Benedikt Stegmayer über Konstantin Voit / Malfabrik
Eröffnungsrede anläßlich der Ausstellung in der Stadtgalerie Mannheim 2011
Walter Benjamin beschreibt in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ das Phänomen der Aura, das natürlichen Objekten und vor allem Kunstwerken etwas Mystisches verleihen kann.
Die Aura des Kunstwerks entsteht durch dessen Echtheit und Einmaligkeit sowie eine ästhetische Distanziertheit, die das Werk unnahbar scheinen lässt. Über Jahrtausende hinweg war die Aura immer ein entscheidender Faktor bei Kunstwerken und deren Wertschätzung. Sie ist eng an den Benjaminschen Begriff des Kultwerts von Kunstwerken gekoppelt. Kunstwerke sind nicht ohne eine Funktion denkbar und die erste Funktion von Kunst war eine mystische und später eine religiöse. In diesem Funktionszusammenhang wird das Kunstwerk selbst zum verehrten Kultobjekt. Und auch im Wandel der Säkularisierung können Kunstwerke noch diesen Kultwert behalten. Die Lehre vom „l’art pour l’art“ nennt Benjamin eine „Theologie der Kunst“.
Walter Benjamin beschreibt im Kunstwerk-Aufsatz auch den Verfall der Aura in der Kunst. Sie ahnen sicher schon, was diesen Verfall der Aura bedeuten kann, wenn Sie durch Echtheit, Einmaligkeit und Unnahbarkeit entsteht. Die Reproduktion von Kunstwerken unterwandert die Idee der Echtheit und Einmaligkeit und – an dieser Stelle verlasse ich Walter Benjamin – die Unnahbarkeit wird durch Witz, Humor und Komik überwunden. Die im Museumsshop des Louvre vielfältig angebotenen Reproduktionen der Mona Lisa werden Sie nicht als auratische Kunstwerke wahrnehmen. Und wie Humor und Komik etwas Unnahbares in unsere greifbare Nähe bringen kann, zeigen uns momentan am besten die Gaddafi-Karikaturen an Häuserfassaden in Libyen. Nahbar und angreifbar wird der Diktator in den Augen vieler erst dadurch, dass er als größenwahnsinniger Spinner dargestellt und belächelt wird.
Sie sehen, die Zerstörung der Aura hat durchaus politische Brisanz, nicht nur in dem gewählten Beispiel. Und Walter Benjamin beschreibt den Verfall der Aura auch nicht als negativ, sondern schreibt über die Befreiung von der Aura. Die Zertrümmerung der Aura sei die Signatur für eine geänderte Wahrnehmung, die sich durch die Reproduktionsmedien erst entwickelt hat.
Konstantin Voit arbeitet in seiner Kunst, wie Sie sie in der Ausstellung sehen, ganz bewusst mit den beiden beschriebenen Möglichkeiten: Vervielfältigung und Ironie, um das Auratische in seinen Bildern aufzuheben.
Der Künstler arbeitet unter dem Namen Malfabrik. Seine Bilder sind die Ausführungen von Konzepten, die auf Reproduzierbarkeit ausgelegt sind und in ihren Dimensionen beliebig variabel sind. In der Fabrik werden Voits Kunstwerke in Serie hergestellte Produkte und sind nun nicht mehr mystische, einmalige Objekte. Konstantin Voit hat dadurch einerseits einen politischen Anspruch, nämlich Kunst für Alle zu machen, wie das seit dem 20. Jahrhundert immer wieder von Künstlern gefordert und durch Editionen betrieben wurde. Andererseits untersucht er auf der ästhetischen Ebene die Reproduzierbarkeit von Originalen, denn seine Arbeiten bleiben Malerei, sie behalten den Charakter einmaliger Produkte. Die ausgeführten Objekte sind keine Radierungen oder Siebdrucke, sondern gemalte Originale, und keine seiner Vorlagen in Form von Plotterfolien kann mehrfach verwendet werden. Konstantin Voit bewegt sich somit in einem Spannungsfeld zwischen Reproduzierbarkeit und Einmaligkeit.
Als Vorlage für seine Arbeit dienen Konstantin Voit Schablonen – und zwar Kindermalschablonen. Bilder mit Kindermalschablonen zu malen ist die einfachste Art der figurativen Malerei. Wenn ein professioneller Künstler, dessen Arbeiten als Kunstwerke in Galerien und Museen hängen, Kindermalschablonen für seine Bildgenese verwendet, so wirkt das zunächst vielleicht wie ein dadaistischer Gestus, wie ein Affront an die Kunst. Die Arbeitsweise lässt Rückschlüsse auf ein gewisses Maß an subversivem Humor des Künstlers zu, weil er seine eigene Ernsthaftigkeit damit freiwillig unterminiert. Beim Betrachter erzeugt dies eine zumindest komische Wirkung und Irritation. Zwar haben die Werke, wie Sie sie in dieser Ausstellung sehen, durchaus das Potenzial und die Berechtigung, als erhabene Kunstwerke wahrgenommen zu werden – schließlich sind sie die Ergebnisse eines ernsthaft arbeitenden Künstlers.
Konstantin Voits Vorlagen in Form von Kindermalschablonen brechen jedoch bewusst mit diesem Anspruch. Seine Bilder werden somit zur Herausforderung an uns Betrachter, denn uns wird weder Einmaligkeit, noch Erhabenheit geboten. Wir müssen uns auf eine ästhetische Auseinandersetzung mit den Bildern einlassen und diese intellektuell verstehen bzw. nachvollziehen. Konstantin Voit überlagert viele Schichten. Durch diese Malweise findet eine Verklärung des banalen Bildinhalts statt. Es ist kaum noch zu erraten, was die ursprünglichen Motive der Bilder sind, geschweige denn, wozu sie im Bearbeitungsprozess geworden sind, und sie erfordern daher die intensivste Bildbetrachtung. Und das alles nur, damit wir zu dem Ergebnis kommen, dass die Bildmotive doch absolut gewöhnlich sind.
Durch die Verwendung seiner Vorlagen knüpft Konstantin Voit an die Kunst Andy Warhols an. Die auf den ersten Blick mechanisch-banale Herstellung seiner Arbeiten kokettiert mit der völlig kunstfremden Laienmalerei, und damit zitiert Voit Warhols Serie „Do-It-Yourself“ aus den 1960ern, Bilder die dem „Malen nach Zahlen“-Prinzip folgten. In der „Do-It-Yourself“-Serie fertigte Warhol Bilder-Skizzen nach „echten“ Malen-nach-Zahlen-Vorlagen aus Hobbymalkästen an und kolorierte diese teilweise. Damit nahm er die Kritik seiner Gegner vorweg, befeuerte deren Ablehnung und war ihnen im Denken immer schon einen Schritt voraus.
In der zitathaften Vorgehensweise Voits steckt natürlich ebenso viel Kritik. Am Starkult des Künstlers, am romantischen Geniegedanken, der voraussetzt, dass man praktisch als schöpferischer Geist geboren sein müsste, um Kunst schaffen zu können. Die Verwendung von Kindermalschablonen hebelt alle falsch verstandene Kreativität von vornherein aus. Und trotzdem ist eine eigenwillige, ja eigenständige Kunst mit absolut eindeutiger Handschrift das Ergebnis. Und das ist einer der Gründe, warum Konstantin Voit einer der herausragenden Maler hier in der Region ist.
Konstantin Voits Kunst ermöglicht einer großen Anzahl an Personen die Teilhabe an seiner Arbeit. Jeder kann zum Sammler werden, weil die Preise seiner Bilder nicht die von Unikaten sind und v.a. die kleineren Formate für jeden erschwinglich sind. Und: Konstantin Voit lässt, am Beispiel dieser Ausstellung, das potenzielle Publikum darüber abstimmen, welches seiner Kunstwerke ausgeführt werden soll. Er wählt eine Anzahl an Möglichkeiten aus und lässt facebook-demokratisch darüber abstimmen. Jeder von Ihnen kann also zum Kurator seiner Kunst werden.
Möglich ist die Abstimmung über Bilder, die Konstantin Voit noch gar nicht gemalt hat, aber gerade dadurch, dass Voits Kunst konzeptuelle Malerei ist. Alle seine Werke existieren schon als Idee und als fertiger Entwurf. Sie sehen im Ausstellungsraum die komplette Serie „Equinox“, „Block 10.4“. 119 Ausdrucke, die alle als Kunstwerke ausgeführt werden könnten. Daneben hängt exemplarisch eine ausgeführte Arbeit aus dem Block. Idee und ausgeführtes Werk sind gleichermaßen wichtig. Konzeptkünstler wie Lawrence Weiner oder Sol Lewitt schicken Museen, die ihre Werke zeigen, nur noch eine Notiz mit Angaben darüber, wie die Arbeit ausgeführt werden soll. Die technische Realisierung selbst wird von den Museen entworfen, das ganze Augenmerk liegt also auf dem Bildkonzept, die Ausführung selbst ist nicht mehr entscheidend. Ganz so weit geht es bei Voits Arbeiten nicht. Es handelt sich immerhin um Malerei mit Bildwirkung, die sich nicht in einem reinen Konzept erschöpft. Und, auch wenn sie den Anschein erwecken, dass sie einfach zu produzieren sind, so stellt ihre Herstellung den Künstler doch vor technische Herausforderungen. Erst der Herstellungsprozess zeigt, ob die Bilder technisch überhaupt so realisierbar sind, wie sie der Künstler konzipiert.
Die Verwendung von Kindermalschablonen hat bei Voit natürlich weitere Gründe, als lediglich die Zertrümmerung der Aura und die Subversion des klassischen Kunstverständnisses. Die Malschablone liefert Konstantin Voit die Möglichkeit, einen Widerstand zu beseitigen. Den Bildinhalt. Konstantin Voits Kunst ist Malerei und an der Farbe, nicht am Strich orientiert. Und wenn es um reine Malerei geht, dann interessiert der Bildinhalt nicht. Der Künstler beschäftigt sich mit der Bildkomposition und nicht mit der figürlichen Darstellung. Die Kindermalschablone ist dafür das optimale Mittel. Sie liefert dem Künstler die Formen als Readymade und befreit ihn von der inhaltlichen Überlegung. Der Betrachter muss sich von der Idee verabschieden, dass die Form inhaltlich wichtig wäre. Sie ist als Schablone viel zu weit von jeder ernsthaften Aussage entfernt. Auch das ist einer der bemerkenswerten Aspekte in Voits Malerei. Obwohl es anfangs noch einen Bildinhalt gibt, ist jede Ikonografie absichtslos und zufällig und daher jede ikonografische Betrachtung und Interpretation seiner Bilder unmöglich, ja geradezu absurd.
Das ist zunächst schwierig. Zu viel Wiedererkennbarkeit, zu viele Assoziationen, zu viel Erinnerung steckt in den verwendeten Vorlagen. Und doch handelt es sich um abstrakte Kunst. Um Kunst, die ihre Mittel zum Thema macht, die sich auf die wesentlichen Bestandteile konzentriert und dabei die immer wieder sich einstellende Deutung und Bedeutung auslöscht. Auch wenn sie immer wieder aufscheint und sich aufdrängt: Kein Inhalt kann die Konkurrenz mit den Mitteln der Malerei aufnehmen, wenn der Maler zu seinem Medium steht und die Täuschung der Malerei entlarvt, indem er sie konsequent vorführt als das, was sie ist: Farbe und Form.
Text: © 2011 Benedikt Stegmayer / Fotos: © Konstantin Voit
Benedikt Stegmayer (* 1981) hat Philosophie, Kunstgeschichte und Literatur in Tübingen, Cambridge, Paris und Berlin studiert. Stegmayer war seit 2005 freier Mitarbeiter im Kunstverein Rosenheim und ist Mitbegründer und Leiter des „Verlags für zeitgenössische Kunst und Theorie“. Außerdem schreibt er für das Berliner Stadtmagazin Zitty. 2011 wurde er Kunstbeauftragter der Stadt Mannheim und war dort Leiter der Stadtgalerie. 2015 übernahm er die Leitung des Kulturamts Esslingen am Neckar und wurde 2019 Referent für Kultur und Tourismus der Stadt Bayreuth. Seit dem August 2024 ist er Referent für die Bereiche Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft der Stadt Würzburg.


















































































































































































