031 – Meuterei auf der Bounty
Das wichtigste Buch meines Lebens
17,9 x 11,5 x 2 cm, Buch, 1993/1985
Fletcher is my name. Fletcher is the game. Die Meuterei begleitet mich ein Leben lang. Wie oft ich das Buch als Kind und Jugendlicher gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Es muss viele Male gewesen sein. Selbst auf meiner Wanderung anno 1985 hatte ich es bei mir.
Später kamen die Filme dazu. Vor allem die grandiose Inszenierung mit Marlon Brando, 1962. Jahrelang mein absoluter Lieblingsstreifen.
Was aber fasziniert mich daran derart, dass es nicht nur zu meinem Lieblingsbuch wurde, sondern zum Markenzeichen für ein ganzes Leben?
Ist es die Geschichte, das Abenteuer, die Unglaublichkeit der Ereignisse? Der Mut der Besatzung, sich gegen unhaltbare Zustände aufzulehnen, alles hinter sich zu lassen und ohne Rücksicht auf die eigene Zukunft das Unmögliche zu wagen? Oder schlicht und ergreifend das Exotische, die Ferne, das Meer, die Südsee?
Von allem vermutlich etwas.
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Meuterer unterscheiden sich von Piraten. Das ist wichtig. Während erstere Ausgestossene sind, die sich an der Habe anderer bereichern, dabei auch gerne über Leichen gehen, also per se außerhalb des Gesetzes stehen, sind Meuterer diejenigen, die prinzipiell damit konform gehen.
Erst eine außergewöhnliche Situation, ein besonderer Umstand macht sie zu dem, was sie sind. Etwas, das so heftig an Gesetzestreue und Loyalität gegenüber der Obrigkeit rüttelt, dass sie gar nicht anders können, als sich aufzulehnen und zu meutern. Ohne Rücksicht auf eigene Verluste.
Künstler sind das eigentlich von Haus aus. Sie lehnen sich auf gegen Konformität, Gleichschritt, bedingungslose Unterordnung und Eingliederung in ein Gesellschaftssystem, das sie als ungerecht, hierarchisch, korrupt und unfrei, alles in allem also als „schwer renovierungsbedürftig“ empfinden.
Nur: Vor den eigenen Toren macht das oftmals halt. Das Kunstsystem selbst wird gerne ausgeklammert. Die böse Welt mag wohl da draußen sein, in der Kunst hingegen ist alles gut. Pustekuchen!
Gerade in der Kunst spiegelt sich die Gesellschaft um ein Vielfaches. Das ist vielleicht die grösste Erkenntnis, die zwischen dem naiven Bild von damals (als man anfing in die Materie einzutauchen, das Studium begann, die ersten künstlerischen Ausflüge unternahm) und dem Heute liegt.
Auch, weil es um viel Geld geht. Um Macht. Um Einfluss. Um eigene Pfründe. Da sind Anpassung, Duckmäusertum, Radfahrer-Mentalität, Ellenbogen-Denken und Egoismus vorprogrammiert. Sozusagen Tagesgeschäft. Weil sich das Kunst-System in keinster Weise von dem Gesellschafts-System unterscheidet. Im Gegenteil.
Genau hier wäre manchmal die Meuterei vonnöten. Gerade dort bräuchte es Menschen wie Fletcher Christian, die die Klappe aufreißen und gegensteuern. Aufbegehren. Nicht mehr mitmachen. Den Säbel zücken. Klartext reden. Zur Not den Kapitän ins Beiboot verfrachten. Das System als solches bloßstellen. Nicht nur den eigenen Vorteil im Blick haben. Das Ganze sehen. Ohne Rücksicht auf die eigene Karriere oder das eigene Glück.
Doch wer wagt das heute noch?
Deshalb: Als großes Symbol innerhalb der Geschichte, als großes Leitbild und Motiv ist die „Meuterei“ so präsent wie ehedem. Man kann nur hoffen, dass die Fletchers auf dieser Welt niemals aussterben, dass immer wieder ihr Leuchtfeuer auf die Küste trifft. Weil es um Wahrhaftigkeit geht, um Unbeugsamkeit und – letzten Endes – um große Emotionen. Ahoi!