ullrich über Konstatin Voits Ideenfundus „1000 Blatt zur Ewigkeit“
Die Malerei Konstantin Voits gliedert sich in mehrere thematische Blöcke, deren Ideen aus dem so genannten System schöpfen. Diese komplexe, künstlerische Fundgrube von Blättern und Dingen, die der Maler seit Jahren sammelt, kategorisiert und weiter entwickelt, ist Gegenstand dieser Betrachtung.
1000 Blatt zur Ewigkeit – ein kolossaler Titel für ein System, das als Grundlage für die Malerei fungiert. Aber was hat das Systematische mit der Bildkunst zu tun? Die Mannheimer Malfabriken und der Kreativdirektor Voit, der sein eigener Angestellter ist, beantworten diese Frage bunt und schillernd ernst.
Die Faszination des Systems ist die inhaltliche Basis der Malerei Konstantin Voits. Sie liegt in der Vielfalt der konzeptionellen Blätter und Objekte. Die „1000 Blatt zur Ewigkeit“ sind seit 1993 Ausgangspunkt seines künstlerischen Schaffens und bilden die Vorstufe zu seinen Bildern. Dieses Materialarchiv stellt der Maler zuweilen als installative Anordnung selbst aus und präsentiert damit das künstlerische und formale Gedächtnis seiner Arbeit. Bezeichnend ist dabei die äußerliche Strenge des Ganzen, die sich mit dem Spielerisch-Individuellem paart. Jede einzelne dieser Formen ist von Bedeutung und steht wie eine kleine, singuläre Skulptur für die ausnehmenden und momentanen Augenblicke der Ewigkeit im Raum.
Die einzelnen Systemelemente bilden den Fundus, der die Themenblöcke der Malerei Voits begründet. Vielfältige Papiere und Dinge sind systematisch in Bezugsgruppen geordnet und schlagen Brücken zum eigentlichen Kunstprodukt, zum malerischen Werk.
Den gesamten Aufbau strukturiert eine bedeutsame Zahlensymbolik: Das 1000 Blätter und Objekte umfassende große System beinhaltet das Kernsystem mit 248 Werken. Der Kern des Kernsystems zeigt daraus wiederum 64 Elemente. Die übliche Form der künstlerischen Präsentation sind auf dem Boden liegende Reihungen.
Die vier Hauptaspekte und Bezüge, die im System enthalten sind, zeigen den Bezug zur Malerei, zum Material, zum System und schließlich zur Zeit selbst, d.h. zur Biographie des Künstlers und seinen persönlichen Aspekten. Aufgrund dieser Fülle von Andersartigkeiten ist eine vogelperspektivische Sicht auf das System – beispielsweise wie der Blick auf einen „Atlas“ – für den Betrachter schier unmöglich, auch wenn Voit selbst aus diesem Pool des „groben“ Überblicks für seine Malerei schöpft. Das Systemvermittelt sich durch seine singulären Elemente und transportiert entsprechend einzelne, gelebte Augenblicke der Ewigkeit. Eben diese finden später Eingang in die Malerei.
Das verlangt vom Rezipienten das Innehalten und die Konzentration auf das einzelne Puzzlestück im systemischen Formelwald. Verlieren kann er sich hingegen in diesen jeweils individuellen Materien als visuellen Augenblicken. So thematisiert der Künstler zugleich, quasi nebenbei, ein Alltagsdilemma: Das Überblicken von Zusammenhängen und Dingen entbehrt ohnehin jeder zeitgemäßen Form des menschlichen Lebens. Konkret dafür steht auch das in einer Plastiktüte verschlossene Puzzle: Nr. 214, Prinzip: „Zusammenspiel vieler Einzelteile zu einem Ganzen; 1000 Teile“. Die Ewigkeit beginnt gleich im Anschluss?
Bei der Ausstellungspräsentation des Systems, neben seiner Funktion als Ideenfundus und Bindeglied zum eigenen malerischen Werk, wird inzwischen meist das Kernsystem gezeigt, also die Auswahl aus 248 Elementen. Dabei gibt es jedoch stets eine Nummer die aus der Reihe tanzt: beispielsweise einen Querschläger (Nr. 55, Prinzip: „Aus der üblichen Legeordnung geratenes Blatt“), der das Betrachterauge tatsächlich durch diagonale Form in Unruhe versetzt, in dem er gegen die aufgestellte und konsequente Ordnung verstößt. Man ist versucht an die sprichwörtliche „Keine Regel ohne Ausnahme“ zu denken; eine Stellungnahme, die dem Charakter der klaren Sätze und Aussagen der Systemblätter durchaus verwandt erscheint. Als Störung, als Unruhestifter, wie ihn jedes System und jedes Regelwerk kennt, bleibt das etwas andere Element der Reihe zugehörig und sorgt dort für sympathisch lebendige Unordnung in der Ordnung der Dinge.
Eine sichtbare Markierung hinterlässt nach dem Abbau lediglich eine Schraube, der ”Anker“ (Nr. 132 des Kernsystems), der als einziges Element in den Boden geschraubt wird – ein vertiefendes Zeichen und doch nur ein Punkt, eine meist unbemerkte Spur, obgleich typisch für die oft klaren oder zarten Zeichnungen und ironischen Worte des Systems, die formale oder verbale Zeichen setzen.
Innerhalb der ungreifbar wabernden Ewigkeit sorgt der dynamische Charakter des Systems für Bewegung. Sie besteht in Veränderungen auf der Grundlage der „Prinzipien“, mit denen der Maler die Einzelelemente beschreibt. Das heißt, an einigen Stellen werden von Zeit zu Zeit Blätter komprimiert oder erweitert. „Blattveredelung“ nennt Voit diese mobile Aktualisierung innerhalb des festen Systems. Der Kreisel (Nr. 166, Prinzip: „Veränderung durch Bewegung“) fokussiert dieses Bestreben. Noch elementarer ist diesem Zusammenhang das Mobile (Nr. 183, Prinzip: „Bewegung innerhalb eines Systems der Statik“), das nach einmaligem Anschubsen nicht mehr in den Stillstand kommt, sondern sich permanent selbst beflügelt.
Des Weiteren enthält das System inhaltliche Paten der Kunstgeschichte, beispielsweise beim ersten Objekt in der nummerierten Zählung, einer Seifenablage mit Löchern aus Hartgummi (Nr. 8, Prinzip: „Zeichenvorlage; Ready-Made; erste Schablone“). Dieses Objekt erfüllt primär die Rolle einer formelhaften Schablone für Voit. Zudem, stellt es eine offensichtliche Verbindung zu Duchamps Ready-Mades her. Dessen ungeachtet verliert der Gegenstand nicht seinen persönlichen Charakter des kaum zufälligen Fundstückes. So erscheinen an einigen Stellen immer wieder kunstgeschichtliche Entsprechungen in diesem Kompendium von Zeichen und Ikonographien, deren aufblinkende Spots erhellen können, jedoch nicht notwendig erkannt werden müssen, um die Blätter oder Objekte als solche wirken zu lassen.
Die thematische Bindung des Systems zeigt sich u.a. an den Pendants, wie beispielsweise der Matrioschka (Nr. 50, Prinzip: „Verschachtelung“), deren Bilder auf den in einander gesteckten Puppen eine rätselhafte Geschichte erzählen. Der Fortgang der Erzählung offenbart sich uneindeutig durch das Enthüllen der jeweils kleineren Form. Darin erweist sie sich als Gegenstück zu dem mit Schreibmaschine beschriebenen Blatt „Konkrete Poesie“ (Nr. 59, Prinzip: „Die Schachtel um die Schachtel um die Schachtel“). Hier wird der innere, zentral gesetzte Punkt durch Klammern, die sich gegenseitig umschließen, gewahrt. Die Form der beiden Objekte umkreist das Thema des Einhüllens und Beschützens in vielen Schichten auf divergente Art. Die Konzentration liegt auf dem Zentrum, das ohne die Hüllen nicht bestehen kann und umgekehrt; sprich: der Kern bedarf seines schützenden Umfeldes, um sich als Kern zu konstituieren.
Nr. 59: Konkrete Poesie, Prinzip: "Die Schachtel um die Schachtel um die Schachtel"
Zugleich ist „Spaltung der Mitte, Annäherung ans Zentrum“ das Prinzip der beiden Dartpfeile (Nr. 219) die ineinander stecken und damit bemüht sind, dem Kern des Kerns nahe zu kommen. Diese Abhängigkeiten der Formen voneinander findet sich auch als Schema in der Malerei Voits. Das Thema von Innen und Außen kann hier sowohl als Grundproblematik des Dreidimensionalen – somit auch der Skulptur – wie als generell philosophische Frage betrachtet werden. Die Mehrschichtigkeit, das übereinanderlagern und -schieben der Malschablonen Voits implizieren ein „Innenleben“ und damit gewissermaßen einen gedachten, dreidimensionalen Raum. Ein solcher Raum entwickelt sich in der Perspektive.
Genauso treten die Lupe (Nr. 58, Prinzip: „Dimensionsbrücke zwischen verschiedenen Größen“) und der einzelne Türspion (Nr. 93, Prinzip: „Optisches Werkzeug zum Erfassen des gesamten Raumes“) als Stellvertreter unterschiedlicher Blickwinkel und Perspektiven auf. Das Betrachtete und die Welt werden einer nahezu mittelalterlichen Bedeutungsperspektive unterworfen. Das heißt, dass mit der Größe und der Darstellung eines Dings, oder der dinghaften Mitwelt sich die Wertigkeit dessen beliebig verändern kann oder zumindest in Frage stellen lässt. Diese Problematik, eine Realitätsverschiebung, ist grundlegend für künstlerische Darstellungen und wird hier visualisiert. Voit nimmt in seiner Arbeit häufig beinahe wissenschaftliche Hilfsmittel und Strukturen zur Hand, um systematisch überlagerungen herzustellen und sichtbar zu machen.
Gerade dieses Verschieben, Aufschichten und überlagern ist es, das eine zentrale Arbeitsweise des Voitschen Werkes bezeichnet. Es ist sowohl im System angelegt, als auch in den Bildern der Malfabrik durch den Fabrikdirektor Voit ausgeführt. Das überführen eines Motivs aus dem ertragreichen Fundus in die Malerei ist ein Vorgang, der über mehrere Schritte abläuft. Er verdichtet sich schließlich zu einem Bilderblock mit Einzelmotiven, aus denen der Kunstkäufer selbst auswählen kann. Am Rechner werden von Voit zahlreiche Bildmöglichkeiten ausgelotet. Zur Ausführung kommen zuerst wenige davon. In vielen Bildern lassen sich diese Spuren thematisch oder äußerlich zum System zurückführen und identifizieren. Demnach entsteht ein Netzwerk von Bezügen und Anknüpfungspunkten, das die künstlerische Arbeit versprengt miteinander verbindet.
Das heißt, so wie einzelne Elemente innerhalb des Systems miteinander korrespondieren, greifen sie über ins malerische Werk. Letzteres ist ebenso systematisch aufgebaut und folgt einem klaren Regelwerk, nachdem der Maler vorgeht. Die Bilder sind jeweils zusammengeschlossen in die so genannten Blöcke. Namensgeber hierfür ist im System Nr. 226, das eine alte Gussform für Blockschokolade zeigt, deren formale Eigenarten in das Grundgerüst der Malerei geschwappt sind. Das Prinzip hierbei ist der „Block-Charakter des Systems; Blöcke der Malfabrik“. Derzeit widmet sich Voit, neben anderen systemischen Arbeiten, vor allem Block 10 (2009 begonnen): „Equinox“ (Tagundnachgleiche), der jeweils 119 Figurengruppen mit Acrylfarbe aus Kinderschablonen in verschiedenen Variationen und Farbigkeiten zeigt.
Neben der Funktion als materielle Fundgrube des Persönlichen und Allgemeinen für die Malereiblöcke, entwickelt das System als autonomes Werk ein variantenreiches Einzelleben. Beim Betrachter setzt es eine Fülle an Assoziationen und Geschichten frei. Bereitwillig gibt der Künstler Auskunft über seine Fundstücke und Zeichnungen, wie über die Entstehung der puristisch konzeptionellen Wortbilder, die teilweise ein stark biographisch geprägtes Profil entfalten. „Das Selbstverständliche ist das Persönliche“ behauptet hierzu Blatt Nr. 33 (Prinzip: „Selbsterkenntnis“) in der kennzeichnend unprätentiösen Aussage einer Beistiftnotiz, auf dem charakteristischen DINA4-Format.
Ferner entspringt die erste Kinderschablone, der inzwischen rund 4000 Schablonen, die Voit sammelt und nutzt, dem Fundus System: Es ist eine blaue Plastikschablone mit Eisenbahnen (Nr. 31, Prinzip: „Die Urschablone: Ausgangspunkt der Malfabrik“). Zunächst wurde sie gleichwertig ins System eingegliedert, ohne dass der Maler sie verwendete. Erst nach rund zwei Jahren entnahm er sie wieder; seit Mitte der 90er Jahre stellt sie den Beginn der Schablonenmalerei des Voitschen Werks dar.
Die Systemblätter geben mit ihrer Normgröße bereits die Bildformate vor; sie regulieren damit sogleich die Größenverhältnisse der Malfabrik von Voit. So entsprechen die Malereien ihrerseits den industriell festgelegten DIN-Formaten und können in entsprechender Größe nach Wunsch bestellt werden. Die Farbe wird in der Regel mit Sprühfarbe durch Schablonen aufgetragen. Als Einzelstücke bleiben die Bilder Malerei, trotz ihrer Wiederholbarkeit bis zu einer festgelegten Auflage. Die Bedeutungshaftigkeit liegt, bei dieser auf den ersten Blick vorwiegend bunten und schillernden Malerei, in den tieferen, leicht verborgenen Ebenen, was reizvolle Entdeckungen ermöglicht, die prima vista nicht immer ersichtlich sind.
Demgemäß erscheinen etliche Elemente von den 1000 Blatt zur Ewigkeit wie ein individuelles und zugleich kulturelles Gedächtnis – ein Kompendium an stillen, halb verborgenen Geschichten, die verdichtet ein kleines Stück von sich zeigen. Ihr Eigenleben beginnt dezent zu sprechen, lässt man sich leise darauf ein. Das Faszinosum dieser schweigenden Anhäufung von Standpunkten und Lebensmarken besteht sicherlich u.a. auch in der Art der flüsternden Unaufgeregtheit, wie die Elemente lose auf dem Boden präsentiert werden: Gleichbedeutend stehend, liegend, in großer individueller Diskrepanz voneinander und dennoch nicht konkurrierend – eben wie die erlebten Momente der längst begonnenen Ewigkeit.
Ein tragendes Bild der 1000 Systemelemente sind die tausend Klebepunkte auf Duschfolie von „1001 Nacht“ (Nr. 170, Prinzip: „Numerische Systemgrenze (25×40=1000)“*, die auf Keilrahmen aufgezogen sind. Sie präsentieren, neben den kunstgeschichtlichen Verweisen (beispielsweise zu Roy Lichtenstein oder Sigmar Polke), genau diese Übereinstimmung und das willenlose Wohlgefallen; ein gerades Nebeneinander in schneidender Leichtigkeit und geordnetem Ernst. So funktionieren auch die Bilder der klaren Formen und Farben von Konstantin Voit, nur eben als ironisch ernsthafte Malerei, wenn auch ohne Pinselstrich und fließende Farbverläufe. Die Klarheit als auch die Reichhaltigkeit des Systems manifestieren sich gleichermaßen in der Bildkunst des Malers – hinter den 1000 Blatt beginnt die Unendlichkeit der Variationen.
* Bei der Zahl 1000 des Großsystems (auch A-System genannt) beginnt für Voit die Unendlichkeit: 1000 x 1000 = Million, 1001 Nacht, Tausendsassa, 1 km = 1000 m, 1 Kilo = 1000 Gramm, 1000 Möglichkeiten etc. Das Kernsystem entspricht nach der jüdischen Kabbala mit 248 Elementen der Anzahl der Glieder im menschlichen Körper, demnach einer Vielzahl an Einzelelementen, die das Ganze generieren. Im Kern des Kernsystems bezeichnet die 64 das Geburtsjahr des Künstlers, damit den Beginn des künstlerischen Universums. Zudem bedeutsam ist die Summe von 8 x 8, das Schachbrett und als Potenzzahl (2 hoch 6).
Text: © 2010 Elke Ullrich / Fotos: © Konstantin Voit
Dr. Elke Ullrich lebt als freie Kunstwissenschaftlerin in Wiesbaden. Sie ist Vorstandsmitglied im Nassauischen Kunstverein (NKV) und arbeitet zudem, neben eigenen Kunstprojekten, im Künstlerverein Walkmühle e.V.
Weitere Infos:
www.kunstverein-wiesbaden.de
www.walkmuehle.net


















































































































































































